Kaliningrad schneller erobern
Von Arnold Schölzel
Am 16. und 17. Juli fand in Wiesbaden unter dem Titel »Transformation im Kontakt: Integration von Industrie, US-Armee und Verbündeten für globale Abschreckung« die Konferenz »Landeuro« statt. Veranstalter war die US-Armee-Organisation Association of the United States Army (AUSA). Gesprochen wurde zum Beispiel auf einer Podiumsdiskussion über »Der nächste Weltkrieg – Die vernetzte globale Bedrohung«. Man hatte die Welt im Blick. So auch US-General Christopher Donahue, seit Dezember 2024 Kommandeur der United States Army Europe and Africa mit Sitz in der hessischen Landeshauptstadt. Er ging in seinen einleitenden Bemerkungen zur Konferenz auf das NATO-Konzept »Eastern Flank Deterrence Line«, also »Ostflanken-Abschreckungslinie«, ein. Dabei geht es laut dem auf dem Portal augengeradeaus.de am 19. Juli veröffentlichten Transkript seiner Rede um die Fähigkeit, alle regionalen Pläne, also vor allem die der baltischen Staaten, zusammenzufassen: Datennutzung, Anwendung »neuer Formen von Massenvernichtung« und Antwort auf die Fragen: »Wie setzt man sie im Nahen Osten ein? Wie setzt man sie im Pazifik ein?« Der Mann sieht die baltischen Länder als Weltkriegslabor mit sich an der Spitze.
Fast nebenbei teilte der General mit, dass das Problem Kaliningrad erledigt sei. Das russische Gebiet zwischen Ostsee, Polen und Litauen ist etwa 15.125 Quadratkilometer groß und militärisch gesehen ein übler Stolperstein auf dem NATO-Weg nach Osten. Aber nicht mehr: »Unser Anwendungsfall ist, dass wir vom Boden aus agieren müssen. Wenn man sich die aktuelle Entwicklung weltweit ansieht, verliert der Landbereich nicht an Bedeutung, sondern wird sogar wichtiger. Man kann jetzt Abwehr- und Angriffsraketenblasen (A2/AD) vom Boden aus zerstören. Man kann jetzt die Seemacht vom Boden aus übernehmen. All diese Dinge, die wir in der Ukraine beobachten, sind für uns genauso wichtig. Wie integrieren wir das in die regionalen Pläne, in die Abschreckungslinie an der Ostflanke? Betrachten wir Kaliningrad. Es ist, wie man darüber diskutieren kann, etwa 75 Kilometer breit und von allen Seiten von der NATO umgeben. Es gibt absolut keinen Grund, warum wir die A2/AD-Blase nicht – um Russland abzuschrecken – in einem beispiellosen Zeitrahmen und schneller zum Platzen bringen können, als uns dies jemals möglich war. Wir haben das bereits geplant und entwickelt. Das Massen- und Impulsproblem, das Russland für uns darstellt – ein Problem, das auch überall sonst auf der Welt auftreten könnte –, haben wir entwickelt. Wir haben die Fähigkeit entwickelt, dieses Massen- und Impulsproblem zu lösen. Wir benötigen Kapazitäten im Umfang von etwa 22 Divisionen. Und natürlich müssen wir alle sicherstellen, dass wir über offensive Fähigkeiten verfügen – wahrscheinlich das Schwierigste.« Es kann losgehen.
Ein Echo auf Donahues Rede in der deutschen veröffentlichten Meinung fiel fast aus. FAZ, Süddeutsche Zeitung oder Nachrichtenagenturen schwiegen. NTV und einige Regionalzeitungen berichteten ungefähr so wie ein des Lesens unkundiger Autor des Nachrichtenportals T-Online, der am 19. Juli phantasierte: »US-General Chris Donahue hat Russland davor gewarnt, von der Enklave Kaliningrad aus Nachbarländer anzugreifen.«
Donahue kennt sich übrigens mit verlorenen Kriegen aus. Er verließ am 30. August 2021 als letzter US-Soldat nach fast 20 Jahren völkerrechtswidrigem Angriffskrieg von USA und NATO in Afghanistan Kabul. Donald Trump nannte die Operation eine Schande für die USA und wollte die Beteiligten noch im November 2024 vor Gericht stellen. Am 2. Dezember 2024 wurde Donahue aber mit den Stimmen der Trump-Anhänger im US-Senat befördert. Hat er sich nun endgültig verdient.
NTV und einige Regionalzeitungen berichteten ungefähr so wie ein des Lesens unkundiger Autor des Nachrichtenportals T-Online, der am 19. Juli phantasierte: »US-General Chris Donahue hat Russland davor gewarnt, von der Enklave Kaliningrad aus Nachbarländer anzugreifen.«
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Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (28. Juli 2025 um 10:59 Uhr)Der Traum, einen Sieg gegen Russland zu erzielen, scheint in der westlichen Welt weit verankert, und so träumen diese Wahnsinnigen tatsächlich, Kaliningrad einnehmen zu können, ohne dass Russland eventuell Widerstand leisten könnte! Ist das Größenwahn oder Selbstüberschätzung, dass Russland es einfach so hinnehmen würde? Ich möchte schon fast mit Sicherheit behaupten, dass die NATO von einem Endsieg träumt, und das koste es, was es wolle … Wie kann man diese Wahnsinnigen eigentlich noch stoppen?
