Appetit auf mehr
Von Arnold Schölzel
Ihre überhaupt nicht klammheimliche gemeinsame Freude über den US-Terror in Caracas, die Entführung des Staatspräsidenten und den neuen Diebstahl venezolanischen Öls drückten die meisten CDU- und AfD-Politiker – vom Kanzler aufwärts – mit gleichen Worten aus. Friedrich Merz: »Nicolás Maduro hat sein Land ins Verderben geführt. (…) Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex.« Der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Markus »Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt« Frohnmaier: Venezuela gelte »als zentraler Urheber des Kokainschmuggels nach Europa«. Sowie: »Eine abschließende Bewertung ist verfrüht.« Das CDU-geführte Auswärtige Amt gab eine Reisewarnung aus und schwieg ansonsten. Den die Rechte angeblich einenden Begriff »Souveränität« erwähnt allein die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch: Für Venezuela gilt er nicht wegen »kommunistischem Machthaber« und »Wahlbetrug«.
Trump hat die bundesdeutsche Rechte bei seinen Überfällen, genauer: bei den »Begründungen«, an der Seite. Antikommunismus und die Gier nach kolonialen Raubzügen schweißen zusammen. Hinzu kommt: Trump weiß ebenso wie die US-Präsidenten der vergangenen 80 Jahre, dass die deutschnationalen Moral- und Rechttrompeter nur darüber streiten, wer von ihnen in seinem Dickdarm wohnen darf.
Merz verzichtete diesmal auf das lobend gemeinte »Drecksarbeit« wie bei Iran und Gaza. Sein Deutschland wird sich an der Ausplünderung Venezuelas gern beteiligen, weiß nur noch nicht, was beim Zugriff der USA an Bröckchen übrig bleibt. Aber Trump und Marco Rubio haben ja bereits neue Beute für die Wertegemeinschaft angekündigt. Bei der Siegespressekonferenz in Florida bezeichnete Trump Kuba als »scheiternden Staat« und Rubio raunte, wäre er in Havanna und Mitglied der Regierung, wäre er »zumindest ein bisschen besorgt«.
Das als völkerrechtswidrige Drohung zu erkennen, ist allerdings »komplex« beziehungsweise eine abschließende Bewertung »verfrüht«. So hört es sich an, wenn der deutsche Appetit auf mehr geweckt wird.
Siehe auch
- Volker Hermsdorf: Hände weg von Venezuela
- Volker Hermsdorf: Stunde der Wahrheit
- Friedensbewegung, VVN-BdA und DKP protestieren gegen US-Angriff auf Venezuela
- Kristian Stemmler: In Wildwestmanier
- Reinhard Lauterbach: Lob aus Kiew und Moskau
- Lars Pieck: Demokratischer Sozialist vereidigt
- Carmela Negrete: »Die Monroe-Doktrin ist wieder da«
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Russland verkauft sein Öl in Rubel und Yuan aus der Ukraine. Saudi-Arabien diskutiert offen über Yuan-Zahlungen. Der Iran handelt seit Jahren mit anderen Währungen als dem Dollar. China hat CIPS entwickelt, seine eigene Alternative zu SWIFT, die 4.800 Banken in 185 Ländern hat. Die BRICS entwickeln aktiv Zahlungssysteme, die den Dollar völlig umgehen. Das mBridge-Projekt ermöglicht es Zentralbanken, Transaktionen in lokalen Währungen sofort abzuwickeln (de.wikipedia.org/wiki/MBridge). Der Beitritt Venezuelas zu den BRICS mit seinen 303 Milliarden Barrel Öl würde diesen Prozess exponentiell beschleunigen. Und die Folgen sind beunruhigend. Russland, China und der Iran prangern dies bereits als »bewaffnete Aggression« an. China ist Venezuelas größter Ölkunde. Es verliert Milliarden. Die BRICS-Länder erleben die Invasion eines Landes, das außerhalb des Dollars handelt. Die Botschaft: Wer den Dollar herausfordert, wird bombardiert. Diese Botschaft könnte aber auch die Entdollarisierung beschleunigen und nicht stoppen. Denn sie macht klar, entweder die Unterwerfung unter die Monroe-Trump-Vorherrschaft oder staatliche Autonomie. Was passiert, wenn man der Dollar nicht mehr durch Bombenangriffe gesichert werden kann? Dieses Thema dürfte das weltweite Wettrüsten befeuern. Denn diese Invasion kann aber auch als Eingeständnis gewertet werden, dass der Dollar nicht mehr mit eigenen wirtschaftlichen Vorzügen bestehen kann, wenn Länder erst bombardiert werden müssen, damit sie ihn weiter verwenden.