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Aus: Ausgabe vom 05.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Stunde der Wahrheit

US-Überfall auf Venezuela
Von Volker Hermsdorf
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Sogar das Mausoleum von Hugo Chávez haben die US-Streitkräfte bei ihrem Angriff bombardiert (Caracas, 3.1.2026)

Donald Trump hat nach dem Angriff auf Venezuela etwas getan, was westliche Staatschefs sonst vermeiden. Er verzichtete auf die Rhetorik von Menschenrechten, Demokratie oder humanitärer Verantwortung, mit der völkerrechtswidrige Interventionen oft verbrämt werden. Statt dessen erklärte er offen, worum es ging: um den Zugang zu den größten bekannten Erdölreserven der Welt, um geopolitische Kontrolle und die Durchsetzung von US-Interessen in einer Region, die Washington zunehmend als Einflusszone Chinas und Russlands betrachtet. Trumps bizarre Pressekonferenz entlarvte die Doktrin »America First« am Sonnabend als das, was sie ist – eine Rechtfertigung für militärische Raubzüge zur Rohstoffsicherung. Der Bruch mit dem Völkerrecht wird dabei nicht einmal mehr geleugnet, sondern zur Normalität erklärt. Trumps Ankündigung, die USA würden Venezuela »für eine gewisse Zeit regieren«, markiert eine Zäsur – politisch wie rechtlich. Der Imperialismus versucht nicht einmal mehr den Anschein von Legitimation zu erwecken.

Ebenso entlarvend ist die Zustimmung durch rechtsautoritäre Regierungschefs wie Javier Milei und Benjamin Netanjahu, die den US-Angriff als »historisch« oder »wegweisend« feiern. Auch Wolodimir Selenskij, der unter Berufung auf Souveränität und Selbstbestimmung selbst militärische Unterstützung einfordert, begrüßte den Bruch des Völkerrechts. Andere Vertreter westlicher Länder liefern diplomatische Verrenkungen, um den Aggressor nicht klar zu benennen, und demonstrieren durch komplizenhaftes Schweigen, was ihre »Werte« tatsächlich wert sind. Die vielbeschworenen Prinzipien, mit denen sonst Sanktionen und Waffenlieferungen begründet werden, erweisen sich erneut als selektiv einsetzbar. Äußerungen, die die Verantwortung umkehren und das attackierte Land gar zum Täter erklären, rechtfertigen den völkerrechtswidrigen Angriff als Mittel der Politik.

