Die große Enttäuschung
Von Sabine Kebir
Weil es kaum noch Zweifel gab, dass Hitler die ganze ČSR besetzen wollte, mussten nach dem Münchner Abkommen auch tschechoslowakische Intellektuelle an Emigration denken, insbesondere, wenn sie Juden oder Linke waren. Milena Jesenská organisierte die Fluchthilfe für viele Gefährdete, unter anderem für den jüdischen Journalisten Wilhelm S. Schlamm¹, mit dem sie eng freundschaftlich verbunden war. Er hatte zum Mitarbeiterkreis der Zeitschrift Přítomnost (Gegenwart) gehört und schickte auch aus dem Ausland weiter Artikel. Am 10. November 1938 bat sie ihn um einen Artikel über »den Unterschied, wie sich Frankreich und England uns gegenüber verhalten. England, das nicht unser Verbündeter war, verhält sich uns gegenüber viel anständiger. In Frankreich spürt man Verlegenheit, schlechtes Gewissen und keinerlei Noblesse.«²
Fünf Tage später schrieb sie Schlamm, sie wolle im Land bleiben, »so lange ich das Geringste machen kann. Ich weiß nicht, wie lange es möglich sein wird. Bestimmt bis zum letzten Augenblick. Aber wenn ich nichts mehr werde machen können, will ich weg von hier. Aber wohin?« Und zwei Tage später: »Es ist so entsetzlich still geworden um uns, Willi. Ich kann das Bild der neuen Staatsfläche, die verstümmelten Grenzen – überhaupt nicht fassen. Vieles andere ist genauso unfassbar. Nicht alle Leute benehmen sich so, wie man hätte erwarten müssen.«³
Im Niemandsland
Am 29. Dezember 1938 fand immerhin eine Sitzung des Völkerbunds in Paris statt, die sich mit möglichen Hilfen für Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und den besetzten tschechischen Gebieten befasste. Jesenská berichtete, dass die Leiterin des Nationalen Koordinierungsausschusses für Flüchtlinge, Marie Schmolková, darlegen konnte, dass es der ČSR unmöglich sei, ihre Asylpolitik wie gehabt fortzusetzen. Die politischen Flüchtlinge seien bedroht und ihre Anwesenheit stelle auch »eine politische Gefährdung der nachbarlichen Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland« dar. Nach Prag zurückgekehrt, zeigte sich Schmolková Jesenská gegenüber optimistisch, dass »die Mehrzahl dieser Menschen ihre letzten Weihnachten hier verbringt, und binnen eines Jahres alle Insassen des Niemandslandes verschwunden sein werden«. Mit »Niemandsland« war ein Streifen gemeint, der zwischen dem Sudetengebiet und dem der verbliebenen tschechoslowakischen Republik lag. Die im September in die Sudetengebiete geschickten Soldaten waren über diesen Streifen zurückbeordert worden. Deutsche, ungarische und polnische Helfer hätten sich verdient gemacht, indem sie Juden aus den besetzten Gebieten über das Niemandsland in die ČSR geschmuggelt hatten. Aber es seien auch Juden aus den unbesetzten Gebiet dorthin gekommen, um Angehörige oder ihren Besitz aus dem Sudetengebiet zu holen. Es wurde aber immer schwieriger, die beiden Stacheldrähte zu überwinden. Über tausend im Niemandsland gestrandete Juden erhielten erst die Bewilligung »zu jüdischen Familien in die Tschechoslowakei zu ziehen (…), als die englische Garantie eintraf, dass die Juden der öffentlichen Wohlfahrt nicht zur Last fallen, sondern auswandern werden. Während der ganzen Zeit, in der die Vertriebenen bei Wind und Wetter auf den Feldern oder in Wäldern lagen, wurden sie von Juden, die ihre Heimat noch nicht verloren hatten, ernährt. (…) Aber auch böhmische und slowakische Bauern, ja sogar deutsche Bauern und deutsche Arbeiter brachten ihnen Essen.« Wie war es möglich, fragte Jesenská, dass »300 Menschen – wie zum Beispiel bei Preßburg – bei Nacht und Kälte auf einem Feld bleiben mussten? Und das im Jahrhundert des technischen Fortschritts und der Wohnkultur?«
