Partnerschaft statt Freihandel
Von Volker Hermsdorf
Als Reaktion auf die protektionistischen Drohungen aus Washington haben Mexiko und Brasilien eine neue strategische Partnerschaft vereinbart. Beim zweitägigen Besuch einer Delegation unter Führung von Brasiliens Vizepräsident Geraldo Alckmin unterzeichneten beide Seiten in Mexiko-Stadt eine Reihe von Absichtserklärungen und Memoranden, um die Zusammenarbeit der beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas zu intensivieren. Laut Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum werde dabei kein klassisches Freihandelsabkommen, sondern ein Ausbau der Kooperationen in Schlüsselbereichen wie Handel, Gesundheit, Energie, Landwirtschaft und Technologie angestrebt. »Wir sprechen nicht über Freihandel, sondern über Kooperation und Komplementarität«, erklärte Sheinbaum.
Bei den Abkommen geht es unter anderem um Vereinbarungen über die Zusammenarbeit in der Impfstoffproduktion zwischen den mexikanischen Laboratorios de Biológicos y Reactivos und der brasilianischen Stiftung Oswaldo Cruz, sowie über die Angleichung von Gesundheitsstandards zwischen der mexikanischen Aufsichtsbehörde Cofepris und der brasilianischen Anvisa. Als Schlüsselprojekt gilt eine beabsichtigte Kooperation bei Tiefseebohrungen zur Öl- und Gasförderung, »ein Bereich, in dem Brasilien über eine sehr große Erfahrung verfügt«, wie Mexikos Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard hervorhob. Ein weiteres zentrales Abkommen betrifft ebenfalls den Energiesektor. Es soll Mexiko ermöglichen, von Brasiliens jahrzehntelanger Erfahrung mit Biokraftstoffen zu profitieren – insbesondere bei der Entwicklung von Biodiesel, Bioethanol sowie nachhaltigen Treibstoffen für Flugzeuge und Schiffe.
Auch die Landwirtschaftsministerien beider Länder vereinbarten eine engere Kooperation in der Agrarwirtschaft, die Wirtschaftsministerien in den Bereichen Investitionsförderung und institutionelle Kapazitäten. Brasilien verfüge über Technologien, die Mexiko interessierten, und umgekehrt gebe es mexikanische Stärken, die für Brasilien von Wert seien, sagte Ebrard. Auf wirtschaftlicher Ebene strebe Mexiko vor allem die Aktualisierung von veralteten Bestimmungen an, die den mexikanischen Export behindern – insbesondere in der Automobilindustrie und bei »Ursprungsregeln«, die festlegen, wann ein Produkt als mexikanisch gilt.
Die Allianz könne die wirtschaftliche Landschaft Lateinamerikas nachhaltig verändern, ein Gegengewicht zu den traditionellen Handelsblöcken bilden und beiden Ländern eine größere Handlungsfähigkeit auf der internationalen Bühne verleihen, kommentierte Mexikos Außenminister Juan Ramón de la Fuente. Alckmin wies in dem Zusammenhang darauf hin, dass der Handelsaustausch bereits über 14 Milliarden US-Dollar (zwölf Milliarden Euro) liege, und äußerte die Hoffnung, dass diese Zahl »noch weiter wächst«, mit Fokus auf Bereichen wie Militär, Luftfahrt und Gesundheit. »Wir wollen mehr von Mexiko kaufen und dass Mexiko auch mehr von Brasilien kauft«, erklärte der Vizepräsident auf einer Veranstaltung vor 350 Geschäftsleuten der beiden Länder.
Das internationale Umfeld sei von einer neuen geopolitischen und wirtschaftlichen Ordnung geprägt, die für Mexiko und Brasilien auch Chancen biete, erklärte Sergio Contreras, Leiter des Mexikanischen Wirtschaftsrats für Außenhandel, Investitionen und Technologie, in Anspielung auf die Zollpolitik der US-Regierung. »Zusammen repräsentieren Brasilien und Mexiko 70 Prozent der Gesamtexporte der Region. (…) Für unsere Länder ist dies der Moment, die aktuelle Lage in einen Hebel zu verwandeln, der es uns erlaubt, eine solidere Beziehung aufzubauen, die die Komplementarität unserer Volkswirtschaften stärkt, Investitionen ankurbelt und Projekte mit hohem Potential aktiviert«, sagte er. Gemeinsam suchen beide Länder nach Wegen, sich gegen Trumps Zölle zu wehren. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat dafür am Donnerstag bereits ein Verfahren eingeleitet, um auf Grundlage eines neuen Gesetzes mögliche Gegenmaßnahmen zum Protektionismus der USA zu prüfen.
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