Die Lage in Caracas ist angespannt. Während Washington mit weiteren Militärschlägen droht, ruft die Vize- und derzeitige Interimspräsidentin Delcy Rodríguez zum Widerstand auf. Die öffentlichen Auftritte der Tochter eines marxistischen Guerilleros vermitteln Geschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft – in scharfem Kontrast zu den irritierenden Äußerungen von Trump und seinem Außenminister Marco Rubio, sie sei zur »Kooperation« bereit. Desinformationen wie diese sollen offensichtlich die Einheit und Loyalität der Chavistas untergraben, Unsicherheit schüren und den nächsten Schritt vorbereiten. Venezuela hat eine Wahl zu treffen, die keine ist: Unterwerfung oder Eskalation. Die Länder der Welt wiederum stehen vor einer einfachen Entscheidung: Völkerrecht oder Komplizenschaft. Schweigen ist dabei keine Neutralität. Es ist Zustimmung zur Herrschaft des Stärkeren. »Es ist die Stunde der Wahrheit«, formulierte der chilenisch-spanische Politologe Marcos Roitman Rosenmann zutreffend.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver Sümnick aus Hundsbach (5. Januar 2026 um 14:09 Uhr)
    Was folgt aus der Stunde der Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass wir die Wahrheit schon kennen! Schön wär’s schon, wenn Pat und Patachon, also der Kanzler und sein Außenminister, in Badelatschen und mit Hasenohren am Times Square ausgestellt würden. Aber bitte im Adidas-Jogginganzug! Die Realität sieht anders aus, wie die Statements von Macron und Merz zeigen. Jede Opposition gegen die Politik der US-Regierung käme einer Bankrotterklärung der »westlichen Wertegemeinschaft« gleich. Von daher dürften die europäischen »Volksvertreter« zunächst hoffen, dass alles gutgeht. Augen zu und durch. Das Grundschema der Erzählung ist schon sichtbar: Maduro ist ein kommunistischer Diktator und Wahlbetrüger, der die USA beklaut und der venezolanischen Bevölkerung demokratische Rechte und prosperierenden Wohlstand verwehrt. Für die Würde und Freiheit des venezolanischen Volkes muss auch schon mal das Völkerrecht zurückstehen. Das Völkerrecht wird nur gebrochen, weil es in diesem Fall nicht ausreicht und ihm nur durch diesen Bruch Genüge geleistet werden kann. »Der Führer (Trump) schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft!« Karl Schmid lässt grüßen!
  • Leserbrief von Arndt Müller aus 60431 Frankfur am Main (5. Januar 2026 um 08:42 Uhr)
    Das Gemurmel mit dem Völkerrrecht ist einerseits ein guter Anfang, aber ohne praktische Ausfüllung. Sofort Frieden mit Russland, Zusammenschluss der Staaten der Welt gegen die Kidnapping-Mafia in Washington. Block Europa/EU plus Eurasien/China als Kern (für den Anschluss des Südens). Block in Mittel- und Südamerika. Keine Angst -die Mafia kann nicht die Welt zertöppern. Appell an das USA-Volk, sich von der Mafia zu trennen. Hände weg von Cuba! Dazu die alte Grafik vom großen Raubfisch und den vielen kleinen Fischen. Gut ist die Selbstentlarvung der AFD. Es gibt jetzt eine wesentlich bessere Grundlage als dieses »gegen rechts«, gegen die Partei (die antisozialste Partei im Bundestag) als Erfüllungsgehilfe der Mafia Stellung zu beziehen. Wird alles so nicht laufen. Aber trotzdem.
  • Leserbrief von Hagen Radtke aus Rostock (4. Januar 2026 um 22:03 Uhr)
    Diejenigen, die noch an der Wichtigkeit des Völkerrechts Zweifel hatten, können jetzt als eine Art Vorgeschmack erleben, wie eine Welt aussieht, in der es nichts mehr gilt. Wenn Staatsgrenzen auch diplomatisch gar keinen Schutz mehr vor militärischer Gewalt eines Drittstaates bieten, wenn dieser meint, »berechtigte Interessen« zu haben. Das Durchsetzungsmittel des Völkerrechts ist nur seine Akzeptanz als Gewohnheitsrecht: Jeder, der es bricht, muss diplomatisch als Schmuddelkind gelten. Sobald jede Seite »ihren Freunden« Völkerrechtsbrüche rechtfertigt, und da ist auch jW nicht ganz unbeteiligt, verliert es diese Akzeptanz und wird zum Popanz. Dann kann es gar keinen Staat mehr schützen, nicht die Ukraine, nicht Iran, nicht Venezuela und wer weiß, wer dieses Schutzes in Zukunft noch bedarf. Kompliment an Jan van Aken für die Konsequenz.
  • Leserbrief von Rudi Eifert aus Langenhagen (4. Januar 2026 um 19:51 Uhr)
    Die westliche Welt zeigt sich politisch als Reaktion auf die verbrecherischen Machenschaften der USA als ein erbärmlicher Jammerhaufen. Was sich dieser Gaunerstaat gegenwärtig in Venezuela erlaubt, ist kaum noch in Worte zu fassen. Ein Staatsterrorist namens Trump, der sich erdreistet, die Souveränität eines Landes zu zerstören, nur weil ihm ein dortiger Präsident im Wege steht, der US-amerikanischen Erdölkonzernen den Weg zu venezolanischen Vorkommen versperrt. Schlimmer noch, ihn und seine Frau in einer geheimen Militäraktion außer Landes zu schaffen, um Maduro in New York unter anderem wegen »Drogen-Terrorismus« vor Gericht zu bringen und aburteilen zu lassen. Während europäische Staaten offensichtlich Verständnis für diese terroristischen Aktionen ihrer US-amerikanischen Freunde aufzubringen scheinen, gibt es andere Staaten, die diesen militärischen Überfall auf ein souveränes und unabhängiges Land als das bezeichnen, was