Belege aus dem All
Von Luca Schäfer
Der Vorwurf eines Genozids wiegt schwer, er sollte mit Bedacht gewählt sein. Doch der neueste Bericht des Humanitarian Research Lab (HRL) der Yale School of Public Health – einer der ältesten Hochschulen für öffentliche Gesundheit der USA – kommt zu dem Schluss, dass die Schnellen Eingreiftruppen (Rapid Support Forces, RSF) mit größter Wahrscheinlichkeit nach der vollständigen Einnahme von Al-Fascher in Norddafur eine systematische Kampagne massenhafter Tötungen an Zivilisten durchgeführt haben. Damit liegt ein hinreichender Anhaltspunkt für einen Anfangsverdacht auf Völkermord vor. Hintergrund der Einnahme ist der seit 2023 andauernde, zum Krieg ausgeartete Machtkampf zwischen dem De-facto-Staatsoberhaupt General Abd Al-Fattah Al-Burhan und den RSF unter Mohammed Daglo. Der Konflikt ist ein geopolitischer Stellvertreterkrieg, es geht um zentrale Weichenstellungen in der Region: Während die offizielle Regierung auf die Hilfe Irans, Saudi-Arabiens und Ägyptens zählen kann, werden die RSF von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) finanziell sowie mit Waffentechnik ausgestattet.
In ihrem kürzlich veröffentlichten 46seitigen Bericht skizzieren die Analysten anhand von hochauflösenden Satellitenbildern und deren Umgebungsrekonstruktion den Ablauf der Geschehnisse bei der Einnahme von Al-Fascher durch die RSF Ende Oktober. Insgesamt konnten 150 Ansammlungen von Objekten, die Leichen ähnelten, identifiziert werden. Dabei stimmten Größe, Form, Lage und zeitliches Auftreten der Ansammlungen mit menschlichen Leichenbergen überein. Die Ansammlungen tauchten zudem erst kurz nach dem 26. Oktober, dem Tag der Einnahme, auf, wie ein Vergleich der Satellitenbilder belegt.
Insgesamt lassen sich demnach vier Muster ausmachen: mutmaßliche Tötungen von Menschen auf der Flucht und rund um militärische Einrichtungen, Tür-zu-Tür-Exekutionen sowie gezielte Erschießungen an bestimmten Exekutionsorten. Rund ein Drittel der Ansammlungen wird in nur einem einzigen Stadtteil lokalisiert: Daradscha Ula. Dies war der letzte Zufluchtsort für Zivilisten. Auf den Lagebildern sind RSF-typische Pick-up-Spuren zu erkennen. Ihre räumliche Dichte und enge zeitliche Abfolge deuten auf ein koordiniertes, flächendeckendes Vorgehen im Rahmen einer Durchkämmungsaktion hin.
Besonders belastend wirken 38 identifizierte rötliche Verfärbungen im Bodenbereich, die – in der zeitlichen Veränderung von Rot zu Braun – im Bericht als oxidierte Blutspuren identifiziert werden. Ein weiteres Indiz: auffällige, als »Vertuschungsaktionen« interpretierte Brandspuren und Erdbewegungen. Der Bericht betont zudem, dass sich aus den untersuchten Luftaufnahmen keine Kampfhandlungen rekonstruieren ließen: Es fehlten Gefechtslinien oder Kampfspuren. Dass es sich um »Kollateralschäden« handelt, ist insbesondere nach der gezielten Aufgabe der Stadt durch die reguläre Armee nach 18 Monaten systematischer Belagerung ausgeschlossen.
Der Report schließt mit einem dringenden Appell an die Staatengemeinschaft, den Internationalen Strafgerichtshof sowie den Weltsicherheitsrat, sofort aktiv zu werden und den Zugang zu Al-Fascher sicherzustellen. Auch wenn das Beschriebene in direkter historischer Kontinuität zu den seit 2003 wiederholt dokumentierten »ethnischen Säuberungen« im Sudan stehen mag, überragen die aktuelle Dimension und deren Systematik im Tathergang bislang Bekanntes. Al-Fascher stellt insofern kein isoliertes Kriegsverbrechen dar, sondern ist ein möglicher Wendepunkt hin zu einem offenen Genozid. Alle in der UN-Völkermordkonvention beschriebenen Merkmale könnten gegeben sein: Die Taten werden an einer ethnischen Gruppe begangen, und es besteht der spezifische Wille, die Gruppe als solche oder Teile zu vernichten. Besonders letzteres wird durch verschiedene Medienberichte erhärtet, wonach die Opfer überwiegend nichtarabische Zivilisten sind und gezielt nach Ethnizität selektiert wurden.
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