Buchmesse Havanna 2008

Buchmesse Havanna 2008

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    Entwickelt

    Analphabetismus - Fremdwort in Kuba

    Viele Schulklassen besuchen die Messe - Grundschüler tragen Pionierkleidung
    Lesen braucht keine Bequemlichkeit
    Was gibt´s denn hier?
    Freundliche Helferin
    Gedränge in der Buchhandlung
    Comic für die gerechte Sache
    Günstige Preise - und gezahlt wird hier in Moneda nacional
    Lesandra González Catalús (13) - stolze Pionera Exploradora
    Führung bei den jungen Nautikern
    Heimatkunde mit Kugelfisch
  • · Tagebuch

    Deutsch als Fremdsprache

    Peter Steiniger
    Uni Habana 007.jpg
    Yaidarys, Leydi und Danisbel freuen sich über deutsche Lektüre

    Wissbegieriger Besuch am Stand der jungen Welt - Deutsch-Studierende der Universität Havanna.
    Sie lassen sich alles über die junge Welt erklären und en detail unsere Internetausgabe vorführen. Daß wir soviel über Kuba und Lateinamerika berichten, beeindruckt sie. Besonders freuen sie sich über die verschiedenen thematischen jW-Beilagen, die am Stand abgegeben werden.
    Derzeit belegt die Gruppe den einjährigen Vorbereitungslehrgang mit Deutsch-Intensivkursen, Spanisch und Sport. Fünf Jahre Ausbildung schließen sich an. Neben der ersten und mindestens einer weiteren Fremdsprache kommen dann noch weitere Fächer hinzu, wie Geschichte, Linguistik und Literatur. Ab dem dritten Jahr wird ausschließlich in den Fremdsprachen unterrichtet. 
    Obwohl noch am Anfang ihrer Ausbildung, sprechen einige unserer Besucher schon erstaunlich gut deutsch. Aussprache und Grammatik seien das Schwerste - das Kompliment kann ich zurückgeben.

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    Cuban Five. Offener Brief

    Über 100 Persönlichkeiten aus 27 Ländern haben einen Brief an US-Außenministerin Condoleezza Rise, den Generalstaatsanwalt der USA Michael B. Mukasey und an den Minister für Innere Sicherheit Michael Chertoff geschrieben.
    Sie fordern darin, aus humanitären Gründen den beiden Kubanerinnen Olga Salanuevo und Adriana Pérez, Visa zu gewähren, damit sie ihre in den USA seit acht, bzw. neun Jahren inhaftierten Ehemänner besuchen dürfen. Die USA haben bislang jeden Besuchsantrag ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Zu den zitierten Persönlichkeiten gehört auch die ehemalige Justizministerin der Bundesrepublik Deutschland, Herta Däubler-Gmelin (SPD). Das unten dokumentierte Schreiben wurde ferner unterzeichnet von Adolfo Pérez Esquivel, Danielle Mitterrand, Rigoberta Menchú, Hebe de Bonafini, Rosa Regás, und Ignacio Ramonet. Aus den USA unterschrieben: Der katholische Bischof Thomas Gumbleton, die Pastorin Dr. Joan Brown Campbell, Angela Davis, Danny Glover ­, Alice Walker, Noam Chomsky, Howard Zinn, die ehemaligen Kongreß-Abgeordneten Esteban Torres, Wayne Smith und Michael Parenti sowie der Bürgermeisterin von Richmond, Gayle McLaughlin.


    Internationale Kommission für das Besuchsrecht der Familien, 14. Februar 2008

    An
    die Außenministerin
    Frau Dr. Condoleezza Rice

    den Generalstaatsanwalt
    Herrn Michael B. Mukasey

    den Minister für innere Sicherheit
    Herrn Michael Chertoff

    Nachrichtlich:
    UN-Menschenrechtsrat
    Berichterstatter gegen Folter
    UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Freiheitsentziehungen
    Amnesty international
    Ombudsman