es ist: Blanker Terror. Was uns hingegen eher interessiert, ist, wie das politische Berlin reagiert hat. Leider herzlich wenig und beschämend. Weder Herr Merz geschweige denn Herr Wadephul haben sich mit scharfen Worten gegen diese Terroraktionen geäußert. Beiden BRD-Politikern scheint es wohl eher opportun zu erscheinen, nichts Negatives gegen ihre transatlantischen Partner zu äußern. Man hüllt sich lieber in Schweigen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Berlin reagiert hätte, wenn Herr Putin sich angemaßt hätte, den ukrainischen Präsidenten Selenskiy in einer Militäraktion entführen zu lassen und in Moskau vor Gericht wegen Korruption zu stellen. Wie hätte man dann in Berlin wohl die Mäuler aufgerissen? Unsere Welt scheint in doppelbödiger Moral und Verlogenheit zu versinken.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (4. Januar 2026 um 17:42 Uhr)
    Maduro schläft, Delta Force liefert, die CIA stellt den Wecker! Es ist ein Drehbuch, wie es nur die Realität schreiben kann, wenn sie endgültig beschlossen hat, sich selbst für Satire zu halten: US-Elitesoldaten fallen bei Nacht ein, zerren Nicolás Maduro im Pyjama aus dem Bett, nehmen vorsichtshalber gleich die Ehefrau mit und verschiffen das Paket auf ein Kriegsschiff. Rechtsstaatlichkeit? Wird nachgereicht. Vielleicht. Trump jedenfalls hat geliefert. Keine Invasionen, kein Nation Building, kein mühsames Abwägen von Völkerrecht oder Konsequenzen. Ein schneller Zugriff, ein schlaftrunkener Autokrat, ab nach New York. Effizienz first. Silicon Valley hätte applaudiert: Regime Change as a Service. Skalierbar, agil, ohne moralische Altlasten. Die internationale Reaktion ist ein Lehrstück in geheuchelter Empörung. Russland warnt vor »bewaffneter Aggression« – und spricht dabei mit der Autorität jahrelanger praktischer Erfahrung. Die EU hebt mahnend den Zeigefinger, prüft kurz die Marktreaktion und senkt ihn dann wieder. Man will ja niemanden irritieren. Sollte diese angeblich hochriskante Spezialoperation tatsächlich so reibungslos verlaufen sein, wie Trump es behauptet, ist die Gefahr einer Wiederholung enorm. Denn Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Und das Völkerrecht ist für Trump ungefähr so verbindlich wie die AGBs eines Social-Media-Accounts. Damit steht er allerdings nicht allein. Immer mehr Staatslenker verabschieden sich stillschweigend von der Idee, dass Recht über Macht steht. Das Recht des Stärkeren feiert sein Comeback – als globales Betriebssystem. Das ist keine Farce mehr. Das ist die Tragödie unserer Zeit.
    • Leserbrief von Rumbelke (6. Januar 2026 um 09:43 Uhr)
      In dieser Tragödie haben Frankreich und England, kaum über der Wahrnehmungsschwelle der Medien, mal eben den IS in einem anderen Land bombardiert. Sie wollen nicht als ständige Mitglieder des Weltsicherheitsrates gegenüber den anderen untätig bleiben, bei der Neuaufteilung der Welt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (4. Januar 2026 um 16:54 Uhr)
    Wenn Trump persönlich in Venezuela regieren muss, kann es mit Guaidó und Machado nicht weit her sein. Macht Trump auch Drecksarbeit für Merz, z. B. durch Sanktionsdruck auf deutsche Banken?
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (4. Januar 2026 um 16:15 Uhr)
    Jetzt schlägt sie wieder mal, die große Stunde der devoten Schleimer, Speichellecker, Feiglinge, Arschkriecher und Heuchler, besonders der tapferen deutschen »Werte-. Menschen- und Völkerrechtspharisäer«. Wie schaffe ich es bloß, meinen permanenten Brechreiz dennoch immer irgendwie noch geradeso unterdrückt zu bekommen?
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (4. Januar 2026 um 14:01 Uhr)
    Trump bestätigt Karl Marx und Friedrich Engels im 21. Jahrhundert. Ohne die allgemein übliche Praxis der medialen und pseudodemokratischen Demagogie im imperialistischen Welthandel und den hierbei idealistisch verklärten Wirtschaftsbeziehungen fordert Trump die ungeschminkte Eroberung, die Unterwerfung, die Ausbeutung und Plünderung der Völker und reichen Rohstoffregionen der Welt: alles für die multinationalen Konzerne und deren Konglomeraten der privaten Eigentümer, deren Multimillionäre und Milliardäre in den USA. So sei es bei der Plünderung der Rohstoff- und Erdölvorkommen auf dem Territorium Venezuelas wie ganz Lateinamerikas. Ebenso die Forderung nach der Abtretung und der Übernahme des rohstoffreichen Grönlands und dem Anschluss Kanadas als künftigen Bundesstaat der USA. Das, was die Europäische Union unter dem vorgeblichen Export von »Freiheit« und »Demokratie« in alle Welt verkauft und verschleiert, spricht die US-Administration unter Trump ganz offen aus, die freiwillige Unterwerfung oder mit der Drohung militärischer Gewalt: der Vorrang nordamerikanischer Wirtschafts- und Profitinteressen vor allen anderen Völkern und deren Kapitalisten und Bourgeoissozialisten der Welt. Marx und Engels schreiben zu dieser Praxis der Bourgeoisie im Manifest: »die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen, eingerosteten Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.«

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