Nach wochenlangem Warten seien zwar viele Menschen gerettet worden. Mittlerweile war es Winter und »entlang der polnischen Grenze leben immer noch ungefähr 6.000. Man errichtet für sie provisorische Baracken. Und bald werden alle fortfahren. Um die Wahrheit zu sagen, nicht alle. Die Alten und die Kranken können nicht weg. Die müssen schon hier in irgendeinem Winkel sterben.«⁴
Für Přítomnost war ein Artikel des populären französischen Schriftstellers und Vorsitzenden des Internationalen PEN-Klubs Jules Romains übersetzt worden, in dem er das Münchner Abkommen als europäische Friedensrettung feierte, die Frankreich allerdings einige Milliarden koste – gemeint waren wohl die Migrationshilfen. Als Bewunderin einiger seiner Werke antwortete Jesenská – unter dem Pseudonym Marie Kubešová – dem Autor, der »voriges Jahr im Frühling anlässlich des französisch-tschechischen Bündnisses« tschechoslowakischen Politikern und Repräsentanten der Kultur »zugeprostet« hatte, mit bitterer Empörung:
Das Schicksal der Kleinen
»Wir sind ein tapferes und reifes Volk – aber ein kleines. Kleine Völker erlitten viele Katastrophen nur in der Folge dessen, dass sie klein waren.« Wieder zeige sich, dass Bündnisse großer und kleiner Länder nur den Interessen der größeren dienten. »Jeder kleine Bauer und jeder Flickschuster wird Ihnen das sagen. Da uns Frankreich im entscheidenden Moment nicht zur Seite stand, hat es uns natürlich verraten, das ist klar. Aber es hat auch sich selbst verraten. Wenn das französische Volk behauptet, es sei nicht notwendig, in den Krieg zu ziehen wegen drei Millionen Deutscher, die heim ins Reich wollen, so hat es sich geirrt, denn vielleicht war es doch notwendig, in den Krieg zu ziehen vieler Millionen Franzosen wegen und um ganz Frankreichs willen.« Romains habe von der »Moral unseres Volkes und von der des französischen Volkes« geschrieben. Kein Volk liebe den Krieg. »Als sich die tschechoslowakischen Soldaten, ohne gekämpft zu haben, aus dem Sudetenland zurückzogen, habt ihr gelacht und gejubelt – wir aber haben geweint. Ihr habt gejubelt, dass es euch erlaubt war zu leben.« Die Tschechen hätten geweint, »weil es uns verwehrt wurde zu sterben – für unsere gemeinsame Sache, die tschechische und die französische, Meister.«⁵ Mit der »Sache« war die Demokratie gemeint.
Enttäuscht zeigte sich Jesenská auch von der Sowjetunion, deren tschechischsprachigen Sender sie verfolgte. Mehrfach pro Woche spreche er »den Bewohnern jener europäischen Staaten, die in letzter Zeit so allerhand durchzumachen hatten, Optimismus und Mut zu.« Auch die inzwischen verbotene kommunistische Zeitung Rudé Právo hätte »nach jeder Niederlage, die wir erlitten«, immer wieder behauptet, »dass die Arbeiterklasse es nicht zulassen werde, dass die Sowjetunion es nicht dulden werde«. Die kommunistische Presse sei »in den letzten sechs Jahren von der Beurteilung der Wirklichkeit ebenso weit« entfernt gewesen »wie die Schilderung einer Landschaft durch einen Farbenblinden«. Der Grund sei, dass die Komintern weltweit »pseudorevolutionäre Ämter« mit hochbezahlten Beamten eingerichtet habe, die »in dem betreffenden Land, in dem sie gerade saßen, eine sogenannte revolutionäre Situation« herstellen sollten. Solche Leute sprächen jetzt auch über Radio Moskau. Sie »beschäftigen nicht unsere Sorgen, sondern die der Komintern, die Sorgen Moskaus«.
