Rotlicht: Wert
Von Barbara Eder
Bevor die Verhältnisse in Bewegung geraten – zum Tanzen beginnen sie selten von selbst –, entstehen im Denken neue Zusammenhänge. Was sich diametral gegenüberstand, verbindet sich in unerwarteter Weise und bleibt am Ende doch unversöhnt. Einzelteile fügen sich vorübergehend, ergeben zeitweilig ein poröses Ganzes – und doch bleibt das Bild vorläufig. Diese Erfahrung teilen viele, die mit den Bänden der Marx-Engels-Werkausgabe hantieren. Während der Lektüre erhalten zentrale Begriffe neue Bedeutungen – je nachdem, welche Passagen während des Lesens zueinander in Beziehung treten.
Besonders deutlich zeigt sich dies anhand des Marxschen Wertbegriffs. Er wirkt stellenweise so rätselhaft als die Ware selbst, die ihres Doppelcharakters wegen zu den sinnlich-übersinnlichen Dingen der profanen Marktsphäre zählt. Neoklassischen Ökonomen zufolge ist der Wert der Waren identisch mit dem Preis, der sich – ihrem Diktum nach – ausschließlich durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Marx hingegen hält den Preis für eine pervertierte Erscheinungsform des Wertes selbst. Unabhängig davon, zu welchem Entgelt eine Ware am Markt verkauft wird, bleibt sie Vergegenständlichung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die zum Zweck ihrer Produktion verausgabt werden muss.
Der Begriff des Wertes beginnt allerdings zu flirren, sobald er aus dem Zusammenhang der kapitalistischen Warenproduktion herausgelöst wird – eine fatale Denkbewegung, der Marx selbst passagenweise erliegt. »Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen«, heißt es dahingehend etwa im »Maschinenfragment«, einem heterogenen Textkörper, den Marx unter pekuniärer Dringlichkeit im Londoner Exil der Jahre 1857/58 verfasst hat. Nur wenige darin vorgenommene Setzungen überführte Marx später in sein Hauptwerk »Das Kapital«. Das Fragment geht vom Totalkollaps kapitalistischer Verhältnisse infolge von technologisch bedingten Sprüngen in der Produktivkraftentwicklung aus. Der Tauschwert erscheint hier nicht mehr bloß als Kategorie der Zirkulation, sondern ist bereits der Produktionssphäre immanent. Folgte man dieser Bewegung, wäre der Tauschwert keine abgeleitete Größe des Wertes mehr, sondern dessen inneres Maß – eine Zuspitzung, die Marx später bewusst zurücknahm.
Für den späten Marx bemisst sich der Wert menschlichen Arbeitsvermögens nach jenem Quantum Zeit, das zu seiner Reproduktion vonnöten ist; im Produktionsprozess schaffen die Produzenten jedoch stets mehr, als ihre Arbeit kostet. Die Differenz zwischen dem reproduzierten Wert der Arbeitskraft und dem von ihr erzeugten Neuwert schlägt als Mehrwert zu Buche, als Profit findet er Eingang in die Konten der Kapitalisten. Wer sich diesen aneignet, beutet aktiv aus. Surplus value ist somit weder das Ergebnis eines Tricks in der Produktion noch einer Täuschung im Tausch. Statt dessen gilt die Gleichung: Mehrwert ist gleich Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft (Reproduktionswert) und dem von ihr erzeugten Neuwert.
Als objektive Kategorie bildet der Mehrwert das Maß für den jeweiligen Grad der Ausbeutung. Er entsteht beispielsweise dann, wenn vier Stunden zur Reproduktion der eigenen Arbeitskraft eigentlich ausreichen, der Kapitalist aber die Arbeiter für denselben Lohn zwölf Stunden lang schuften lässt. Eine Fixierung auf den Tauschwert der Ware Arbeitskraft verdeckt nur die in den Produktionsverhältnissen selbst angelegte Ungleichheit. Der in diesen Verhältnissen hervorgebrachte Mehrwert raubt geronnene Zeit und stabilisiert gesellschaftliche Herrschaft. Letztere tritt denjenigen, die nur ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen können und damit den Mehrwert produzieren, zuallererst in Gestalt jener Maschinen (vgl. junge Welt vom 31.12.2025) gegenüber, durch die das Kapital Macht über sie ausübt.
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