Das Ende der »Islamischen Republik« wird herbeigeschrieben
Seit über einer Woche halten die Proteste im Iran an. Ihr Auslöser war der Absturz der Währung, verbunden mit hoher Inflation. Die Verarmung ist eine Folge westlicher Sanktionen, deren Auswirkungen durch wirtschaftliche Liberalisierungspolitik der Teheraner Führung verschärft werden. Die Regierung reagiert mit einer Mischung aus Repression – es gab bereits Tote – und Verständnis für soziale Forderungen der von Bazarhändlern ausgegangenen Protestbewegung, in der längst auch politische Forderungen bis hin zu »Tod dem Diktator« erhoben werden.
»Das Regime ist so geschwächt wie nie zuvor«, ist sich die CDU-nahe Aktivistin Düzen Tekkal in ZDFheute mit dem Politologen Ali Fathollah-Nejad einig, der in der Frankfurter Rundschau konstatiert »Das Regime liegt im Sterben«. Der Iran erlebe eine »Protestwelle, die das Islamistenregime existentiell gefährdet«, meint auch Thomas Avenarius in der Süddeutschen Zeitung. Denn diesmal seien die Unruhen nicht politisch, sondern wirtschaftlich motiviert und würden nicht wie frühere Protestbewegungen nur von der Jugend oder den Frauen, sondern vom Mittelstand getragen.
Im Handelsblatt sieht Inga Rogg das Regime in Teheran »womöglich« vor seiner größten innenpolitischen Herausforderung seit den »Frau-Leben-Freiheit«-Protesten 2022. Die Nervosität in Teheran steige – »das dürfte auch daran liegen, dass US-Präsident Donald Trump am Freitag abend vor den US-Angriffen auf das mit Iran verbündete Venezuela Drohungen gegen Teheran schickt«. Die vom Handelsblatt genannte Zahl von »Zehntausenden« Demonstranten landesweit erscheint gering im Vergleich zu früheren Bewegungen. Sollten die Proteste anhalten und es innerhalb des Regimes Risse geben, könnte es sehr eng werden für die Hardliner um Ali Khamenei, zitiert das Blatt Cornelius Adebahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der Experte warnt: »Allerdings wurde das Ende der islamischen Republik auch schon häufiger herbeigeschrieben, als es eingetreten ist.«
Im Hause Springer unterstützte man schon 1967 den Schah, als dessen »Jubelperser« beim Staatsbesuch in Berlin protestierende Studenten blutig prügelten. Entsprechend hofiert die Welt heute den als »Exilprinz« titulierten Schahsohn Reza Pahlavi, dessen Aufruf zu millionenfachen Protesten sie teilt. »Pahlavi lebt im Exil. Wieviel Einfluss er auf die Proteste hat, ist unklar«, gesteht das Blatt ein.
So wenig, dass dessen vor allem auf Social Media aktiven Anhänger manipulierte Videos von Protesten im Iran verbreiten, auf denen die von Demonstranten gerufenen Losungen durch Rufe nach dem Schah ersetzt wurden. (nb)
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