Bis einer kotzt
Von Pierre Deason-Tomory
Endlich ist die Fastenzeit vorbei. Den ganzen Dezember hindurch habe ich auf den Konsum von Musikradio verzichtet, um mir nicht mit Weihnachtsgassenhauern die Laune zu verderben. Selbst mein Tagesbegleitjazzradio aus Chicago bringt im Advent Klebriges wie »Let It Snow!«. Das Liedchen wurde übrigens im Sommer 1945 geschrieben, als Atombomben auf Japan schneiten. Das muss man mal weiterdenken: Der Einsatz dieses Schlagers mit Lautsprecherkanonen zum Christfest 1942 in Stalingrad hätte Paulus womöglich schneller zur Kapitulation gezwungen. Und frühzeitiges Erscheinen zum Abmarsch wäre von Vorteil gewesen auf dem langen Weg nach Sibirien.
Zurück zum Winter 2025: Auch in diesem Dezember haben die üblichen Verderblichen die deutschen Singlecharts angeführt. Nummer eins wurde wieder einmal »Last Christmas« von Wham! vor »All I Want for Christmas Is You« von Mariah Carey. Diese Nummer haben die Deutschen allein an Heiligabend 6,78 Millionen Mal gestreamt – was die GfK Entertainment ganz ohne Vorratsdatenspeicherung herausgefunden hat. Die Leute können froh sein, dass das Abhören von Popschund nicht strafbewehrt ist. Der letzte Aspekt dieser Auswertung rührt ans Herz: Chris Rea, der kurz vorm Feste verstarb, ist in den Charts mit »Driving Home for Christmas« von Platz 14 auf sechs geklettert. Wenn er zu Ostern wiederaufersteht, schafft er es bestimmt ganz nach oben.
Zu den Programmvorschlägen: Im Feature »Ausbeutung mit System« wird über die üblen Sitten im deutschen Fahrradkuriergeschäft gestaunt (HR 2025, Di., 20.04 Uhr, MDR Kultur, Do., 18.04 Uhr, HR 2 Kultur). Aus dem jüngsten Roman von Édouard Louis, »Der Absturz«, werden Auszüge in den »Radiogeschichten« gelesen (Do., 11.05 Uhr, Ö 1). Die Kollegen vom Freien Sender in Hamburg wollen Sand in die Rekrutierungsmaschinerie streuen und »Über Strategien gegen die Wehrpflicht« sprechen (FSK, Do., 14 Uhr).
Der Autor Tom Schimmeck ist an die Elbe gereist, um eine bedrohlich verstörte Art zu erforschen, und brachte dieses Feature mit: »Männer in Magdeburg – Stichproben zur maskulinen Lage« (DLF 2026, Ursendung, Fr., 20.05 Uhr). Sein Kollege Gregor Schmalzried hat den Urknallköpfen im Silicon Valley den Puls gefühlt und entzaubert »Die letzte Religion – KI als Schöpfungsgeschichte« (BR 2025, Sa., 13.05 Uhr, So., 20.03 Uhr, Bayern 2).
Weil die Realität irre wird und nur noch Groteske Klarheit vermittelt, muss Eugen Egner ran mit seinem Katastrophenhörspiel »Olga La Fong« (WDR 2008, Sa., 19.04 Uhr, WDR 3). Danach, dazu oder statt dessen wird aus der New Yorker Met historischer Bürgerkriegsbelcanto übertragen, die Oper »I puritani« von Vincenzo Bellini (Sa., 19.30 Uhr, Ö 1, 20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3). Eine Alternative dazu wäre das Stück »Der Karlssonsche Magnet« von Lorenz Langenegger und Philipp Schaufelberger über eine ganze Reihe ausgesprochen merkwürdiger Vorfälle (SRF 2017, Sa., 20 Uhr, SRF 2 Kultur).
In »10 Augenblicke (1–2/10)« wird im defekten Zug gefummelt, der Hessische Rundfunk kündigt an eine »sexpositive Hörspielserie aus der Perspektive von Frauen, in der diverse Formen der Lust und Konventionen explizit und schwungvoll aufeinanderprallen« (HR 2025, Ursendung, So., 14.04 Uhr, HR 2 Kultur). Letzter Vorschlag ist das Stück »Der Gebrauch des Menschen (1/2)« von Stefan Kanis nach dem Roman von Aleksandar Tišma über das Unheil, das die Deutschen über das besetzte Novi Sad gebracht haben (MDR, NDR 2025, So., 18.30 Uhr, DLF Kultur).
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