Die hässliche Fratze
Von Kristian Stemmler
Abbruch Ost, Aufbau West: Während das Versandunternehmen Zalando 2026 ein neues Logistikzentrum im hessischen Gießen in Betrieb nimmt, wird das 2012 mit Fanfaren der Landes- und Lokalpolitik eingeweihte Logistikzentrum in Erfurt dichtgemacht. Auf einen Streich – und dem Vernehmen nach ohne Vorwarnung – verschwinden in der Thüringer Landeshauptstadt die Arbeitsplätze von 2.700 Menschen. An dem seinerzeit mit über 20 Millionen Euro geförderten Standort sollten eigentlich bis zu 4.000 Menschen arbeiten. Nun wird die Belegschaft auf Null reduziert: Das Unternehmen mit Sitz in Berlin kündigte am Donnerstag in einer Erklärung an, den Standort Ende September komplett aufzugeben.
Die Gewerkschaft Verdi reagierte auf die Ankündigung mit scharfer Kritik, sprach von einem »Schlag ins Gesicht« der Kollegen, »die zum Teil seit mehr als einem Jahrzehnt dem Standort trotz Niedriglöhnen die Treue halten«. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) sagte: »Beschäftigten Sicherheit zuzusagen, Leistung zu fordern, ihnen Verlässlichkeit zu signalisieren und anschließend Standorte zu schließen, beschädigt Vertrauen nachhaltig.« »Dass wir hier vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, ist absolut unüblich und ganz sicher kein guter Stil«, klagte auch Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU). Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) sprach von einer »traurigen Nachricht« nicht nur für Erfurt und Thüringen, »sondern auch für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland«. Zalando sei der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber der Stadt.
In der Erklärung von Zalando ist im gängigen PR-Sprech von einer »schwierigen, aber notwendigen Entscheidung« die Rede, die man »nicht leichtfertig getroffen« habe. In den vergangenen Monaten habe man das Logistiknetzwerk von Zalando und About You »gründlich überprüft« mit dem Ziel, dieses »bedarfsgerecht auszurichten und uns zukunftssicher aufzustellen«. Gegenüber dem MDR erklärte Konzernsprecherin Anne Frohnmayer ergänzend, am Erfurter Standort sei »der Modernisierungsaufwand zu hoch«.
Die Belegschaft in Erfurt wurde am Donnerstag vom angereisten Zalando-Vorstand über die Schließung informiert. In der parallel publizierten Mitteilung des Unternehmens heißt es, man sei den Beschäftigten »außerordentlich dankbar« und bedaure »zutiefst die Auswirkungen, die diese Entscheidung« haben werde. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren habe das »Team von rund 2.700 Zalandos« in Erfurt einen »wesentlichen Beitrag zu unserem Unternehmenserfolg geleistet«.
Für die Belegschaft komme die Entscheidung »völlig überraschend«, erklärte Jörg Förster, Pressesprecher des zuständigen Verdi-Landesbezirks, am Donnerstag gegenüber jW. Matthias Adorf, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel, erklärte in einer Mitteilung, »statt in den Erhalt der Infrastruktur zu investieren und mit Betriebsrat und Gewerkschaft über Möglichkeiten der Zukunftssicherung« zu sprechen, schaffe Zalando Tatsachen. Auf allen Betriebsversammlungen der letzten Monate sei die Zukunftsfähigkeit des Standorts Erfurt gepriesen worden, so Adorf weiter. Es sei dabei nur darum gegangen, die Beschäftigen »im Weihnachtsgeschäft noch ein letztes Mal auszupressen, bevor man sich ihrer entledigt«. Es scheine wirtschaftlich profitabler, den ältesten Standort des Netzwerkes zu schließen, während man in Gießen ein neues Logistikzentrum ans Netz nimmt. »Die Schicksale der Beschäftigten interessieren nicht, wo es um das Geld der Aktionäre geht«, so der Gewerkschafter: »Nirgendwo zeigt sich die hässliche Fratze des Kapitalismus deutlicher als im Versandhandel.«
Die Wut dürfte »eingepreist« sein: Zalando-Kochef David Schröter signalisierte bereits Bereitschaft, die Beschäftigten finanziell zu unterstützen. Im Gespräch mit der FAZ erklärte er, der Konzern habe sich auf einen signifikanten Beitrag eingestellt. Das Logistikzentrum Erfurt ist der einzige konzerneigene Logistikstandort in dieser Größe in Ostdeutschland. Weitere große Logistikzentren betreibt Zalando in Lahr im Schwarzwald und in Mönchengladbach.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Ying Tang/NurPhoto/imago10.07.2025Mies wie Amazon
dpa/Martin Schutt18.09.2023Aufregung um Abstimmung
Martin Schutt/dpa28.04.2014Kein Schrei vor Glück
Mehr aus: Inland
-
Stehen Sie noch zu ihrer Gegenstimme?
vom 09.01.2026 -
»Vulkangruppe« vs. »Vulkangruppe«
vom 09.01.2026 -
Bauern blockieren Autobahnen
vom 09.01.2026 -
Sozis proben den Zwergenaufstand
vom 09.01.2026