    Sehr geehrte Damen und Herren ,
    wir, die Unterzeichnenden, wenden uns an das Außenministerium und das Justizministerium der Vereinigten Staaten von Amerika mit der Bitte, umge­hend den kubanischen Staatsangehörigen Olga Salanueva und Adriana Pérez -  Ehefrauen des Gefangenen René González beziehungsweise des Gefangenen Gerardo Hernández-  denen es ohne irgendeine rechtliche Grundlage seit 8 bzw. 9 Jahren unmöglich gemacht wird, ihre Ehemänner im Gefängnis zu besuchen, Visa zu erteilen.
    Wir wissen, daß sie schon achtmal Visaanträge gestellt haben. Jedes Mal hat das Außenministerium mit unterschiedlichen Begründungen und  ohne Angabe irgendeiner Rechtsgrundlage, die die Willkürlichkeit dieser Maßnahme hätte stüt­zen können, die Anträge abgelehnt.
    Amnesty international hat dies seit 2003 verschiedentlich gerügt und ausgeführt:
    „Artikel 10 Abs. 1 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (IPZPR), den die USA ratifiziert haben, bestimmt: „Jeder, dem seine Frei­heit entzogen ist, muß menschlich und mit Achtung vor der dem Menschen inne­wohnenden Würde behandelt werden“.
    In den allgemeinen Erläuterungen des UN-Menschenrechtskomitees zu diesem Artikel heißt es in Nummer 4, daß es eine fundamentale und universell geltende Regel ist, alle Personen, denen ihre Freiheit entzogen worden ist, menschlich und ihre Würde achtend zu behandeln ..... Diese Regel ist anzuwenden ohne irgendeinen Un­terschied insbesondere bezüglich der Rasse, der Hautfarbe, des Geschlechts, der Spra­che, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, der Geburt oder des sonstigen Status.“
    Am 17. Januar 2007 hat amnesty international erneut die Verletzung des Rechts dieser Gefangenen, Besuch von ihren Ehefrauen zu erhalten, gerügt, und zwar als unnötige (weitere) Bestrafung.
    Wir erinnern daran, daß am 27. Mai 2005 die UN-Arbeitsgruppe zu willkürlichen Freiheitsentziehungen eine Stellungnahme veröffentlicht hat, in der sie die Inhaftierung dieser Personen als”unrechtmäßig und willkürlich“ be­zeichnete und die nordamerikanische Regierung aufforderte, diese Situation zu beenden, wobei sie auf die von dieser begangenen Rechtsverstöße  und das Fehlen von Rechtsgarantien für ein gerechtes und unparteiisches Gerichtsver­fahren hinwies. Unter anderem erklärte sie: „dies ist ein Verstoß gegen Ar­tikel 14 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte“.
    Am 9. August desselben Jahres haben sodann drei Richter des Gerichts in Atlanta für den 11. Gerichtsbezirk die Verurteilungen aufgehoben und ein neues Verfah­ren angeordnet.
    Zur Zeit befindet sich der international unter der Bezeichnung der Fall der „Cu­ban Five“ bekannte Fall im Stadium der Appellation. (vergleichbar Berufung)
    Zwei Gefangenen das Recht zu verweigern, von ihren Ehefrauen besucht zu wer­den, hat sich inzwischen zu einer anderen Form der Grausamkeit und der Folter entwickelt.
    Wir fordern Sie auf, dieser Situation ein Ende zu bereiten und unverzüglich OLGA SALANUEVA UND ADRIANA PÉREZ HUMANITÄRE VISA zu erteilen.

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    Zerrbilder

    Kubas Revolution weiß sich zu verteidigen. Plastik vor einer Kas
    Kubas Revolution weiß sich zu verteidigen. Plastik vor einer Kaserne in Havanna

    Solidarität vom jW-Team aus Havanna mit Christel Wegner

    Mit Entsetzen haben wir von der Buchmesse in Havanna aus die Diskussion über Christel Wegner in Deutschland verfolgt. Hier, in der kubanischen Hauptstadt, können wir sehr gut die Zerrbilder der bürgerlichen Presse von allem, was auch nur nach Sozialismus riecht, überprüfen. Wir mußten uns wieder einmal davon überzeugen, daß so ziemlich alles falsch ist, was Spiegel-Online, Panorama, Die Welt oder die mehr oder weniger staatlich gesteuerten Nachrichtenagenturen über Kuba berichten. Letztes Beispiel: Die Kampagne wegen des Streitgesprächs zwischen einem kubanischen Studenten und dem Parlamentspräsidenten Ricardo Alarcón, über das die jW berichtete.

    Christel Wegner hat die Kühnheit besessen, zu sagen, daß zwei mal zwei gleich vier ist. Nicht mehr und nicht weniger. Auch die Kubaner haben die Erfahrung gemacht, daß ein sozialistischer Staat nicht darauf verzichten darf, diejenigen unter Kontrolle zu halten, die sich von der CIA bezahlen lassen oder die im Auftrag der enteigneten Zuckerbarone, Mafiabosse und Batista-Mörder handeln.

