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Aus: Ausgabe vom 21.11.2025, Seite 2 / Ansichten

Entlarvende Ehrlichkeit

Merz’ abfällige Äußerungen zu Belém schlagen weiter Wellen
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Als Merz die Bühne betrat, leerte sich der Saal (Berlin, 19.11.2025)

Erst beleidigte Kanzler Friedrich Merz Millionen Bürger mit seiner »Stadtbild«-Äußerung. Nun brachte er Millionen Brasilianer durch abfällige Aussagen über die Stadt Belém gegen sich auf: »… waren alle froh, dass wir … von diesem Ort, an dem wir da waren … wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind«.

»Bereichernd wie ein Fußpilz«, nennt die Süddeutsche Zeitung solche unprovoziert von Merz losgestoßenen Debatten. »Kanzler sind halt auch nur einfache Bürger aus Oggersheim und Arnsberg, denen manchmal rausrutscht, was seit wann auch immer in ihnen drin ist«, so die Banalität der SZ, die keinen »dringenden Bedarf« an einem Kanzler sieht, »der solange in Ausbildung bleibt wie einst Kohl«. Soviel Zeit wie sein schwergewichtiger Vorgänger dürfte Merz, dem es schwerfallen wird, auch nur eine Legislatur durchzuhalten, auch nicht haben.

Die Welt leidet darunter, dass nun Brasiliens Präsident Lula da Silva den Kanzler »unter dem Gejohle seiner Anhänger am Nasenring durch die Arena zieht«. Merz habe das »seltene Kunststück fertiggebracht, sowohl bei der brasilianischen Linken als auch in Teilen der argentinischen Libertären unten durchzusein«, erinnert das Blatt daran, dass Merz bereits den argentinischen Präsidenten Javier Milei brüskiert hatte. »Und das ist nicht gut für Deutschland« – soll heißen, fürs deutsche Kapital, das auch in Lateinamerika gegenüber chinesischer Konkurrenz ins Hintertreffen gerät.

Merz »müsse endlich staatsmännischer auftreten und wissen, welches Gewicht seine Worte als deutscher Regierungschef besitzen«, meint T-Online-Kommentatorin Nilofar Breuer. Wo sich die Kollegen der bürgerlichen Presse um das Ansehen Deutschlands sorgen, freut sich die junge Welt über so viel entlarvende Ehrlichkeit des früheren Black-Rock-Managers mit Privatjet, der gar nicht erst versucht, das von ihm repräsentierte egoistische Interesse der besitzenden Klasse hinter staatsmännischer Maske zu verbergen.

Bekannt wurden Merz’ Belém-Äußerungen in Brasilien durch eine Übersetzung der Deutschen Welle. »Da kommt der alte neokoloniale Blick in Spiel: Stunden in einer mehr oder weniger armen Amazonasstadt mit einer deutschen Phantasie von Ordnung und Perfektion zu vergleichen, ohne Kontext, Geschichte oder die Gründe der Ungleichheit zu verstehen«, fand deren Kolumnist Philipp Lichterbeck die richtigen Worte.

Als der Kanzler am Mittwoch in Berlin ausgerechnet zur Verleihung des Talisman-Preises für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Deutschlandstiftung Integration die Bühne betrat, leerte sich der Saal. »Wir sind das Stadtbild« hieß es auf Stickern der ausziehenden Stipendiaten, viele davon mit Migrationsgeschichte. (nb)

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (21. November 2025 um 09:49 Uhr)
    Man kann die im Artikel als »abfällig« bezeichnete Äußerung von Merz auch anders interpretieren – nämlich als Ausdruck einer grundsätzlichen politischen oder geopolitischen Einschätzung, nicht als bewusste Herabsetzung einer ganzen Stadt oder Bevölkerung. Vielleicht wollte Merz tatsächlich darauf hinweisen, dass Deutschland – ein Land mit nur rund 1 % der Weltbevölkerung – sich in internationalen Fragen nicht automatisch als moralischer oder organisatorischer Maßstab aufspielen sollte, insbesondere dann nicht, wenn wesentlich größere und einflussreichere Akteure wie die USA, China oder Indien an zentralen globalen Prozessen gar nicht teilnehmen oder sie maßgeblich prägen. Damit stellt sich die Frage, ob die harsche Bewertung seiner Worte als »abfällig« nicht vorschnell ist. Die Reaktionen im Artikel konzentrieren sich stark auf Empörung über vermeintliche Beleidigungen, aber weniger auf die mögliche politische Botschaft dahinter: Dass Deutschland – trotz wirtschaftlicher Stärke – nicht die globale Autorität besitzt, sich über Orte, politische Prozesse oder geopolitische Realitäten anderer Länder zu erheben. Zugleich lässt sich argumentieren, dass die mediale Empörung ein strukturelles Problem verdeckt: Deutschland neigt politisch dazu, seine außenpolitische Rolle zu überschätzen. Wenn Merz darauf ungeschickt hinweist – ob von ihm so gemeint oder nicht –, wäre das ein Punkt, über den man sachlich diskutieren könnte, statt die Debatte sofort auf die moralische Ebene zu ziehen. Ebenfalls kann man kritisch anmerken, dass der Artikel den moralischen Tonfall vieler deutscher Medien reproduziert, ohne zu reflektieren, ob hinter Merz’ Aussage möglicherweise eine berechtigte Frustration über ineffiziente internationale Gipfel, symbolische Politik oder die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit globaler Kooperation steckt. Es wäre sinnvoll gewesen, die Frage zu stellen, warum Merz diese Bemerkung machte – und nicht nur wie sie wirkt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang D. aus Erding (21. November 2025 um 08:24 Uhr)
    da fehlt noch einiges. Belem ist ja auch nicht irgendeine Stadt. Merz hat spontan seinen Ekel vor der Klimakonferenz zum Ausdruck gebracht, dass er dahin musste, ganz gegen seine Überzeugung. Nicht klimatüchtig will er Deutschland machen, sondern kriegstüchtig. Noch muss er, im Innersten ein Trumpist, den Klimabewahrer heucheln. Adolf Hitler hat 1936 in einem Treffen mit der Presse bekannt, dass er die ganze Zeit den Friedensbewahrer hätte spielen müssen. Erst jetzt könne er sich zur Kriegsvorbereitung bekennen. Da fällt mir auch noch die EU ein, ein Kriegsprojekt von Anfang an, notdürftig getarnt als Friedenstaube. Manche hoffen, dass die Klimakrise und der resultierende wirtschaftliche Absturz die militaristischen Phantasien von einer neuen deutschen Grossmacht noch stoppen können. Klimamässig klein 2%, sodass wir nichts zu machen brauchen, aber wirtschaftlich und militärisch ein Riese. So soll das schöne Deutschland sein. CO2-Emissionen akkumulieren in der Atmosphäre. In der Summe liegt Deutschland weltweit auf Platz 4, es ist mit ein Hauptverursacher der aktuellen Krise. Merz, für den es Frieden genug auf dem Friedhof gibt, für den der Genozid in Gaza notwendige Drecksarbeit ist , agiert wie ein Elephant im Porzellanladen. Am Schlimmsten, er weigert sich mit Russland zu verhandeln. Er kann keine Dioplomatie, Er muss gehen. Also: BSW Ergebnisse nachzählen.

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