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Aus: Ausgabe vom 08.01.2026, Seite 5 / Inland
Agrarpolitik

Fragiles Ernährungssystem

Bericht: Konzernmacht und Lobbyismus diktieren Agrarproduktion. Verbände fordern Preisbeobachtung und Lebensmittelspeicher
Von Oliver Rast
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Ackerbau schafft Nahrungsgrundlagen: Böll-Stiftung und BUND fordern mehr Verhandlungsmacht für bäuerliche Betriebe

Essen, trinken – lebenswichtig, überlebenswichtig. Doch existentielle Güter werden immer stärker monopolisiert. Wenige Großunternehmen diktieren, was angebaut, verkauft und aufgetischt wird. So lauten Befunde aus dem am Mittwoch in Berlin veröffentlichten »Konzernatlas 2026 – Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie«. Die Herausgeber Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre warnen vor einem fragilen Ernährungssystem, das anfällig ist für Lieferkettenkrisen und Preisschocks für Erzeuger und Verbraucher.

Kein Wunder: Weltweit dominieren jeweils vier Konzerne den Agrarmarkt: Sie kontrollieren 61 Prozent des Pestizidgeschäfts, 56 Prozent des Saatguts und 43 Prozent der Landmaschinen. In Deutschland konzentriert sich auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zunehmend: Aldi, Edeka (mit Netto), Rewe (mit Penny) und die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland) beherrschen heute rund 88 Prozent des Marktes – 1995 waren es noch 55 Prozent.

Gleichzeitig bricht das traditionelle Handwerk weg: Seit 1950 ist die Zahl der Handwerksbäckereien um fast 60 Prozent gesunken, während ein paar Kernbetriebe inzwischen drei Viertel des Umsatzes erzielen. Die Folgen sind klar: Mit der wirtschaftlichen Macht wächst der politische Einfluss. Ein Beispiel schilderte Christian Russau gleichentags auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des »Konzernatlas«. Zwischen 2020 und 2023 investierten dem Vorstandsmitglied des Dachverbands Kritische Aktionäre zufolge allein neun Lobbyorganisationen mehr als 50 Millionen Euro, um eine Halbierung des Pestizideinsatzes in der EU-Agrarpolitik zu verhindern – erfolgreich. Wenn die EU-Kommission nun unter dem Deckmantel der Entbürokratisierung den nächsten Konzernwunsch erfüllen wolle, »gefährliche Pestizide sogar unbefristet zu genehmigen, wäre das ein Freifahrtschein auf Kosten von Umwelt und Gesundheit«.

Aber auch die Fleisch- und Molkereigiganten mischen kräftig mit: Die fünf größten Unternehmen stoßen zusammen ähnlich viele Treibhausgase aus wie die Ölkonzerne BP oder Shell – und lobbyieren fleißig gegen strengere Berichtspflichten zu ihren Emissionen.

Ein weiteres großes Thema: das Kassemachen an der Supermarktkasse. Zwischen Januar 2020 und Oktober 2025 erhöhten die LEH-Riesen die Lebensmittelpreise um 36,1 Prozent, sagte die Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, Imme Scholz. Landwirte bräuchten kostendeckende Preise für eine faire und nachhaltige Produktion, Konsumenten bezahlbare Nahrung, besonders inmitten einer Teuerungswelle, betonte Scholz. Denn jeder sollte sich gesund und umweltschonend ernähren können. Wenn sich Märkte stark konzentrieren, profitieren in Krisen zuvorderst Branchenmultis, während das Gros der Agrarbetriebe fast nichts davon hat.

Deshalb seien starke bäuerliche Betriebe – ob ökologisch oder konventionell wirtschaftend – notwendig, ergänzte Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND. Zukunftsfähig sei Landwirtschaft dann, »wenn mit Umwelt- und Klimaschutz ein verlässliches Einkommen erzielt werden kann«. Das Problem seien nicht die Höfe, sondern ein Oligopol, das Produktionsweisen und Preise bestimmt – und nicht zuletzt ökologische Folgekosten vergesellschaftet.

Nur, wie lässt sich die »Marktmacht« der Bigplayer brechen, wenigstens begrenzen? Ideen dafür gibt es. Genossenschaften agieren mittlerweile in der Landwirtschaft wie multinationale Großkonzerne, die sich am Kapitalmarkt statt am Gemeinwohl orientieren. Das bekommen vor allem Milchbauern zu spüren, die am Gängelband genossenschaftlich organisierter Molkereien hängen. Politisch Verantwortliche müssten kleine Genossenschaften fördern und übermächtige Strukturen zurückdrängen – beispielsweise durch eine kartellrechtliche Fusionskontrolle, fordern die Atlas-Herausgeber. Ergo: Mehr Verhandlungsmacht für Bauernhöfe entlang der Wertschöpfungskette. Wichtig wären ferner Preisbeobachtungsstellen sowie öffentliche Lager- und Beschaffungssysteme für Lebensmittel. Und sowieso: Was auf unseren Tellern landet, sollten wir selbst bestimmen.

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