Vor allem ärgerte Jesenská, dass sich die Sowjetunion nicht an der Lösung des Flüchtlingsproblems beteiligte. Dabei gewähre die neue Verfassung, »die man die Stalinische nennt«, Ausländern Asyl, »die wegen Verfechtung der Interessen der Werktätigen oder wegen wissenschaftlicher Betätigung oder wegen nationalen Befreiungskampfes verfolgt werden«. Schon seit 1934 sei die Aufnahme von Verfolgten äußerst selektiv und wer sie erlangte, konnte zu abgelegenen Großbauprojekten abgestellt oder gar mit Haft und Tod bedroht werden. Deshalb seien viele deutsche Kommunisten in die ČSR geflohen, auch Kämpfer der internationalen Brigaden in Spanien. Wieso durften die oft qualifizierten Flüchtlinge nicht einfach am sozialistischen Aufbau teilnehmen? Wieso säßen viele in den Gefängnissen?⁶
Die Zerstückelung der ČSR hatte im November 1938 ihre Fortsetzung gefunden, als Teile im Süden und im Osten dem faschistischen Ungarn zugeschlagen wurden. Um den endgültigen Staatszerfall zu verhindern, bemühte sich die Prager Regierung um gute Beziehungen zu Berlin und war – so Jesenská im selben Artikel – »auf Rechtskurs« gegangen. Umsonst. Nach einem deutschem Diktat erklärte sich die Slowakei am 14. März 1939 für unabhängig und wurde zu Hitlers Vasallenstaat, erließ Rassengesetze und nahm später am Krieg gegen Polen und die Sowjetunion teil. Das, was von der ČSR noch übrig war, konnte Hitler tags drauf ohne Kriegserklärung besetzen. Nachdem dieser mit der Bombardierung Prags gedroht hatte, unterstellte Staatspräsident Emil Hácha das Land dem Deutschen Reich.
»Die großen Ereignisse, wie gehen sie vor sich? Unerwartet und schlagartig. Sind sie aber eingetreten, stellen wir jedesmal fest, dass wir nicht überrascht sind. In uns schlummert ein ahnendes Wissen kommender Dinge, das nur übertönt wird durch Verstand, Willen, Wunschdenken, Angst, tägliches Getriebe und Arbeit.«
Die Tränen der Prager
Am 15. März 1939 überschritt die Wehrmacht die Grenze zum »Niemandsland«. Um vier Uhr morgens begannen sich die Tschechen telefonisch über die Katastrophe zu verständigen. Der Rundfunk meldete knapp und sachlich das Vorrücken des deutschen Heeres und rief zur Ruhe auf. Die Prager deutschen Zeitungen erschienen sogar schon mit einer Reportage darüber, dass den Soldaten auf dem Vormarsch etwas bang sei und sie sich fragten: »Wie werden sich die Menschen in diesen fremden Straßen verhalten?« Aber wie sonst gingen die Kinder zur Schule, die Arbeiter und Angestellten zur Arbeit, laut Jesenská jedoch in großem Schweigen. »Fünf nach halb neun rückte das Heer des Deutschen Reiches auf die Narodni ein. Auf den Bürgersteigen strömten die Menschen wie gewohnt. Niemand sah hin, niemand drehte sich um. Die deutsche Bevölkerung aber hieß das deutsche Heer willkommen.«