    Jedem bürgerlichen Staat, der seine eigene Verfassung ernst nimmt, stünde es ebenfalls gut an, rechtsextreme Umtriebe mit allen Mitteln zu unterbinden. Offenbar will man genau das vermeiden – deshalb die Aufregung über Christel Wegner.

    Ebenso entsetzt sind wir über jene als Angehörige der Linkspartei getarnten Sozialdemokraten, die offensichtlich nur darauf warten, über jedes Stöckchen zu springen, das ihnen die Bourgeoisie vorhält. Menschlicher Anstand hätte erfordert, daß sie sich erst einmal darüber sachkundig machten, was Christel Wegner wirklich gesagt hat. Und daß Gregor Gysi ihr unterstellt, sie – und nicht etwa Panorama - sei vom Verfassungsschutz gesteuert, ist nicht mehr als eine bodenlose und opportunistische Frechheit.

    Rainer Schulze, Peter Wolter, Oliver Desoi, Harald Neuber, Peter Steiniger, Mónica Corbano

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    Soldat im Kampf um Ideen

    Bild 1

    »Ich strebe weder das Amt des Staatsratsvorsitzenden noch das Amt des Oberkommandierenden der Streitkräfte an.« Eine Botschaft des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz
    * Die Tageszeitung Granma, Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 19. Februar 2008 auf Seite eins eine Erklärung Fidel Castros. Renate Fausten und Ekkehard Sieker (hintergrund.de) besorgten eine Übersetzung ins Deutsche.

    Liebe Landsleute,

    am letzten Freitag, den 15. Februar, habe ich versprochen, daß ich mich in meiner nächsten Reflektion mit einem Thema befassen werde, das für viele meiner Landsleute von Interesse ist. Auf diese Weise hat sie jetzt eher die Form einer Botschaft angenommen.

    Der Augenblick ist gekommen, den Staatsrat, dessen Präsidenten, dessen Vizepräsidenten und den Sekretär zu nominieren und zu wählen.

    Für viele Jahre habe ich die ehrenvolle Position des Präsidenten eingenommen. Am 15. Februar 1976 wurde die sozialistische Verfassung in einer freien, direkten und geheimen Abstimmung von mehr als 95 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung angenommen. Die erste Nationalversammlung wurde am 2. Dezember desselben Jahres eröffnet. Durch sie wurden der Staatsrat und die Präsidentschaft gewählt. Zuvor hatte ich für fast 18 Jahre das Amt des Premierministers innegehabt. Ich habe immer die notwendige Berechtigung besessen, die Arbeit an der Revolution mit Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung voranzubringen.

    Viele Menschen im Ausland haben gedacht, daß angesichts meines kritischen Gesundheitszustandes meine am 31.Juli 2006 vorgenommene vorläufige Niederlegung des Amtes des Staatsratspräsidenten endgültig sei; es ist das Amt, das ich dem ersten Vizepräsidenten Raúl Castro Ruz übergeben habe. Aber Raúl, der wegen seiner eigenen persönlichen Verdienste auch Verteidigungsminister ist, sowie die anderen Genossen aus der Partei- und Staatsführung waren nicht gewillt, mich – trotz meines instabilen Gesundheitszustandes – als jemanden zu betrachten, der aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist.

    Das war für mich eine unbequeme Situation angesichts eines Gegners, der bisher alles Mögliche unternommen hat, um mich loszuwerden, und so willigte ich nur zögernd ein.

    Später, während der Zeit meines notwendig gewordenen Rückzugs, konnte ich meine vollständige Verstandeskraft zurückerlangen, und ich war wieder in der Lage, vieles zu lesen und über vieles nachzudenken. Ich verfügte auch wieder über ausreichende physische Kräfte, um viele Stunden lang zu schreiben, eine Tätigkeit, die ich mir mit den entsprechenden Rehabilitations- und Genesungsmaßnahmen teilte. Der grundlegende gesunde Menschenverstand hat mir gezeigt, daß eine solche Tätigkeit wieder innerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Auf der anderen Seite gab ich bezüglich meines Gesundheitszustandes außergewöhnlich sorgfältig darauf acht, anwachsende Erwartungen zu vermeiden, da ich der Ansicht war, daß ein ungünstiges Ende mitten in der Schlacht zu traumatisierenden Nachrichten für unser Volk führen würde. Deshalb ist es meine erste Pflicht gewesen, unser Volk nach so vielen Jahren des Kampfes auf beiden Ebenen – der politischen und der psychologischen – auf meine Abwesenheit vorzubereiten. Deshalb habe ich auch wiederholt betont, daß meine Genesung »nicht ohne Risiken verlief«.

