Gegründet 1947 Montag, 16. Februar 2026, Nr. 39
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.01.2026, Seite 2 / Ansichten

Aggressiver Optimismus

2025-11-12T100222Z_286294173_RC2XUHAQTU2X_RTRMADP_3_GERMANY-POLI
Vielen Dank für die Blumen. Wie lieb von dir!

Vorbei das Schreckensjahr, es folgt ein neues. Die Krise, die eine allgemeine dieser global herrschenden Produktionsweise ist, will einfach nicht vergehen, weshalb sie auch dem Jahr 2026 seine Konturen geben wird. Davon geht in Medien selbstverständlich keine Rede, wäre ja noch schöner. Gleich, welche Erklärung zugrunde gelegt wird, die Stimmung im Land ist ziemlich mies und erfasst sämtliche Ebenen – politisch, ökonomisch, sozial –, doch am letzten Tag des Jahres springt dem Leitmedienleser der Zweckoptimismus ins Gesicht wie der Facehugger seinen Opfern.

Eher verhalten noch die FAZ. Die »düstere Stimmungslage«, wonach schon jetzt feststünde, »dass im kommenden Herbst ›der Osten‹ endgültig an die AfD verloren sei«, will man dort nicht gelten lassen. »Es wäre aber fatal, wenn Gedankenspiele dieser Art nicht als solche gelesen würden, sondern als Vorahnungen eines Schicksals, das der Demokratie in Deutschland mit der Unerbittlichkeit einer griechischen Tragödie bestimmt ist.« So verhält es sich nicht, so darf es sich nicht verhalten, denn Rettung kommt aus dem Kanzleramt – irgendwann: »Sicher wird es, wie Merz den Deutschen auf den Weg in das neue Jahr mitgibt, noch dauern, bis die Reformen seiner Regierung Wirkung entfalten und Gesellschaft spürbar zum Positiven verändern werden.« Hier begreift man Reform noch als Verheißung, nicht als Drohung.

Beim Tagesspiegel weiß man: »Die Zeit für Reformen ist gekommen, bei Verwaltung, Migration, Energie, Infrastruktur«, und freut sich darüber. Überhaupt: Läuft alles im Land. »Doch, tatsächlich! Wer Optimismus sucht, findet ihn im Rathaus.« Angesichts chronischer Unterfinanzierung der Kommunen wäre interessant zu erfahren, in welchem Rathaus die Berliner Tageszeitung gewesen sein will. Aber auch außenpolitisch wird angepackt und aufgeräumt: »Deutschland ist da! Es beteiligt sich aktiv an der Friedenssuche, organisiert wirtschaftliche Zusammenarbeit – und baut gleichzeitig daheim seine Verteidigung auf.« Deutschland ist da! Aggressiv, optimistisch.

So ein »aggressives Grundgefühl«, das dem Land zwar zu attestieren sei, muss ja gar nicht schlecht sein, findet nun die Süddeutsche Zeitung. »Aggression ist auch eine Kraft der Veränderung«, etwas gerät in Bewegung. Daher der Ratschlag frei Haus: »Wie wäre es also 2026 mit der Besinnung auf eine einst urdeutsche Tugend: pragmatischer Realismus? Oder wie Merz und Bas sagen würden: Einfach mal anpacken.« Und wir packen ein. (brat)

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (1. Januar 2026 um 21:06 Uhr)
    Die miserable Stimmung im Land ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den wir inzwischen alle einigen können. Dass davon die AfD profitiert, ist keine Überraschung, sondern eine logische Konsequenz: Ein Land, das sich im »Weiter so« erschöpft, erzeugt zwangsläufig den Wunsch nach einer Alternative. Von einer politisch gezüchteten Klasse, die seit Jahren keine substanziellen Erfolge vorzuweisen hat, sind grundlegende Kursänderungen kaum zu erwarten. In einer Demokratie deutscher Prägung bleibt daher nur ein legitimes Mittel: eine Regierung ohne erkennbare Resultate abzuwählen. Ob die oppositionellen Versprechen am Ende besser funktionieren, weiß niemand — aber ein Versuch ist es wert. Eine Garantie gibt es ohnehin nicht, ein anderes Instrument ebenfalls nicht. Zur Außenpolitik: Deutschland betreibt seit 1945 keine eigenständige Außenpolitik. Es ist schlicht nicht dort, wo ein Land seiner Größe und wirtschaftlichen Bedeutung sein sollte. Im Verbund mit der EU hat man sich strategisch in die Bedeutungslosigkeit manövriert. Deutschland ist weder in der Lage, eigene Interessen klar zu formulieren, noch diese wirksam durchzusetzen — von echter Souveränität ganz zu schweigen.

Mehr aus: Ansichten