Gegründet 1947 Sa. / So., 10. / 11. Januar 2026, Nr. 8
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 20.12.2025, Seite 6 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Vorwärts und nicht vergessen

Brief aus Jerusalem.Wie Palästinenser in die Zukunft blicken, ohne die Vergangenheit aufzugeben
Von Helga Baumgarten
imago840366272.jpg
Trotz Israels Vernichtungsfeldzug: Eine Studentin auf dem Weg zur Universität in Gaza-Stadt (15.11.2025)

Man wünschte sich, das Solidaritätslied wäre öfter zu hören auf deutschen Demonstrationen. Statt dessen wird der Appell »Vorwärts und nicht vergessen« inzwischen zum Kampfspruch der Palästinenser. Erst am Donnerstag schrieb Hanin Madschadli in der israelischen Zeitung Haaretz, wie ihre Familie zu ihrem Namen gekommen ist. Sie stammt nämlich aus Madschdal Askalan, dem heutigen Migdal-Viertel in Aschkelon an der Südküste Israels, nicht weit entfernt von der Grenze zum Gazastreifen. Lange vor 1948 waren sie nach Baka Al-Gharbija umgezogen, damals Teil des Distrikts Tulkarem. Die dortigen Nachbarn nannten sie »Madschadli«, nach der Ortschaft, aus der sie kamen.

Heute denkt Madschadli darüber nach, was ihr Schicksal hätte sein können, hätte dieser Umzug nicht stattgefunden. Ihre Familienmitglieder wären dann 1949/50 vom neuen Staat Israel in den Gazastreifen vertrieben worden. Zuvor hätten sie unterschreiben müssen, dass sie nie zurückkehren und keinerlei Ansprüche auf ihr geraubtes Eigentum stellen würden. Und sie selbst könnte heute, nach zwei Jahren Völkermord, tot sein. Hatte sie also Glück? Das ist ihre Frage. Die Vergangenheit mahnt: Madschdal ist für sie nicht vergessen, und als israelische Staatsangehörige konnte sie wenigstens den Ursprungsort der Familie besuchen. Baka Al-Gharbija liegt seit 1948 in Israel, während Tulkarem Teil der besetzten Westbank wurde.

Die Vertreibungen und Zerstörungen gehen derweil ununterbrochen weiter. Zehntausende wurden im Januar 2025 von der Armee aus den Flüchtlingslagern in Dschenin und Tulkarem – dort speziell dem Lager Nur Al-Schams – vertrieben. Bis heute zerstört das Militär Häuser in den Lagern und in der Stadt und verhindert systematisch die Rückkehr der Bewohner. Der Gouverneur von Tulkarem spricht von 22.000 Betroffenen, allein 9.000 davon in Nur Al-Schams.

Unterdessen baut Israel neue Siedlungen und vergrößert bestehende – in offener Verachtung internationalen Rechts. Nördlich von Jerusalem, wo bis vor 1967 der Flughafen Kalandija war, soll eine neue Siedlung mit 9.000 Wohneinheiten gebaut werden. Noch mehr als von der geplanten Siedlung »E1« (dort werden schon die notwendigen Infrastrukturarbeiten durchgeführt) wird Ostjerusalem durch die geplante Siedlung von Ramallah abgeschnitten. Sie schiebt sich wie ein Keil zwischen Beit Hanina und Dahija Al-Barid im Norden Jerusalems und das Flüchtlingslager Kalandija sowie Ramallah.

In einem Workshop in der Khalidi-Bücherei in der Altstadt von Jerusalem trafen sich vergangenes Wochenende Spezialisten aus allen palästinensischen Gebieten sowie aus der Diaspora, um über das Thema »Lebendige Archive« zu diskutieren. Neu war, dass Palästinenser aus Haifa, Ramallah, Birzeit, von den Golanhöhen und aus den USA gemeinsam überlegten, wie der Prozess der Nakba, der Katastrophe seit Beginn des Siedlerkolonialismus, in der Erinnerung lebendig gehalten werden kann. Aktuelle Erfahrungen von Völkermord, ethnischer Säuberung und wachsender Gewalt sollen damit verknüpft werden.

Erschütternd war der Vortrag des Archäologen Hamdan Taha, der die Zuhörer einführte in die Vielzahl von Museen in Palästina: Es gibt nicht nur den Hischam-Palast in Jericho, das Jassir-Arafat-Museum in Ramallah oder die Museen von Galiläa und Jaffa – hinzu kommen die zerstörten Museen im Gazastreifen mit all ihren Schätzen. Die sogenannten Khazaen-Archive, die palästinensische historische Dokumente digital verarbeiten und zugänglich machen, sind ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Ähnlich arbeitet inzwischen auch die Zweigstelle des »Institute of Palestine Studies« in Ramallah, die seit einigen Jahren von Salim Tamari geleitet wird. Leider fehlte das »Palestine Land Studies Center«, das 2020 an der American University in Beirut eingerichtet wurde. Eröffnet hatte es sein Begründer Salman Abu Sitta mit dem wegweisenden Vortrag »Restoring Palestine: 2000 Years of Mapping« (Wiederherstellung Palästinas: 2000 Jahre Kartographie). Palästina geht vorwärts, vergisst nicht und braucht die internationale Solidarität.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Die palästinensischen Journalisten Samia und Loay waren aus Ägyp...
    18.12.2025

    Stimmen aus Gaza

    Palästinensische Journalisten schildern ihre Eindrücke in der jW-Maigalerie
  • Über Hilfslieferungen soll Israel Drogen in den Gazastreifen ges...
    18.12.2025

    Drogen statt Brot

    Gazakrieg: Hinweise auf Schmuggel von Rauschmitteln in Küstenenklave verdichten sich. Antidrogenbehörde wirft Israel gezielten Angriff auf öffentliche Gesundheit vor

Mehr aus: Ausland