    Mein Wunsch ist es immer gewesen, meinen Pflichten bis zu meinem letzten Atemzug nachzukommen. Das ist alles, was ich Euch anbieten kann.

    Euch – meinen hochverehrten Landsleuten –, die Ihr mir jüngst die Ehre erwiesen und mich als Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt habt, in der viele äußerst wichtige Beschlüsse über das Schicksal unserer Revolution getroffen werden müssen, Euch möchte ich sagen, daß ich weder das Amt des Staatsratsvorsitzenden noch das Amt des Oberkommandierenden der Streitkräfte anstrebe noch annehmen werde – ich wiederhole: ich strebe diese Ämter nicht mehr an und werde sie auch nicht mehr übernehmen.

    In kurzen Briefen, gerichtet an Randy Alonso, den Leiter der Sendung »Mesa Redonda« des Nationalen Fernsehprogramms – Briefen, die auf meine Bitte hin veröffentlicht wurden –, habe ich bereits Grundbestandteile der heute von mir verfaßten Mitteilung angeführt, selbst wenn Empfänger dieser Briefe meine Absicht nicht erkannten. Ich habe dabei Randy vertraut, den ich seit der Zeit, als er Student der Journalistik war, sehr gut kenne. In jener Zeit traf ich in einem beinahe wöchentlichen Rhythmus mit wichtigen Vertretern der Universitätsstudenten aus den Provinzen in der Bibliothek des großen Gebäudes in Kohly zusammen, dem Ort, an dem sie lebten. Heute ist das ganze Land eine riesige Universität.

    Es folgt nun ein ausgewählter Abschnitt aus dem Brief, den ich am 17. Dezember 2007 an Randy geschickt habe.

    »Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß die Antworten der kubanischen Gesellschaft auf die aktuellen Probleme, vor denen die kubanische Gesellschaft steht, eine größere Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten erfordern, als es Züge beim Schachspiel gibt; handelt es sich doch um eine Gesellschaft, deren Mitglieder im Durchschnitt eine fast zwölfjährige Schulbildung besitzen, einer Gesellschaft mit fast einer Million Menschen, die über einen Universitätsabschluß verfügen, und der realen Möglichkeit der Bildung für alle ihre Bürgerinnen und Bürger – ohne jegliche Diskriminierung. Wir dürfen nicht ein einziges Detail übersehen; auch wird der Weg nicht einfach sein, wenn in einer revolutionären Gesellschaft die Intelligenz des Menschen über seine Instinkte die Oberhand gewinnen soll.«

    »Es ist nicht meine grundlegende Pflicht, an meinen Ämtern festzuhalten und noch weniger jüngeren Menschen im Wege zu stehen, sondern meine Erfahrungen und meine Ideen beizusteuern, deren bescheidener Wert einer außergewöhnlichen Ära entstammt, in der ich das Privileg hatte zu leben.«

    »Wie Niemeyer* glaube ich daran, daß man bis zum Ende konsequent sein muß.«

    Ein Zitat aus dem Brief vom 8. Ja­nuar 2008: »... Ich bin ein entschiedener Befürworter der ›einheitlichen Stimmabgabe‹ (ein Prinzip, das nicht erkannte Verdienste schützt). Diese Form des Wählens hat es uns erlaubt, der Tendenz zu widerstehen, Dinge zu kopieren, die aus den Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers stammen; dazu gehört etwa, das Porträt eines einzigen Kandidaten zu zeigen, der so einsam und gleichzeitig so solidarisch mit Kuba ist. Ich habe großen Respekt vor jenem ersten Versuch, den Sozialismus aufzubauen, dem wir es zu verdanken haben, daß wir in der Lage gewesen sind, den von uns eingeschlagenen Weg weiterzugehen.«

    Und ich habe in jenem Brief auch noch einmal betont: »Ich bin mir bewußt darüber, daß der ganze Ruhm dieser Welt in ein Maiskorn paßt.«

    Ich würde also Verrat an meinem eigenen Gewissen begehen, wenn ich eine Verantwortung übernehmen würde, die Mobilität und völlige Hingabe verlangt, ich aber physisch nicht in der Lage bin, diese zu bieten. Das sage ich ohne Dramatik.