Für das Selbstverständnis der deutschen Soldaten war der Einmarsch in Prag eine Premiere. In dieser, eine fremde Sprache sprechenden Stadt mussten sie mit Misstrauen rechnen, vielleicht auch mit Widerstand. Jesenská schilderte mehrere Begebenheiten, die zeigen, dass offenbar ein Teil der Soldaten Skrupel empfand. Am 16. März seien einem Mädchen – vielleicht ihrer zehnjährigen Tochter Jana Honza – die Tränen gekommen, als es auf dem Wenzelsplatz einer Gruppe deutscher Soldaten begegnete. Ein »ganz einfacher, gewöhnlicher« Soldat sei auf sie zu getreten und habe gesagt: »Aber Fräulein, wir können doch nichts dafür!«
In einer Straßenbahn habe ein Tscheche ein Hakenkreuz am Revers getragen und große Worte geschwungen, »was wir jetzt unternehmen und wem wir’s jetzt zeigen würden, dass jetzt endlich aufgeräumt und kurzer Prozess gemacht würde«. Ein deutscher Offizier habe sich erhoben und gefragt, ob der Mann Tscheche sei. Als er das bejahte, nahm ihm der Offizier das Hakenkreuz ab und sagte, er habe kein Recht, »so etwas zu tragen«. Es gebe Augenblicke, so Jesenská, »da möchte man zu einem deutschen Offizier hingehen und sagen: Ich danke Ihnen.« Ähnlich äußerte sich ein Beamter der Besatzungsmacht, mit dem Jesenská ein Gespräch führte. Er wundere sich, »dass eine derart große Zahl Tschechen zu uns kommt und mit Heil Hitler grüßt«. Ein Schriftsteller bemühe sich heftig um die Aufführung seiner Stücke in Berlin. Jeder Deutsche habe doch »Verständnis für Nationalstolz und nationales Rückgrat. Unterwürfiges Verhalten ruft bei einem Deutschen von heute nur ein mitleidiges Lächeln hervor.«
Am Tag des Einmarschs waren viele Prager zum Denkmal des unbekannten Soldaten auf dem Altstädter Ring gekommen und hätten Schneeglöckchen niederlegt. Viele hätten geweint. Jesenská sah, dass ein deutscher Soldat »stehenblieb und salutierte. Er blickt in die vom Weinen geröteten Augen, auf die Tränen und auf den zugeschneiten Berg Schneeglöckchen. Er sah: Das Volk weinte, weil er da war.«
Solche Beobachtungen müssen authentisch gewesen sein. Jesenská musste jetzt mit der Zensur der Besatzungsbehörden rechnen. Vielleicht beschwor sie deshalb das herauf, was sie die »Große Illusion« nannte: »Werden wir wirklich einmal nebeneinander leben – Deutsche, Tschechen, Franzosen, Russen, Engländer – ohne uns gegenseitig Leid anzutun …?«⁷
In dem Artikel hatte sie auch das nur selten in den Blick genommene Problem der Kollaboration angesprochen, das in jedem Krieg eine existentielle Herausforderung ist. Wer überleben will, muss sich mit dieser Versuchung auseinandersetzen.
Als Ferdinand Peroutka, der Chefredakteur von Přítomnost ins KZ Dachau verschleppt wurde, leitete Jesenská die Zeitschrift. Die Nazis zögerten, das gesamte intellektuelle Leben lahmzulegen, und warben um seine profiliertesten Vertreter. Ein ehemaliger tschechoslowakischer Offizier, der später unter der Protektoratsregierung Minister für Bildung, Schulwesen und Kultur wurde, versuchte, Jesenská zur Zusammenarbeit zu gewinnen und versprach, dass man sie zur neuen Božena Němcová machen würde.⁸
Patrioten oder Renegaten
Dass sie die Zeitung unter unsäglichen Auseinandersetzungen mit der Zensurbehörde noch bis zum Verbot Ende August weiterführte, diente bereits der Tarnung ihrer nun illegalen Tätigkeit als Fluchthelferin und Mitarbeiterin der Untergrundzeitung V boj (In den Kampf).
