Rotlicht: Automat
Von Barbara Eder
Als Robert Owen sich in den englischen Fabrikhallen des 19. Jahrhunderts mit den ersten erweiterten Maschinensystemen konfrontiert sah, notierte er etwas, das bis heute irritiert: Die vorgefundenen Automaten schienen nicht länger der Führung durch die menschliche Hand zu folgen; sie wirkten vielmehr anstelle derselben und somit als Ersatz für sie. Apparate dieser Art leisten keine Kraftverschiebung, sie unterstützen nicht in Können und Geschick und entbinden nicht von körperlicher Schwerstarbeit. Anstatt menschliche Arme zu entlasten, agieren sie autonom. Jene, die sie bedienen müssen, haben die Steuerung und Kontrolle über sie verloren.
Bei einem Automaten handelt es sich nicht um ein Werkzeug. Statt dessen steht ein sich selbst bewegendes Konglomerat von miteinander verbundenen Maschinen vor uns, das Takt und Tun bestimmt. Menschliche Tätigkeit gerät dabei zum bloßen Appendix der Apparatur. Nicht Machen und Herstellen erweisen sich als deren eigentliche Ziele, sondern maximaler Output im Dienst der modernen Warenproduktion. Demnach hat Karl Marx das Fabriksystem des Manchester-Kapitalismus auch als »Ungeheuer« bezeichnet. Es spannt Körper ein in ein Ensemble aus Riemen und Gestängen und macht aus ihnen zu bearbeitende Werkstücke. Das Dabeistehen gerät zum bloßen Danebensein. Damit alles seinen gewohnten Gang geht – zur Not auch ohne uns.
Im Rahmen technikphilosophischer Überlegungen hat der industrielle Irrsinn bislang nur bedingt Niederschlag gefunden. Die automationsbedingte Perversion menschlichen Arbeitsvermögens bleibt in ihnen weitgehend unbegriffen. Dichter und Vernichter – wie Heidegger – und Denker – wie Aristoteles – witterten am Urgrund der téchne nicht die Warenform, sondern das Zusammenwirken von vier Ursachen. Mit der causa materialis bezeichneten sie den Werkstoff, mit der causa formalis dessen innere Bestimmtheit, mit der causa efficiens den auf Kausalgesetzen beruhenden Vorgang schöpferischen Hervorbringens und mit der causa finalis Zweck und Ziel desselben. Die wohltemperierte Ordnung begrifflich differenzierter Ursachenforschung kollabiert jedoch im Angesicht industrieller Produktionsverhältnisse. Am Fließband triumphiert die bloße Funktionslogik über jede emphatisch ausgeschmückte Version einer dingbezogenen »vita activa«.
»Effectus transcendit causam« – die Wirkung übersteigt ihre Ursache. Dies stellte der Wiener Philosoph Günther Anders in »Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution« lakonisch fest. Es ist wohl die einzig mögliche Reaktion am Horizont des Erwartbaren. Egal, ob analog oder digital – um ein Vorstellen oder Herstellen geht es in der technologisch durchdrungenen Gegenwart des digitalen Kapitalismus nicht mehr. In ihr ist schöpferisches Machen zum Fremdwort geworden; was statt dessen zählt, sind weitere Bestellungen. Geliefert wird immer, weltweit und ohne Unterlass.
Diese Praxis des »geköpften Machens« ist Günther Anders erstmals als Arbeiter an den Fließbändern Henry Fords begegnet. Vormals Machende – Arbeiterinnen und Arbeiter – und vormals Handelnde – Soldatinnen und Soldaten – wurden an ihnen zunehmend eins. Ein exklusiver Automat schuf einen neuen Sozialtypus, der in und durch die Produktion rüstete und rüstig machte. Endprodukt dieses Prozesses war kein eingeschweißtes Fleisch, sondern der uniformierte Körper. Dahingehend sprach Anders auch vom Aufkommen einer »Arbeiterarmee« mit militärischem Gebrauchswert. Mit dem, was diese an den Werkbänken dieser Welt herstellen muss, kann sie sich dutzendfach vernichten. Telos der dazugehörigen Technologien ist nicht das gerichtete Werkzeug, sondern der »Endzweck«. Die Mittel dazu haben wir selbst bereitgestellt, doch weiß es niemand. Wer den Knopf drückt, handelt nicht – er bedient bloß.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Barbara W. aus Berlin (31. Dezember 2025 um 17:37 Uhr)Arbeit muss man immer neu denken. Die Welt ändert sich, sie bleibt nicht stehen. Das wäre doch schlimm. Heute ist es eben so, dass der Mensch die Maschinen entwerfen muss und ihnen beibringen muss, was sie wann und wie tun müssen. Das ist hochentwickelte Ingenieursarbeit. Es kann nicht jeder Ingenieur werden. Die Maschinen und Anlagen aber müssen bedient, überwacht und gewartet werden. Sonst würden sie nur herumstehen. Auch das ist eine sehr wichtige Arbeit. Dazu benötigt der Prozess Ökonomen usw. Es muss auch jemand die Maschinenhalle sauber machen. Es gäbe genug Arbeit für alle. An der Art der Arbeit zu kritteln, scheint mir ein bisschen wie Maschinenstürmerei. Am System zu zweifeln, das nicht in der Lage und Willens ist, die neue Arbeit so zu organisieren, dass sie Spaß macht, ist meines Erachtens das, was wir diskutieren sollten. Barbara Wolterstädt
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg, Manni Guerth (2. Januar 2026 um 18:15 Uhr)Ich empfehle ihnen die Doku auf YouTube anzusehen, damit sie über den Tellerrand hinaus sehen können unter welchen Bedingungen 70% der Arbeiter weltweit Dinge herstellen - gilt auch für alle JW Leser und Produzenten. ++ youtube.com: Top 5 Amazing Factory Videos | Watch Interesting Mass Production And Manufacturing Processes! ++ Manni Guerth
-
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang S. aus Berlin-Mariendorf (31. Dezember 2025 um 15:12 Uhr)Aber das gilt bloß für den Kapitalismus, für Ausbeutergesellschaften. Automation ist per se nicht schlechtes, sollte optimal genutzt werden, wenn sie parallel der allseitigen Entwicklung und Bedürfnisbefriedigung des Menschen dient, also seinem gutem Leben und seinem krativen Handlungspotential und seiner Fähigkeit zur Selbstreflektion.
Mehr aus: Feuilleton
-
Nachschlag: Im Steingarten
vom 31.12.2025 -
Vorschlag
vom 31.12.2025 -
Meyer, Kożik
vom 31.12.2025 -
Amnestie für MTV
vom 31.12.2025 -
Listen der Vernunft
vom 31.12.2025