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Leserbrief von Jürgen Fleißner aus Seeheim - Jugernheim (28. Juli 2025 um 16:28 Uhr)Was veranlaßt Sie zu glauben, dass die NATO Russland erobern will? Zählen Sie mal Ihre Argumente auf. Will Russland nicht im Moment die Ukraine erobern, oder umgekehrt? Mit friedlichen Grüßen J.Fleißner
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten G. aus Berlin (1. August 2025 um 20:11 Uhr)Die NATO ist Rußland in allen belangen 2:1 überlegen, Punkt! Die NATO will, dass alle Mitgliedsländer auf 5% ihres BIP die Rüstungsausgaben steigern. Hm, warum? Wenn Russland angreift, hätte es schlechte Karten! Sie haben sich schon mal selber ins Knie geschossen mit dem Ukraine-Krieg. Aber, wir, der Westen, haben die Russen jetzt 30 Jahre lang verarscht. Wir haben die 4+2 Verhandlungen, die Abmachungen nicht eingehalten. Bei der Ukraine hoffte er sich die NATO vom Leib zu halten, Pech, jetzt ist Finnland mit drin. Also, Warum soll es Europa angreifen? Hier gibt es nichts was für Ihn interessant, begehrlich wäre, der will einfach nur in Ruhe gelassen werden! Die EU, NATO ist heiß auf das was es dort alles gibt. Land,Rohstoffe,Absatzmärkte! Hätte der Westen alles haben können, wenn er auf die Angebote Putins in den 2000ern eingegangen wäre. Wäre dann aber unter Russland's Kontrolle in ihrem Land gewesen und nicht unter westlicher Kontrolle in Russland. Und das können all die kleinen … nicht ab. Falls es doch noch einmal einer versuchen will Moskau einzunehmen, wird er mindestens den Untergang Europas verursachen! Sieh neue russische Atomdoktrin! (greenpeace.de »Wann ist genug genug?« interessant) Mit friedlichen Grüßen und großer Hoffnung T.Gutjahr
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Leserbrief von Reiner-Lenz aus Birkenwerder (31. Juli 2025 um 10:18 Uhr)Zuviel Bildzeitung gelesen? In der Tagesschau in der ersten Reihe gesessen? Dieser Krieg begann mit dem NATO-Putsch 2014 in Kiew. Das seinerzeit völkerrechtswidrig an die staatliche Macht geputschte Kiewer Marionettenregime bombardierte, massakrierte 8 Jahre lang die unbotmäßige russischstämmige ostukrainische Bevölkerung, die sich nicht von Washington und Brüssel regieren lassen wollte. Das hat man vor 9 Jahren sogar in der Tagesschau zugegeben. Das entsprechende Video finden Sie bei Youtube. 8 Jahre lang hat Russland in Minsk versucht, Frieden zu stiften, und wurde nur verarscht. Was das Merkel und die Macrone selbst zugegeben haben. Dies war eine der Ursachen für das militärische Engagement Russlands. Der Westen hat russisch Roulette gespielt und ist am verlieren. Das hindert deren Geistesriesen allerdings nicht im geringsten, weiter zu eskalieren. Wir werden weiter eskalieren, bis alles in Scherben fällt, denn heute zerstören wir Toitschland und morgen die ganze Welt.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. Juli 2025 um 10:58 Uhr)Der Artikel von Arnold Schölzel thematisiert die Aussagen von General Christopher Donahue im Rahmen der Landeuro-Konferenz in Wiesbaden. Dabei wird ein hochkomplexes sicherheitspolitisches Thema in einer Weise dargestellt, die mehr zur Verunsicherung als zur sachlichen Aufklärung beiträgt. Anstelle einer analytischen Einordnung der militärstrategischen Aussagen werden weitreichende Interpretationen präsentiert, ohne diese ausreichend mit überprüfbaren Fakten oder weiterführenden Kontexten zu untermauern. Die Darstellung bleibt einseitig, teilweise polemisch und verzichtet auf eine differenzierte Bewertung der sicherheitspolitischen Implikationen für Europa und insbesondere den Ostseeraum. Zudem fällt auf, dass die Kritik an anderen Medien und Journalisten in einem Ton erfolgt, der wenig zur konstruktiven Auseinandersetzung beiträgt. Eine sachliche Diskussion sicherheitsrelevanter Entwicklungen sollte nicht durch abwertende Kommentare gegenüber anderen Berichterstattern ersetzt werden. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten ist es essenziell, dass journalistische Beiträge auf gründlicher Recherche, sachlicher Analyse und einer ausgewogenen Darstellung beruhen. Eine präzise und differenzierte Berichterstattung leistet einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung – zugespitzte Meinungsartikel ohne klare analytische Grundlage hingegen können zu Fehlwahrnehmungen führen und gesellschaftliche Unsicherheiten verstärken.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten G. aus Berlin (1. August 2025 um 19:24 Uhr)Hallo, na Sie sind ja ein janz jenauer ;-). Nein, sie haben ja mit allem recht was sie schreiben, aber das ist »Der Schwarze Kanal«. Kennen Sie noch den aus der DDR mit Karl Eduart von Schnitzler? Da geht es um, wie soll ich sagen, mal allgemein drüber herziehen und lästern, na, mehr Neugierig machen der Leute. Propaganda? Hm. Wie gewohnt hat die jW dann ja alles noch mit Fakten unterlegt. Ich kenne Sie aus den Leserbriefen immer als sehr kompetenten und interessanten Schreiber, aber das war schade um die Buchstaben. Geduld, mal schauen was noch kommt!! Mit größtem Respekt und gespannter Erwartung weiterer Briefe, Torsten Gutjahr
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