Dramatische Situation in der Chemieindustrie
Von Kristian Stemmler
Starke Konkurrenz aus Asien, Materialknappheit und hohe Energiekosten wegen des Verzichts auf russisches Gas – die ostdeutsche Chemieindustrie befindet sich in einer schweren Krise. Erst im Juli kündigte der US-Konzern Dow Chemical die Schließung von Anlagen im sächsischen Böhlen und in Schkopau bei Halle an, am Montag kam die nächste Hiobsbotschaft: Die drei deutschen Tochterfirmen des belgischen Chemiekonzerns Domo Chemicals haben Insolvenz angemeldet. Auslöser für die Insolvenzanmeldung am ersten Weihnachtstag ist der Mitteldeutschen Zeitung zufolge die Überschuldung des belgischen Mutterunternehmens Domo Chemicals Holding.
Betroffen sind der Firmenverbund Domo Caproleuna GmbH und Domo Chemicals GmbH am Standort Leuna mit zusammen rund 480 Beschäftigten und die Domo Engineering Plastics im brandenburgischen Premnitz mit rund 70 Beschäftigten. »Das Tagesgeschäft geht an allen Standorten weiter, Fertigung und Belieferung der Kunden laufen ohne Unterbrechung«, erklärte der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther laut einer Mitteilung von Domo Chemicals Deutschland vom Montag. Er wolle sich zunächst ein Bild von der Situation bei den Domo-Töchtern machen und Sanierungsoptionen prüfen.
Domo Chemicals ist eine Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Gent (Belgien). Die Gruppe fertigt und vermarktet weltweit Polymere und technische Kunststoffe. Während der Energiepreiskrise im Jahr 2022 rutschte das Werk in Leuna in die Verlustzone. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) erklärte, man arbeite daran, Auswirkungen der Insolvenz auf Zulieferer zu verhindern, und suche nach Lösungen, um die Produktion in Leuna zu sichern.
Der Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft Infraleuna, Christof Günther, machte vor allem die hohen Energiepreise für die Krise verantwortlich. »Die Erdgaspreise sind viel zu hoch, weil die Pipelines in Richtung Osten abgestellt wurden«, sagte er am Montag gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Dazu komme, dass die Nachfrage nach chemischen Produkten etwa im Bausektor und in der Autoindustrie »äußerst schwach« sei. Schließlich baue China im Chemiebereich große Kapazitäten auf und dränge nach Europa.
Mitte Dezember hatten Branchenexperten, Gewerkschafter und Politiker auf einem »Chemiegipfel Ostdeutschland« im sächsischen Böhlen vor dem Verlust tausender Industriearbeitsplätze gewarnt. Die Lage der Branche sei dramatisch, hieß es in einem Appell an die Bundesregierung. Seit 2022 brächen Produktion und Umsätze kontinuierlich ein. Mehr als 63.000 Arbeitsplätze, die einen Jahresumsatz von über 30 Milliarden Euro erwirtschaften, stünden auf dem Spiel.
Auch die Linksfraktion im Landtag Sachsen-Anhalts fordert staatliche Hilfen. Die schlechten Nachrichten aus dem mitteldeutschen Chemiedreieck träfen den Osten »mitten ins Herz«, erklärte Kerstin Eisenreich, in der Fraktion für Energiepolitik und Strukturwandel zuständig, am Dienstag gegenüber jW. Offenbar hätten »auch unternehmerische Fehlentscheidungen des Mutterkonzerns« die Schieflage bei Domo mitverursacht. Hier werde »Verantwortungslosigkeit des Managements auf dem Rücken der Arbeiter und ganzer Wertschöpfungsketten im Osten ausgetragen«. Gestiegene Energie- und Rohstoffpreise sowie Zollhürden seien ein Problem, das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, »dass die Unternehmen den wichtigsten Zukunftsfaktor für die chemische Industrie – die Transformation – verschlafen haben«, so Eisenreich.
Angesichts der Probleme in Leuna muten Äußerungen von Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) eher unpassend an. Wie dpa am Dienstag berichtete, blicke Haseloff dankbar auf die Entwicklung des Ostens nach der »Wiedervereinigung«. Man habe »großes historisches Glück« gehabt – »auch mit Blick darauf, dass wir von den Russen losgekommen sind«. Für die Domo-Mitarbeiter, die um ihre Arbeitsplätze fürchten, dürfte das kein Trost sein.
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