Bislang konnte Jesenská nur ein im August 1939 dort erschienener Artikel zugeordnet werden. Er ist mit »An die tschechischen Frauen« überschrieben und vermittelt auch interessante Einblicke in Hitlers Besatzungspolitik, die zunächst eher eine Assimilation vorsah, womit sie sich von der späteren Besatzung in Polen und der Sowjetunion unterschied. Aber auch das war für Jesenská »schwerste Gewalt«, die »an einem Volk von acht Millionen Tschechen verübt« wurde, »weil sich achtzig Millionen Deutsche vor ihm fürchteten!« Was die Deutschen »Schutz« nannten, bedeutete, »uns wirtschaftlich ausbeuten, moralisch brechen, germanisieren« zu wollen. »Wir sollen die zweiten Lausitzer Sorben werden, deren Ruinen unwiederbringlich im deutschen Meer verschwinden. Aber schon Bismarck hielt die Tschechen für eine Nuss, an der man sich die Zähne ausbeißen kann.«
Wegen der bei den Unterschichten aufkommenden Not war ein »Hilfszug« mit Lebensmitteln aus Bayern gesandt worden, um dem »›heruntergekommenen‹ Prag« zu helfen. Die Stadt musste die Hilfslieferung allerdings mit acht Millionen Kronen bezahlen. Währenddessen bestellten sich die Besatzer, die schon seit Jahren unter Mangelwirtschaft litten, in Prager Konditoreien »sechsmal hintereinander« Schlagsahne. Auf deutsche Initiative seien die Löhne der Arbeiter zwar um zehn bis 15 Prozent erhöht worden, »aber das Rindfleisch verteuerte sich um 40 Prozent«. Jesenská warnte die Frauen, ihre Kinder mit von den Zeitungen jetzt angepriesenen »chemisch hergestellte(n) Surrogate(n)« zu ernähren, die niemals »das natürliche Fett, den natürlichen Zucker etc. in vollem Umfang ersetzen können« – gemeint war unter anderem Margarine. Ein Großteil der tschechischen Agrarproduktion gehe nach Deutschland. Tschechische Erholungslager für Kinder würden für die Nazijugend reserviert. Aber es gebe auch Lockangebote: »Der tschechische Arbeiter erhält einen höheren Lohn, wenn er seine Kinder auf eine deutsche Schule schickt.« An ihnen, den Frauen »liegt es, ob unsere Kinder als Tschechen oder als Verdeutschte, als Patrioten oder als Renegaten aufwachsen.«
In »Massen« zögen »Reichsoffiziere auch mit ihren Familien zu uns, auf alle ›verarischten‹ Stellen und in arisierte Betriebe kommen Reichsdeutsche, um hier das große Geld für ihre Funktion zu beziehen«. Und die »Henlein-Anhänger, die nur ein Ideal hatten – ins Reich zu kommen«, seien »hiergeblieben, sogar auf den Stellen, die sie innehatten – sie sind nicht aufgestiegen. Die Preußen – die Reichsdeutschen wurden ihnen vorgesetzt.« Als widerwärtigen Angriff auf die tschechische Identität beschrieb sie Zwangsrekrutierungen von Tschechen für die Wehrmacht, auch, wenn sie kein Wort deutsch sprachen.
Ein großes Anliegen war ihr, die tschechischen Mädchen zu warnen, sich mit »›schön gewachsenen‹, feschen deutschen Kerls« einzulassen. »Würdet ihr euch mit einem Mann vergnügen, der euren Vater, eure Mutter beleidigt – wenn er Tscheche wäre? (…) Jeder Tscheche und jede Tschechin, die weiß, was Nationalstolz und -ehre sind, muss vor euch ausspucken.«
Jesenská appellierte an die Frauen, ihre Männer davon abzuhalten, in Deutschland zu arbeiten. »Dreihunderttausend Paar Hände von uns hat man schon dorthin gebracht.« Diese Männer seien einer »Entnationalisierungsmaßnahme« unterworfen und setzten ihre Gesundheit »wegen schlechter Nahrung und schwerster Arbeit aufs Spiel«. Dieses »Werben nach Deutschland ist nichts anderes als eine Säuberung vom aufrührerischen tschechischen Element, das Deutschland ungemein gefährlich werden könnte«.
