Bezaubernde Müllhalden
Von Marc Hairapetian
»Die ersten zehn Minuten enthalten wahrscheinlich mehr Witze als alle meine vorherigen Filme zusammen«, stellt Darren Aronofsky im Interview zu »Caught Stealing« fest. »Aber ob es eine Komödie ist, weiß ich nicht. Eher ein Riesenspaß, eine Gaunerei. Das ist ein Unterschied.« Der Filmemacher, bekannt geworden mit düsteren Dramen wie dem Drogendrama »Requiem for a Dream« (2000), in dem Soundeffekte parallel zu Bildern im Zeitraffer montiert werden, um tranceartige Rauschzustände zu suggerieren, kann vieles, aber kann er auch lustig sein? Jein!
Im Gespräch gibt sich der Regisseur des esoterischen Rätselwerks »The Fountain« (2006) und des abgründigen Sportlerporträts »The Wrestler« (2008) zwar aufgeräumt, und »Caught Stealing« hat auch tatsächlich Momente absurder Situationskomik, dennoch mutet es an, als würde er hier krampfhaft versuchen, auf Quentin Tarantino zu machen. Der 2011 für den Ballettthriller »Black Swan« in der Kategorie »Bester Regisseur« für einen Oscar nominierte Aronofsky will mit seinem kruden Retro-Genre-Mix vielleicht einfach zuviel.
Wir schreiben das Jahr 1998: Handys sind kaum im Einsatz, Streamingplattformen weit entfernt. Hank Thompson (Austin Butler) war in seiner Highschool-Zeit ein vielversprechender Baseballspieler. Jetzt arbeitet der Alkoholiker abgehalftert als Barkeeper. Halt gibt ihm lediglich seine Freundin Yvonne (Zoë Kravitz). Als er für ein paar Tage die Katze seines Nachbarn, des Punkrockers Russ (Matt Smith), hüten soll, findet er sich unvermittelt in kriminelle Geschäfte der New Yorker Unterwelt verstrickt. Diverse Banden wollen ihm wegen eines von ihm gefundenen Schlüssels zu einem Safe ans Leben. Die Cops sind keine Hilfe, möglicherweise sogar korrupt.
Nach der hastigen Einführung der Hauptfigur zieht »Caught Stealing« wild durch das Manhattan der späten 90er, durch ein Viertel der Großhändler und Kühlhäuser, der Hinterhöfe und Spelunken. Dass Austin Butler weit mehr als nur ein schauspielender Schönling ist, hat er in der Titelrolle von Baz Luhrmans Biopic »Elvis« (2022) und in dem Roadmovie »The Bikeriders« (2023) von Jeff Nichols bewiesen. Sein Talent wird hier – wie auch das der anderen Schauspieler – verschenkt. Er hat sich nur herzuzeigen. Matt Smith spielt klischeehaft einen ausgewanderten Londoner Punk, der das Schiebedach öffnen muss, um Platz für seinen knallgelben Irokesen zu schaffen. Liev Schreiber und Vincent D’Onofrio treten als orthodoxe jüdische Brüder auf – sie beklagen den schäbigen Zustand der Stadt, während sie ihre Schrotflinten durchladen.
Stimmig ist das Szenenbild von Mark Friedberg. Das heruntergekommene East Village dekoriert er liebevoll mit Müllbergen. Stimmig ist auch der Soundtrack der britischen Postpunk-Band Idles. »Caught Stealing« basiert auf dem gleichnamigen Roman von Drehbuchautor Charlie Huston aus dem Jahr 2004, obwohl Aronofsky sagt, dass die Stadt New York das Drehbuch praktisch mitgeschrieben habe: »Die Leute freuten sich damals auf das neue Jahrtausend. Sie glaubten, es würde Science-Fiction werden.«
»Caught Stealing«, Regie: Darren Aronofsky, USA 2025, 107 Min., Kinostart: heute
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