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Aus: Ausgabe vom 07.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Reproduktion

»Was geschieht, ist die Verschiebung von Verantwortung«

Über pränatale Bildpolitik, fötale Subjektivierung und die Blindstellen reproduktiver Rechte. Ein Gespräch mit Christine Koschmieder
Von Barbara Eder
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Blick in die Gebärmutter (Ultraschallbilder)

Sie sprechen in Ihrer jüngst im Augsburger Maro-Verlag erschienen Publikation vom »F-Wort«, wenn von einer Fehlgeburt die Rede ist. Warum diese semantische Neumarkierung?

Der Begriff »Fehlgeburt« assoziiert stark das »Fehlen« von etwas. Er beinhaltet die Idee des Fehlers, des Verfehlten, des Nicht-Erreichten. Das »F-Wort« soll dahingehend einen Verfremdungseffekt herstellen. Es erinnert daran, dass jede Bezeichnung selbst schon eine Bewertung vornimmt, bevor überhaupt von körperlichen Vorgängen gesprochen wird. Während des Schreibens ist mir bewusst geworden, wie stark »Fehlgeburt« »Versagen« konnotiert.

»Pregnancy loss« hat sich zuletzt als Alternativbegriff etabliert.

Es ist wichtig, alle Erfahrungen ernst zu nehmen: ob als Verlust, Erleichterung oder Schmerz – ohne moralisierende Lesart. Es gibt Erfahrungsberichte von Betroffenen, die tatsächlich von Verlust sprechen. Medizinische Kategorien erfassen Schwangerschaften hingegen nach Wochen und Gramm: Ab 500 Gramm gilt ein Abgang als Totgeburt und man hat damit ein Anrecht auf eine Personenstandseintragung und die Übernahme von Beerdigungskosten. Auch der im englischsprachigen Raum verwendete Begriff »pregnancy loss« krankt an der ausschließlichen Fokussierung auf das Verlustmoment: Schwangerschaft wird als Beziehung zu einem erwarteten Kind erzählt, dessen Ausbleiben dann als »Verlust« gilt. Ich wollte den Blick eher darauf lenken, wessen Fehlgeburten und Schwangerschaften überhaupt wahrgenommen werden – und warum diese so stark auf ein »Endprodukt« fixiert sind.

Mit den ersten Visualisierungen aus dem Uterus, im Magazinjournalismus der Achtzigerjahre prominent plaziert, erhielten Föten zunehmend Subjektstatus. Wie wirkt sich das auf Schwangere aus?

Victoria Brown, eine britische Feministin, hat eine dezidiert feministische Perspektive auf Fehlgeburten entwickelt. Sie kritisiert die »fötuszentrierte Sichtweise«, die durch immer früher einsetzende bildgebende Verfahren – bis hin zur befruchteten Eizelle bei der In-Vitro-Fertilisation – verstärkt wird. Die Visualisierungen erzeugen eine Erwartungshaltung und setzen die schwangere Person unter Druck. Je früher die Technik etwas zeigt, desto stärker wächst die Erwartung, dass ein bestimmtes Resultat erreicht werden müsse. Die Medizin erledigt ihren Teil, die Biologie zeigt, was möglich wäre – und die Schwangere soll dann »liefern«. Wenn der Prozess anders verläuft, wird suggeriert, jemand habe sich nicht an die Abmachung gehalten.

Welche Folgen hat das für alle, deren Schwangerschaften nicht mit einer Geburt enden?

Eine Fehlgeburt ist kein Scheitern. Sie ist ein Teil reproduktiver Realitäten. Das Ziel müsste sein, den gesamten Prozess als politisch zu begreifen: von der Möglichkeit, überhaupt schwanger zu werden, über das sichere »Austragen« – unabhängig vom Ausgang –, bis hin zur Anerkennung, dass unterschiedliche Menschen einer Fehl- oder Totgeburt unterschiedliche Bedeutungen geben. Wir sprechen fast ausschließlich über Schwangerschaften, die erkannt werden. Wer in Armut, Angst oder unter aufenthaltsrechtlich unsicheren Bedingungen lebt, bemerkt möglicherweise weder eine frühe Schwangerschaft noch deren Abgang. Die Fälle, über die wir reden, sind meist privilegierte Schwangerschaften. Fehlgeburten von prekären, geflüchteten oder rassifizierten Personen bleiben oft unsichtbar.

Menschen mit »Fehlgeburten« werden in gegenwärtigen Gesundheitsregimen oft für diesen Ausgang verantwortlich gemacht. Welche strukturellen Faktoren sind realiter ausschlaggebend?

Was passiert, ist die Verschiebung von Verantwortung: Der Körper einer Schwangeren wird zum Produktionsort, und alles, was nicht in ein lebendes Kind mündet, erscheint als Störung – oder als persönliches Versagen. Zu »Fehlgeburten« gibt es einige erhellende Statistiken im englischsprachigen Raum: Sie zeigen, dass Frauen mit Migrationshintergrund und asiatische Frauen ein bis zu 30 Prozent höheres Fehlgeburtenrisiko haben. Das geht mit Lebensbedingungen, Einkommensverhältnissen, dem Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge einher. Ein »Gelingen« von Schwangerschaften ist stark abhängig von sozialer Absicherung, Rechten, Ressourcen – und davon, ob man überhaupt als reproduktionswürdig gilt. In den USA werden von Organisationen wie Pregnancy Justice Fälle dokumentiert, in denen Fehlgeburten als angeblich selbstinduzierte Abbrüche kriminalisiert werden. Besonders davon betroffen sind arme und rassifizierte Frauen – Women of Color, Mexicanas, Hispanics. Kliniken verweigern ihnen teils lebensnotwendige Behandlungen aus Angst, der Beihilfe zur Abtreibung verdächtigt zu werden. Genau hier zeigt sich, dass Schuldzuschreibungen keine individuellen Reflexe sind, sondern Ausdruck politischer Strukturen – und dass es entscheidend ist, wessen Schwangerschaft gesellschaftlich zählt und wessen nicht.

Warum sollte selbstbestimmtes Schwangersein ebenso Teil eines Kampfes um reproduktive Rechte sein wie der legale und kostenfreie Zugang zu einem Abbruch?

Es geht darum, eine künstliche Trennung aufzubrechen: hier das angebllich »politische« Recht auf Abtreibung als Ausdruck von Selbstbestimmung, dort die angeblich »private«, weil nicht beeinflussbare Fehlgeburt. Die Frage, ob Menschen Kinder bekommen wollen, können, dürfen – und wie sie darin unterstützt werden können – ist Teil des Kampfes um »reproductive justice«. Der Begriff liefert einen präziseren Rahmen als die klassische Rede von reproduktiven Rechten. Dieser legt nahe, dass es nicht um »Wahlfreiheit« geht, sondern um materielle Voraussetzungen. Schwangerschaften überhaupt zu ermöglichen, die Faktoren zu verstehen, warum sie enden – und für wen sie anders enden als für andere –, ist dabei zentral.

Christine Koschmieder, geboren 1972 in Heidelberg, studierte Theater-, Medien- und Kommunikationswissenschaft in Leipzig und gründete 2003 die Literaturagentur Partner + Propaganda. Seitdem ist sie als Autorin, Übersetzerin und Vermittlerin tätig

Christine Koschmieder: Das F-Wort – Eine feministische Sicht auf sogenannte Fehlgeburten. Maro-Verlag, Augsburg 2025, 36 Seiten, 16,00 Euro

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