Vom Widerstand sollten die Frauen ihre Männer nicht abhalten. Wenn es ihnen möglich sei, sollten sie selbst daran teilnehmen. Verstehen müssten sie, dass es Deutschlands Ziel sei, »uns auszurotten!« Jedoch müsse sich der Widerstand mit Vorsicht organisieren: »Riskiert nicht eure und eurer Männer Sicherheit. Wir brauchen uns alle gegenseitig.«⁹
Deportation nach Ravensbrück
Als Fluchthelferin, die immer noch mit ausländischen Konsulaten um Schutz für Gefährdete rang und dafür sorgte, dass sie sicher über die polnische Grenze gebracht wurden, ging Jesenská äußerst geschickt vor. Es gelang ihr, neben vielen anderen auch ihren ehemaligen Ehepartnern Ernst Pollak und Jaromir Krejcar sowie ihrem letzten Lebensgefährten, dem slowakischen Juden Evžen Klinger (1906–1982) die Flucht zu ermöglichen.
Am 11. November 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet. Ein Gericht in Dresden konnte ihr die Tätigkeit als Fluchthelferin nicht nachweisen und sprach sie mangels Beweisen frei. Trotzdem wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie am 17. Mai 1944 an den Folgen einer Nierenentzündung starb.
Margarete Buber-Neumann hat ein lesenswertes Buch über ihre Freundschaft mit Milena Jesenská in Ravensbrück verfasst, das freilich in einigen Schilderungen als unzuverlässig gelten muss. So schreibt Buber-Neumann mehrfach, dass Jesenská es für eine Katastrophe gehalten hätte, sollte die ČSR nach der Niederlage des Faschismus in den sowjetischen Machtbereich kommen.¹⁰ Die Mitgefangene Hanka Housková erinnerte sich hingegen, dass Jesenská zwei Polinnen zurechtgewiesen habe, die sich die Befreiung durch die Amerikaner wünschten. Jesenská bemühte sich wohl eher, die auch im Lager scharf geführten Auseinandersetzungen zwischen Leninistinnen und Trotzkistinnen zu dämpfen und die Aufmerksamkeit der Frauen auf die zum Überleben erforderliche Solidarität zu lenken.¹¹ Sie hoffte sicher auf eine von den Großmächten weitestmöglich unabhängige Tschechoslowakei.
Die unter Klement Gottwald 1948 angetretene kommunistische Regierung lehnte sich jedoch stärker noch als die DDR an die Sowjetunion an, was zu schwersten Entgleisungen bis hin zu den Slánský-Prozessen führte. Gottwalds Linie brachte Intellektuelle wie Schlamm und Peroutka, die Jesenská nahe gestanden hatten, dazu, sich im Westen antikommunistisch zu betätigen. Jesenskás Exmann Krejcar ging kurz nach seiner Heimkehr wieder nach Großbritannien. Evžen Klinger kehrte von dort zurück und blieb. Er nahm das Schicksal eines Kommunisten auf sich, der als »Trotzkist« dreimal aus der Partei ausgeschlossen, inhaftiert und rehabilitiert wurde. Auch Milena Jesenská wäre, hätte sie überlebt, mit großen Schwierigkeiten konfrontiert gewesen. Auf der 1963 abgehaltenen Kafka-Konferenz in Liblice, die den Beginn der Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller im sozialistischen Lager markierte, wurden ihre intellektuellen Leistungen hochachtungsvoll gewürdigt.
Anmerkungen
1 Wilhelm S. Schlamm (1904–1978) hatte als kommunistisch organisierter Intellektueller 1932 die Wiener Weltbühne als Tochter der Berliner Weltbühne gegründet und sie 1933 als Neue Weltbühne nach Prag verlegt, musste dann Anfang 1934 aber die Leitung des Blattes an Hermann Budzislawski übergeben. Schlamm entwickelte sich im US-Exil zum Antikommunisten. Siehe: Christian Stappenbeck: Späte Erfüllung, jW, 10.10.2025
2 Milena Jesenská an Wilhelm S. Schlamm, 10.11.1938. In: Ich hätte zu antworten tage- und nächtelang. Die Briefe von Milena, hg. v. Alena Wagnerová. Frankfurt/M. 1999, S. 174
3 Milena Jesenská an Willhelm Schlamm, 15. u. 17.11.1938. In: ebd., S. 176 f.
4 Milena Jesenska: Im Niemandsland, Přítomnost, 29.12.1938. In: Alles ist Leben. Feuilletons und Reportagen 1919–1938. Frankfurt/M. 1996, S. 216 ff.
