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Aus: Ausgabe vom 21.11.2025, Seite 3 / Ansichten

Besserwissender des Tages: Cem Özdemir

Von Felix Bartels
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»Eine Sensibilität für das Wohlergehen der Wirtschaft ist bei uns Teil der DNA« – Cem Özdemir

Ich bin jung, mein Herz ist voll Schwung, soll niemand drin wohnen als Mao Tse-tung. Zeiten gabs, da gab das Sinn. Denn der Robert, den man gern hat, dichtete das mit Blick auf den Restbestand der Achtundsechziger, aus dem die Nervensägen grünen Anstrichs sich späterhin rekrutierten. Niemand konnte sagen, wofür diese Leute stehen. Niemand kann es heute. Dass sie nerven, scheint das Wesentliche an ihnen. Erkannt hat das auch Cem Özdemir, der sich in Baden-Württemberg anschickt, nach Kretschmann zweiter grüner Landesvater zu werden.

Wozu man die Geister, die einen gerufen haben, loswerden muss. »Wir müssen mal selbstkritisch fragen, warum wir immer noch im Verdacht stehen, die Menschen zu belehren oder noch alles besser zu wissen«, verrät Özdemir in der Zeit. »Wir Grünen in Baden-Württemberg wollen nicht jeden Lebensbereich regeln, sondern mit den Leuten gemeinsam die Dinge verändern.« Vorausgesetzt, die Leute wollen, was die Grünen wollen.

Die Anschlussfähigkeit ergibt sich aus der Abwesenheit linker Inhalte: »Eine Sensibilität für das Wohlergehen der Wirtschaft ist bei uns Teil der DNA.« Gleichwohl wundert ihn, dass Jahrzehnte währende Anpassungsarbeit nicht honoriert wird. So redet er, als spuke noch der Geist von Ströbele durch die Gemächer der grünen Geschäftsstelle.

Das Rätsel ist leicht zu lösen, wenn man nicht am parteibedingten Bias leidet. Die Grünen repräsentieren den Teil der Oberschicht, der sich in seiner Freizeit ein Gewissen leistet. Den anderen Teil, der auch lebt, wie er arbeitet, zog es von jeher zur FDP. Auf dem Weg zu konformen Positionen in Militär-, Wirtschafts- und Sozialpolitik drohte Verwechslung, das gute Gewissen wenigstens im Alltag wurde nachgerade zum unique selling point. Die Grünen können die besserwissende Gängelei nicht unterlassen, weil allein daran klarwird, dass sie noch da sind.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (21. November 2025 um 09:43 Uhr)
    Cem Özdemir, der Türkschwabe, versucht’s halt wie die sieben Schwaben: voll Tatendrang losziehen, große Taten vollbringen, aber am Ende bleibt’s bei viel Gerede. Er schwätzt grün, schwäbelt brav, aber echte Ergebnisse? Fehlanzeige. So richtig angenommen wird er in der schwäbischen Stube halt doch nie – zu ‚anders‘, zu politisch korrekt, zu viel Ideologie, zu wenig Handfestes. Die Schwaben wissen: Wer nur im Grünen schwebt und die Welt belehrt, der bleibt ein »Reingescmäckte«.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Diethelm L. aus Syke (21. November 2025 um 12:31 Uhr)
      »Türkschwabe« - Blanker Rassismus!
      • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. November 2025 um 23:07 Uhr)
        Die Herkunft eines Politikers zu erwähnen, ist noch kein Rassismus – genauso wie Wohnort oder Parteibuch zur Biografie gehören. Rassismus fängt erst dort an, wo Herkunft als Makel verkauft wird. »Türkschwabe« beschreibt schlicht eine heutige Realität im Südwesten, wie früher »Ungarndeutscher« – und nicht mehr. Meine Kritik galt dem politischen Handwerk, nicht dem Stammbaum. Wer darin gleich Rassismus liest, sollte wohl auch beim Wort »Spätzle« auf der Hut sein.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (20. November 2025 um 20:41 Uhr)
    Bitte nicht so apodiktisch, Herr Bartels! Die (führenden) Grünen leisten sich auch in ihrer Freizeit kein Gewissen. Sie denken möglicherweise in ihrer Freizeit darüber nach, ob sie jemals eines gehabt haben könnten. Linke Inhalte? Meine Erinnerungen an Diskussionen aus der Gründungszeit mit Grünen sehen so aus: Es gibt keine Arbeiter, Marx hat mit Ökologie nichts am Hut, wir sind wertkonservativ. Zugegeben, da sind auch welche in Menschenketten gegen Pershings herumgelaufen und haben gegen Kernenergie gekämpft. Speziell gegen die »Nachrüstung« wurde eine Äquidistanz gegenüber USA und UdSSR gefordert und militärisch-industrielle Komplexe in gleicher Weise bei beiden unterstellt.

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