Alles im Griff
Von Reinhard Lauterbach
Münzsammler können sich im Album eine neue Rubrik einrichten: Euro-Kleingeld aus Bulgarien. Es wird bei uns nicht so häufig im Umlauf sein wie die Euros aus Italien mit Leonardos »Goldenem Schnitt« oder die 50-Cent-Stücke aus Frankreich mit der säenden Marianne auf der Rückseite. Das hat seine Gründe: Die bulgarische Volkswirtschaft macht gerade einmal 0,6 Prozent des gesamten Potentials des Euro-Raums aus. Das schluckt die EU wie den Raki vor dem Kaffee, das bereichert sie nicht und treibt sie auch nicht in die Pleite. Insofern ist Bulgarien auf keinen Fall »systemrelevant«. Auch sein ökonomisches Scheitern könnte Brüssel verkraften, denn es ging bei der Aufnahme des Landes in die Euro-Zone sowieso nie um Wirtschaft, sondern immer um Politik.
Schon der EU-Beitritt von Bulgarien 2007 war ein politischer Schritt im Zuge der Übernahme der Kontrolle über den Balkan durch Brüssel. Er sollte verhindern, dass sich in einem möglichen »Zwischenreich« russischer oder chinesischer Einfluss festigt – da mussten Bedenken wegen grassierender Korruption, umfangreicher Schattenwirtschaft usw. zurückstehen. Wo es russische Versuche gab, die Regierung in Sofia über Kooperationsangebote etwa im Energietransit an sich zu binden, wurden sie von der EU-Spitze mit rüden Erpressungsmanövern gestoppt.
Begünstigt wurden diese Manöver dadurch, dass Bulgarien sich seiner Nachrangigkeit ohnehin seit jeher bewusst war. Das – neben der Mongolei – ärmste Land des einstigen Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) war deshalb schon 1997 unter die Obhut der Bundesbank geflohen und kettete seine Landeswährung an die D-Mark. So kommt es, dass der Umrechnungskurs für den bulgarischen Euro heute exakt derselbe ist wie einst jener der D-Mark: 1,95583.
Und was ändert sich jetzt in Sofia? Einerseits nicht viel. Kurz vor dem Jahreswechsel zitierte eine Reportage des ARD-Hörfunks einen Ökonomen irgendeines Sofioter Instituts mit Phrasen über »makroökonomische Stabilität«, wegfallende Transaktionskosten und was Euro-Befürworter sonst noch so im Repertoire haben. Im selben Beitrag brachte der ARD-Korrespondent dann auch einen Gemüseverkäufer von einem Markt in Sofia als »O-Ton-Geber« zu Gehör: Alles werde teurer, bald werde er seinen Stand aufgeben müssen, weil die Miete verdoppelt worden sei – aber er brauche das Geld, um seine kümmerliche Rente aufzubessern. An der »mikroökonomischen Stabilität« ändert sich für die Bulgaren durch den Euro-Beitritt also nichts, jedenfalls nichts zum Besseren. Sie werden weiter für Billiglöhne auf deutschen und niederländischen Baustellen schuften, im Oldenburgischen Industrieschweine schlachten und zerlegen und damit das leisten, wofür der entwickelte Kapitalismus seine Peripherien braucht. Auf die Straße gestellten Sperrmüll ausschlachten dürfen sie auch.
Dass in Bulgarien seit Jahren alle naselang Neuwahlen stattfinden, ist der EU-Oligarchie egal. Sie hat das Land im Griff, egal, wer in Sofia regiert.
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