5 Marie Kubešová (Milena Jesenská): Adieu Jules Romains!, Přítomnost, 1.2.1939. In: ebd., S. 223 ff.
6 Milena Jesenská: Guter Rat ist Goldes wert, Přítomnost, 8.3.1939. In: ebd., S. 229 ff.
7 Milena Jesenská: Prag am Morgen des 15. März 1939, Přítomnost, 22.3.1939. In: Alles … ebd., S. 239 ff.
8 Božena Němcová (1820–1862). In der tschechischen Nationalbewegung engagiert, gilt sie vor allem durch ihre, von den Brüdern Grimm inspirierte umfangreiche Sammlung tschechischer und slowakischer Märchen als Begründerin der tschechischen Literatursprache. – Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf: Marie Jirásková: Kurzer Bericht über drei Entscheidungen. Die Gestapo-Akte Milena Jesenská. Frankfurt/M. 1996, S. 22 ff.
9 Anonym (Milena Jesenská): An die tschechischen Frauen, V boj, August 1939. In: ebd., S. 111 ff.
10 Margarete Buber-Neumann: Milena. Kafkas Freundin. Berlin 1998, S.166, 220, 268.
11 Marie Jirásková: Kurzer Bericht über drei Entscheidungen (Anm. 8), S. 69
Teil I der Serie über Milena Jesenská erschien in der Ausgabe vom 24. Dezember, Teil 2 in der Ausgabe vom 27. Dezember.
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Leserbrief von Wolfgang Schlenzig aus Berlin-Mariendorf (30. Dezember 2025 um 12:26 Uhr)Die 3 Folgen mit den Erlebnissen und Erkenntnissen von Frau Jesenska haben mir viel Neues zu dieser Zeit gegeben. Ich bin ergriffen, beeindruckt, verstört und auch wütend. Was haben die deutschen Faschisten, die Regierungen der vermeintlichen Schutzmächte und auch die Linken im Lande und in Moskau mit der Tschechoslowakei gemacht, wie haben sie sie egoistisch verraten, sitzen lassen. Und bedrückend, in Vielem was Frau Jesenska aussprach und schrieb erkenne ich heute Parallelen, ist es ähnlich oder gar gleich, die ethnisch und weltanschaulich trennende Zuordnung der Hausbewohner, das Unverständnis linker Funktionäre für die Situation, der völkische Zusammenhalt der Deutschen, das Unvermögen über Nationalitäts- und Anschauungsgrenzen hinweg eine Volksfront zu bilden, das Chaos in tschechischer Regierung und Parlament etwas zu bewegen, Möglichkeiten auszunutzen, nicht erkennend, dass es auch der tschechischen Bourgeoisie an den Kragen gehen würde.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Otto B. (28. Dezember 2025 um 20:21 Uhr)Der Verräter und Agent William S. Schlamm wurde also von Klemens Gottwald dazu gezwungen, zu einem solchen zu werden. Ein wirklicher Höhepunkt in einem Porträt über eine überaus mutige und bewundernswerte Frau, das stets die antikommunistische Grundierung hervorschimmern lässt. Dass etwa das Handeln der Sowjetunion in einen größeren Zusammenhang zu stellen wäre, um es zu verstehen, erschließt sich der Autorin wohl nicht. Traurig ist sie offensichtlich auch darüber, dass die Tschechoslowakei nach 1945 einen sozialistischen statt einen kapitalistischen Weg eingeschlagen hat. Ich frage mich nur, was dieser Antikommunismus in der Jungen Welt zu suchen hat.
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