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Aus: Ausgabe vom 02.01.2026, Seite 5 / Inland
Gesundheitspolitik

Kliniken in Agonie

Krankenhausbarometer: Zwei Drittel der Häuser schreiben rote Zahlen. Keine Trendwende in Sicht. Linke spricht von »lebensgefährlichem Kurs«
Von Oliver Rast
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Vor dem Kollaps: Bettenabbau und Schließungswahn im deutschen Gesundheitswesen (Hannover, 4.4.2020)

Diesig, trüb und feucht ist es. Windböen drücken feinen Nieselregen gegen die gläserne Eingangsfront des städtischen Klinikums. Im Foyer flackern Neonröhren müde von der Decke, Lichtkegel blitzen auf verlassene Rollwagen mit Verbandsmaterialien und Desinfektionsmitteln. Die automatische Schiebetür vor der Eingangshalle ist ausgeschaltet, das schlichte Schild in Schwarzweiß prangt unübersehbar – darauf steht: »Wir schließen diesen Standort.« Eine Szenerie, die vielerorts zu beobachten ist – oder: Kliniksterben, kein Einzelfall. Allein 2024 sind bundesweit 29 Krankenhäuser bzw. Krankenhausgesellschaften in die Insolvenz gerutscht, berichtete am Montag die AOK auf ihrem Presse- und Politikonlineforum. Ein Trend, der anhalten dürfte.

Denn zwei Drittel der Kliniken hierzulande standen 2024 tief in der Kreide – fünf Prozent mehr als im Vorjahr, vermeldete gleichentags das Deutsche Ärzteblatt. Ein Befund aus dem neuen Krankenhausbarometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). An der jährlichen repräsentativen Stichprobe von Allgemeinkrankenhäusern ab 100 Betten hatten Mitte 2025 376 Kliniken teilgenommen. Nur 23 Prozent der Häuser bilanzierten einen Jahresüberschuss, elf Prozent kamen auf plus/minus Null. Und die Aussichten? Mies. Für das zu Ende gegangene Jahr erwarten 70 Prozent der befragten Kliniken einen Verlust. Häufig defizitär sind kleinere und mittelgroße Einrichtungen. Und lediglich 13 Prozent der Klinikbetreiber rechnen im Jahr 2026 mit wirtschaftlich besseren Zeiten.

Gerald Gaß drückt den Alarmknopf. Ökonomisch seien die Kliniken »an einem historischen Tiefpunkt seit Einführung des Fallpauschalensystems vor mehr als 20 Jahren«, wurde der DKG-Vorstandsvorsitzende am Montag in einer Mitteilung zitiert. Kostentreiber sind Energie, Personal und medizinische Sachmittel. Die existentielle Notlage verhindere erforderliche Investitionen in Modernisierung und Digitalisierung, so Gaß weiter: »Wir steuern sehenden Auges auf eine Situation zu, die dramatische Auswirkungen auf die Krankenhauslandschaft in Deutschland haben wird.«

Bereits jetzt berichten 90 Prozent der befragten Kliniken von mangelnder Planungssicherheit – etwa hinsichtlich der künftigen Leistungsstrukturen, der Entwicklung der Fallzahlen und der finanziellen Stabilität. Gaß warnt: Die Konsequenzen würden auch für Patienten spürbar werden. »Eine Wartelistenmedizin wird dann in Deutschland zur Realität.« Unter Verweis auf das kurz vor Weihnachten von Bundestag und Bundesrat verabschiedete »Sparpaket« der gesetzlichen Krankenversicherung appellierte Gaß an Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), Zusatzkürzungen bei Krankenhäusern zu unterlassen.

Unterstützung erhält Gaß von Stella Merendino (Die Linke). Ressortchefin Warken habe noch im Juni 2025 vier Milliarden Euro Soforthilfen zugesagt, um Klinikschließungen zu verhindern – nun würden 1,8 Milliarden gestrichen. Das sei ein »lebensgefährlicher Kurs«, betonte die Sprecherin für Krankenhaus- und Notfallversorgung ihrer Bundestagsfraktion jüngst. Die Folgen chronischer Unterfinanzierung zeigten sich längst: Ein ländliches Krankenhaus nach dem anderen kollabiere, Geburtshilfen und Notaufnahmen verschwänden, weil sie im Fallpauschalensystem nicht abbildbar seien. Für Menschen mit Herzinfarkt oder Schlaganfall auf dem Land sinke damit die Überlebenschance. Diese Politik spalte das Land in Regionen mit Versorgung und in solche, in denen ein Notfall zum Todesurteil werden könne. Während Klinikkonzerne Gewinne mit lukrativen Behandlungen erzielten, brauche es eine kostendeckende Finanzierung aller notwendigen Standorte – »dafür zahlen wir unsere Krankenkassenbeiträge«, so Merendino. Stimmt, aber stoppen wird das die Insolvenzwelle nicht.

Statt dessen bleibt das beklemmende Schlussszenario: Als die Automatiktür des Klinikums zum letzten Mal schließt, verharrt sie einen Moment, zögert. Dann gleitet sie zu – endgültig. Drinnen erlischt das Flackerlicht. Draußen rinnen dicke Schauertropfen über das großflächige, durchsichtige Sicherheitsglas – wie ein stiller Nachruf.

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