Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Januar/ 1. Februar 2026, Nr. 26
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.12.2025, Seite 3 / Ansichten

Welt aus Blech

Aus vom Verbrenner-Aus
Von Daniel Bratanovic
imago842847228.jpg

Aus vom Verbrenner-Aus, und zufrieden ist mal wieder keiner. Umweltverbände sprechen von einem Kniefall vor den Automobilkonzernen, während deren deutscher Lobbyverband sagt, die Entscheidung sei »kein guter Tag« für den Automobilstandort Europa. Was denn nun? Die EU-Kommission hatte am Dienstag bekanntgegeben, dass der CO2-Ausstoß der Neuwagenflotte im Jahr 2035 bloß noch um 90 Prozent gegenüber 2021 zu reduzieren sei. Das ist eine Abkehr vom 2022 gefassten Beschluss, in zehn Jahren ausschließlich emissionsfreie Autos zuzulassen, was als zentrale Zutat des »Green Deals« galt, die EU bis 2050 vollständig klimaneutral zu machen.

Das wirkt inzwischen alles ziemlich weit weg, die Klimaproteste sind nur noch eine matte Erinnerung an Zeiten vor der Pandemie, die Dekarbonisierung scheint out. Die EU als Quasi- oder Suprastaat tut, was solche Apparate unter kapitalistischen Verkehrsformen eben tun, ohne den grundlegenden Widerspruch auflösen zu können: Sie sorgt, bisweilen regulierend und mit Verboten, für die Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation. Im konkreten Fall heißt das, sie verordnet auch ökologische Vorgaben, weil ein Planet, der endgültig zur Wüstenei oder zur Müllkippe geworden ist, auch dem skrupellosesten Kapitalisten nichts nützt.

Solche eher langfristig angelegten und auf den generellen Erhalt dieser Wirtschaftsordnung zielenden Maßnahmen liegen, das ist besagter Widerspruch, über Kreuz mit den kurzfristigen Profitinteressen der CO2-emittierenden Industriekonzerne, hier vor allem mit denen der Automobilindustrie. Und die ist nun, was die Volkswirtschaft der Bundesrepublik angeht, eben nicht bloß eine Branche unter vielen, sondern deren Leitindustrie, die einem ganzen Produktionsmodell ihren Stempel aufdrückt. So kam denn auch der Druck auf die EU-Kommission, die beschlossenen Regeln wenigstens aufzuweichen, maßgeblich aus Deutschland – von den Konzernen und deren Interessenverbänden sowieso, von den Ministerpräsidenten jener Länder, in denen Automobilfertigung vor allem stattfindet, aber auch von der IG Metall.

Das Verbrenner-Aus bedeutete aus solcher Sicht einen empfindlichen Einschnitt in ein bisher noch leidlich profitables Geschäft im Rahmen eines rauher werdenden Konkurrenzverhältnisses auf dem Weltmarkt. In der Produktion emissionsfreier E-Autos wirken deutsche Hersteller vor allem gegenüber chinesischen Konkurrenten hoffnungslos abgehängt; die Aussicht, ab 2035 nur noch solche Vehikel produzieren zu dürfen, erschien da wenig verheißungsvoll.

