Wo die Gewalt gärt
Von Matthias Reichelt
Der österreichische Schriftsteller Peter Truschner hat seinem Roman »Wie ein Messer« stilecht ein Zitat von Thomas Bernhard vorangestellt: »Die Welt besteht ja aus Hinhauen. Wer existiert, muss irgendwann hinhauen.« Truschner ist nicht nur Romancier, sondern auch Bühnenautor, Fotograf und ein weithin beachteter Fotokritiker, der sich in seinem Blog Fotolot intelligent mit künstlerischen Arbeiten, Ausstellungen, Büchern und vor allem dem Kunstbetrieb auseinandersetzt. In seinem neuem literarischen Werk geht es um extrem rechte Gruppen und Milieus, ihren Hass auf »Ausländer« und Linke und dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann die nächsten Anschläge verübt werden.
Ort der Romanhandlung ist Berlin, ohne dass der Autor Bezirke und Straßennamen nennt oder sich an Lokalkolorit erfreut. Auch das signalisiert eine Nähe zu Thomas Bernhard, der vor genauen topographischen Beschreibungen von Stadt und Landschaft tunlichst absah. Toxische Männlichkeit, rassistische und xenophobe Tendenzen, Nationalismus bei Bundeswehr, Polizei und Schützenvereinen werden mit einem liberalen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieu kontrastiert.
Protagonist Simon hat sich gegen den Rat der kleinbürgerlichen Eltern – der Vater ist Bauleiter, die Mutter Hausfrau – für den Polizeidienst entschieden. Der Vater hält seinen Sohn für zu weich und den Strapazen des schlecht bezahlten und risikoreichen Dienstes nicht gewachsen. Simon hat selber Zweifel an seinem Beruf, die genährt werden durch die Erlebnisse im Dienst. In ihm reift die Erkenntnis, nicht selten auf der falschen Seite zu stehen und einem zweifelhaften Recht zur Durchsetzung zu verhelfen. Mit seinem Kollegen Fricke muss Simon eine Geldstrafe eintreiben und kümmert sich einfühlsam um ein verängstigtes Kind in einem desolaten Haushalt. Dagegen brennen andere Kollegen darauf, bei Demonstrationen in der ersten Reihe vor den Protestierenden zu stehen, um ihre angestauten Aggressionen auszuleben. Das alles nagt an Simon. Er ist bei Nina eingezogen, seiner großen Liebe. Die Philosophie- und Jurastudentin stammt aus einer bürgerlichen Familie und wartet sehnsüchtig auf einen Erasmus-Platz in Paris, wo sie gerne länger bliebe als nur ein halbes Jahr, ohne dass Simon davon weiß. Der Kontrast zwischen beiden, sie verschlingt Bücher, während er Playstation zockt, könnte kaum größer sein. Eine gemeinsame Zukunft scheint kaum möglich.
Auf der Polizeiwache hat es Simon mit dem Waffennarr Tim und mit Overhage zutun. Beide sind Rassisten und Nationalisten. Während Overhage Mitglied der »Kameradschaft Schwarzheide« ist, bleibt Tim ein »freies, radikales Teilchen auf der Suche nach Anschluss ähnlich disponierter Teilchen«. Von seinem ebenfalls rechten Großvater hat er ein Waffenarsenal geerbt.
Eine gefestigte Persönlichkeit hat Simon offensichtlich nicht. Er ist hin- und hergerrissen zwischen Sensibilität und Machismo. Er war zur Polizei gegangen, »um was ganz anderes zu machen«, »klarer, sicherer, aufrechter« zu werden, »der ganze Scheiß halt, der irgendwie zu einem Mann gehört«. Mit seinem Jugendfreund Mike verbringt er ein Wochenende in einer Hütte. Der lässt sich – ebenfalls gegen den Wunsch der Eltern – zum Berufssoldaten ausbilden. Er genießt die Härte der Ausbildung, die Mutproben und die Überwindung der Angst, er arbeitet an seinem »zu einer Waffe geformten Körper«. »Wer Mike einen willkommenen Anlass für den notwendigen Druckabbau liefert, wird einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein.«
Truschner schildert genau die Milieus, in denen die Gewalt gedeiht. Seine Protagonisten denken immer wieder an die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Der Autor versteht es, mit überzeugend geschilderten Charakteren Spannung zu erzeugen. Dass der schwelende Rassismus durch Abgeordnete einer faschistischen Partei weiter gehegt wird, verdeutlicht Truschner mit zwei Zitaten des AfD-Referenten Marcel Grauf, ohne dessen Namen zu nennen.
Peter Truschner: Wie ein Messer. Couteau, Wien/Berlin 2025, 334 Seiten, 16 Euro
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