Gegründet 1947 Mittwoch, 7. Januar 2026, Nr. 5
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.11.2025, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Treiben Tiere Handel?

Rosa Luxemburg: Die große Entdeckung der Nationalökonomen, dass der Wert jeder Ware die in ihr steckende Arbeit ist, ist nur eine halbe Wahrheit
imago81606986.jpg
Die kapitalistische Produktionsweise macht tendenziell alles zur Ware. Markt in der Rue ­Montorgueil in Paris um 1964

Nachdem die Warenwirtschaft die herrschende Form der Produktion in Europa wenigstens in den Städten geworden war, im 18. Jahrhundert, fangen die Gelehrten an, die Frage zu untersuchen, worauf diese Wirtschaft, das heißt der allgemeine Austausch, beruht. Aller Austausch wird durch das Geld vermittelt, und der Wert jeder Ware im Austausch hat einen Geldausdruck. Was bedeutet nun dieser Geldausdruck, und worauf beruht der Wert jeder Ware im Handel? Das waren die ersten Fragen, die die Nationalökonomie untersuchte. In der zweiten Hälfte des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde nun die große Entdeckung von den Engländern Adam Smith und David Ricardo gemacht, dass der Wert jeder Ware nichts anderes als die in ihr steckende menschliche Arbeit ist, dass sich also beim Austausch der Waren gleiche Mengen verschiedener Arbeit gegeneinander austauschen. Das Geld ist nur der Vermittler dabei und drückt im Preise nur die entsprechende Menge Arbeit aus, die in jeder Ware steckt.

Es erscheint eigentlich als eine merkwürdige Sache, dass hier von einer großen Entdeckung gesprochen werden kann, da doch, wie man glauben sollte, nichts klarer und selbstverständlicher ist, als dass der Austausch von Waren auf der in ihnen steckenden Arbeit beruht. Allein der Ausdruck des Warenwerts in Gold, der allgemeine und ausschließliche Gewohnheit geworden war, verdeckte diese natürliche Sache. In der Tat, wenn ich sage, der Schuster und der Bäcker tauschen ihre Produkte gegeneinander aus, so ist noch naheliegend und sichtbar, dass der Tausch deshalb zustande kommt, weil trotz des verschiedenen Gebrauchs das eine so gut Arbeit gekostet hat wie das andere, das eine also das andere wert ist, sofern sie gleiche Zeit in Anspruch genommen haben. Wenn ich aber sage, ein Paar Schuhe kosten zehn Mark, so ist zunächst dieser Ausdruck, wenn man ihn näher überlegt, etwas ganz Rätselhaftes. Was haben denn ein Paar Schuhe mit den zehn Mark gemein, worin sind sie sich denn gleich, um sich gegeneinander auszutauschen? Wie kann man so verschiedene Dinge überhaupt miteinander vergleichen? Und wie kann man im Tausch für ein nützliches Produkt wie die Schuhe einen so unnützen und sinnlosen Gegenstand wie die gestempelten Gold- oder Silberscheibchen nehmen? Wie kommt es endlich, dass gerade diese unnützen Metallscheibchen die Zauberkraft besitzen, alles in der Welt in Tausch zu kriegen?

Nun, alle diese Fragen ist es den großen Schöpfern der Nationalökonomie, den Smith und Ricardo, zu beantworten nicht gelungen. Die Entdeckung, dass im Tauschwert jeder Ware, wie im Gelde auch, bloß menschliche Arbeit steckt und dass somit der Wert jeder Ware um so größer ist, je mehr Arbeit ihre Herstellung erfordert und umgekehrt, diese Entdeckung ist nämlich erst die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit besteht in der Erklärung, wieso und warum die menschliche Arbeit denn die seltsame Form des Tauschwertes und gar die rätselhafte Form des Geldes annimmt. Die englischen Schöpfer der Nationalökonomie haben sich diese letztere Frage nicht einmal vorgelegt, denn sie betrachteten es als eine angeborene, von Natur gegebene Eigenschaft der menschlichen Arbeit, dass sie Waren zum Tausch und Geld schafft. Das heißt mit anderen Worten: Sie nahmen an, dass ebenso natürlich, wie der Mensch essen und trinken muss, wie er auf dem Kopf Haare und im Gesicht eine Nase hat, er auch mit seinen Händen Waren zum Handel produzieren müsse. Sie glaubten dies so fest, dass Adam Smith sich zum Beispiel in allem Ernst die Frage vorlegt, ob nicht schon die Tiere miteinander Handel treiben, und er verneint dies nur deshalb, weil man noch keine derartigen Beispiele bei Tieren bemerkt hat.

Diese naive Auffassung bedeutet aber nichts anderes, als dass die großen Schöpfer der Nationalökonomie in der felsenfesten Vorstellung lebten, die heutige kapitalistische Gesellschaftsordnung, bei der alles Ware ist und alles nur für den Handel produziert wird, sei die einzig mögliche und ewige Gesellschaftsordnung, die so lange dauern wird, wie das Menschengeschlecht auf Erden lebt. Erst Karl Marx, der als Sozialist die kapitalistische Ordnung nicht für die ewige und einzig mögliche, sondern für eine vergängliche geschichtliche Gesellschaftsform hielt, stellte Vergleiche zwischen den heutigen und den früheren Verhältnissen in anderen Epochen an. Es zeigte sich dabei, dass die Menschen Jahrtausende lebten und arbeiteten, ohne vom Geld und vom Austausch viel zu wissen. Erst in dem Maße, wie jede gemeinsame planmäßige Arbeit in der Gesellschaft aufhörte und die Gesellschaft sich in einen losen anarchischen Haufen ganz freier und selbständiger Produzenten mit Privateigentum auflöste, in dem Maße wurde der Austausch zum einzigen Mittel, die zersplitterten Individuen und ihre Arbeiten zu einer zusammenhängenden gesellschaftlichen Wirtschaft zu vereinigen.

Rosa Luxemburg: ­Einführung in die ­Nationalökonomie. ­Berlin 1925. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Werke, Band 5. Dietz-­Verlag, Berlin 1974, Seiten 727–728

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Mehr aus: Wochenendbeilage