Gleichwohl heißt es einhellig: Die Zukunft ist elektrisch. Welche miserable Ökobilanz auch ein E-Auto global betrachtet hat, wenn es etwa um die Produktion der Fahrzeugbatterien geht, ist da eher selten Thema. Noch seltener wird die Frage aufgeworfen, wie sinnvoll es eigentlich ist, immer mehr Panzern immer ähnlichere Autos zu bauen. Von einer Produktionsweise, der Verschleiß und Raubbau eingeschrieben ist, gar nicht erst zu reden.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. Dezember 2025 um 10:09 Uhr)
    Im Kapitalismus bleibt der Wettbewerb der entscheidende Faktor. Nicht politisch oder ideologisch gefärbte Beschlüsse bestimmen letztlich die Richtung, sondern Marktmechanismen, technologische Entwicklung und globale Konkurrenzverhältnisse. Welche Antriebsformen sich künftig durchsetzen – und ob individuelles Autofahren überhaupt in heutigem Umfang fortbesteht – wird weniger durch Verbote als durch ökonomische Zwänge entschieden. Hinzu kommt ein Strukturwandel, der in der Debatte kaum berücksichtigt wird: Die fortschreitende Digitalisierung verändert Produktions‑, Konsum‑ und Arbeitsweisen grundlegend. Waren werden zunehmend direkt zu den Konsumentinnen und Konsumenten geliefert, viele Dienstleistungen verlagern sich in den digitalen Raum, und immer mehr Arbeitsplätze entstehen im Homeoffice. Mobilität verliert damit zwangsläufig an Bedeutung. Statt also einseitig auf den Austausch des Verbrenners durch das E‑Auto zu setzen, wäre zu fragen, ob der stetig wachsende Individualverkehr selbst noch zeitgemäß ist. Sinkende Pendelwege, weniger Geschäftsreisen und veränderte Konsumgewohnheiten könnten den Verkehrsbedarf ganz ohne regulatorischen Zwang reduzieren. Die Verkehrswende vollzieht sich damit nicht primär durch politische Dekrete, sondern als Resultat ökonomischer Rationalität und gesellschaftlicher Transformation.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan K. aus Neumarkt i.d.OPf. (18. Dezember 2025 um 07:41 Uhr)
    Ganz so einfach ist es nicht, da ist dem Autor zuzustimmen. Für mindestens die Hälfte der Bevölkerung sind E-Autos außerhalb der ökonomischen Möglichkeiten. Kostengünstige E-Mobile aus China werden im Interesse der hiesigen Autoindustrie verhindert. Ein Ersatz in Form von Öffis steht für viele außerhalb der Ballungszentren nicht zur Verfügung. Außerdem ist beim derzeitigen Energiemix der sparsame kleine Verbrenner dem E-SUV in Sachen Umweltbilanz mindestens ebenbürtig. Auch wenn gegen die Norm, ich bestehe weiter auf der Umweltbilanz, die CO2-Bilanz ist kein ausreichendes Kriterium, mit dem jede andere Schweinerei gegen die Umwelt überlagert, ja legitimiert werden kann. Das Verbrenner-Aus folgte mehr ökonomischen und ideologischen Motiven als Umweltinteressen. Eine »emissionsfreie« Art der (motorisierten) Fortbewegung wird es so wenig geben wie das Perpetuum Mobile. Der Logistikkonzern, für den ich arbeite, streicht entsprechende Sätze gerade aus seinem Marketing. Es gibt keinen emissionsfreien Paketversand.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (17. Dezember 2025 um 20:23 Uhr)
    Ob es der Markt doch regelt? Womöglich schleicht sich die List der Vernunft ein und chinesische Elektromobile werden so billig, dass keine mehr einen Verbrenner kauft, ökologischer Unfug Individualverkehr hin oder her. Die nächste Stufe ist schon gezündet, sie heißt Steer-by-Wire: »China hat als eines der ersten Länder eine klare regulatorische Grundlage für das vollständig elektronische Lenken geschaffen. Ab dem 1. Juli 2026 dürfen Fahrzeuge dort mit Steer-by-Wire-Systemen ohne obligatorische mechanische Notfallverbindung zwischen Lenkrad und Rädern auf die Straße. Diese Entscheidung verleiht der Technologie politischen Rückhalt. Das Elektrofahrzeug Nio ET9, dessen Steer-by-Wire-Lösung von ZF stammt, wird bereits in China produziert und verkauft – ermöglicht durch Sondergenehmigungen. Mit der neuen Norm rechnen Fachleute nun damit, dass weitere Modelle mit Steer-by-Wire deutlich schneller in den Massenmarkt drängen.« (https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/verkehr/steer-by-wire-milliardenmarkt-fuer-deutsche-unternehmen/). »Insgesamt bewerten Fachleute den Markt der elektronischen Lenksysteme als Wachstumsmarkt. 2023 wurde die Marktgröße mit 3,4 Milliarden US-Dollar angegeben, bis 2032 soll sie auf 6,2 Milliarden US-Dollar wachsen. Die positive Entwicklung hänge vor allem mit der weiteren Entwicklung von Elektro- und autonomen Fahrzeugen zusammen.« (https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/verkehr/wie-steer-by-wire-die-automobilindustrie-veraendert/).
  • Leserbrief von Franz (17. Dezember 2025 um 19:58 Uhr)
    Vermutlich ist euch das nicht klar: Für einen Wenigfahrer, der nur 3000 Kilometer im Jahr fährt, lohnt sich ein Elektroauto nicht. Schon erst recht nicht, weil die kalendarische Lebensdauer einer Batterie bei maximal 15 Jahren liegt. Ein Benziner kann aber locker 30 Jahre und älter werden, wenn er geschont wird und in einer Garage steht.

Ähnliche:

  • Immer mehr Blech verstopft die Straßen, ob elektrisch oder mit K...
    15.09.2025

    Streit um mobile Zukunft

    45 Millionen E-Autos auf BRD-Straßen? EU will Verbrennerverbot »überprüfen« und hält an propagierten »Klimazielen« fest
  • Schall und Rauch: Die Klimaschutzambitionen der EU ähneln einem ...
    02.04.2025

    Aus für Verbrenneraus

    EU-Kommission entsorgt Bekenntnis zum schrittweisen Abschied von Benzin- und Dieselfahrzeugen bis 2035. Klimaschützer warnen vor Irrweg

Regio:

Mehr aus: Ansichten