    Glücklicherweise kann unser revolutionärer Prozeß noch auf Kader der alten Garde zurückgreifen und auf andere, die während der frühen Etappe der Revolution noch sehr jung waren. Einige von ihnen waren enorm jung, fast noch Kinder, als sie sich dem Kampf in den Bergen anschlossen; und später trugen sie dann mit ihrem Heldenmut und ihren internationalistischen Einsätzen zum Ruhm des Landes bei. Sie besitzen die Autorität und die Erfahrung, um die Ablösung zu gewährleisten. Es gibt auch noch eine Übergangsgeneration, die zusammen mit uns gemeinsam die Grundlagen der komplexen und nahezu unerreichbaren Kunst gelernt hat, eine Revolution zu organisieren und zu leiten.

    Der Weg wird immer schwierig sein und intelligente Anstrengungen aller erfordern. Ich mißtraue den scheinbar leichten Pfaden der weltanschaulichen Apologetik oder der weltanschaulichen Selbstgeißelung als deren Gegensatz. Man muß immer auf die schlimmste aller Varianten vorbereitet sein. Ebenso besonnen mit Erfolg umzugehen, wie standhaft bei Widrigkeiten zu sein, das ist ein Prinzip, was nie vergessen werden darf. Der Gegner, den es zu bezwingen gilt, ist äußerst stark, aber wir haben ihn ein halbes Jahrhundert lang in die Schranken verwiesen.

    Ich verabschiede mich also nicht von Euch. Mein einziger Wunsch ist es, ein Soldat im Kampf um Ideen zu sein. Ich werde weiterhin unter dem Titel »Reflektionen des Genossen Fidel« schreiben. Das wird lediglich eine weitere Waffe in unserem Arsenal sein, auf die man zurückgreifen kann. Vielleicht erhört man meine Stimme. Ich werde umsichtig sein.

    Danke


    Fidel Castro Ruz
    am 18. Februar 2008, um 17.30 Uhr


    * Oscar Niemeyer, brasilianischer Architekt , geboren 1907 in Rio de Janeiro
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    Keine Aufregung in Havanna

    Peter Wolter
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    Wie gehts weiter? Diskussionen, aber keine Aufregung in Havanna

    Die meisten Kubaner hatten wohl damit gerechnet, daß sich Fidel Castro zurückzieht
    Die meisten Kubaner hatten wohl schon damit gerechnet: Der gesundheitlich stark angeschlagene Revolutionsführer Fidel Castro kandidiert nicht mehr für die Ämter des Staatspräsidenten und des Oberbefehlshabers. Wen die Nationalversammlung am Sonntag zu seinem Nachfolger wählen wird, ist zwar noch unklar – aber auch das scheint auf Kuba kaum jemanden aufzuregen.

    Der Parque Central in der Nähe des Kapitols bot am Dienstag Morgen das übliche Bild: Dutzende Kubanerinnen und Kubaner saßen auf den Bänken, einige spielten Schach, andere hielten ein Schwätzchen. Fast jeder dritte hatte die Parteizeitung Granma vor sich. Lapidare Schlagzeile: »Mensaje del Comandante en Jefe« (Mitteilung des Oberbefehlshabers). Erst in der Mitte der zweiten Spalte findet sich die Nachricht des Tages: »... teile ich Ihnen mit, daß ich das Amt des Präsidenten des Staatsrates und das des Oberbefehlshabers weder anstreben noch annehmen werde – ich wiederhole: weder anstreben noch annehmen.«

    »Das konnte man sich doch ausrechnen«, kommentierte ein etwa 50jähriger Lehrer. »Das heißt aber nicht, daß Fidel zurücktritt. Für uns wird er immer die Nummer eins bleiben, solange er lebt.« Daß es wesentliche Veränderungen geben wird, erwartet er jedoch nicht. »Wir haben doch eine stabile Spitze, die in den anderthalb Jahren seit der Erkrankung Fidels den Staat genau so geführt hat, als wäre der Comandante immer noch am Ruder.«

    Auf der »feria del libro« der Buchmesse in der alten spanischen Festung vor der Stadt, zeigt sich ein ähnliches Stimmungsbild. Das, was eigentlich die Nachricht des Tages wäre, löst kaum Diskussionen aus – man hatte schließlich damit gerechnet. Auf die Frage, was sich denn mit Castros Rücktritt ändern könnte, reagieren einige Gesprächspartner mit verständnislosen Blicken, andere zucken ratlos mit der Schulter. »Was soll sich denn ändern?« entgegnet einer. »Der Staat ist stabil – auch wenn wir immer noch eine Menge Probleme haben. Allerdings hoffe ich schon, daß sich einiges verbessert, wenn jüngere Leute das Sagen haben.«

    Einer der jungen Studenten, die als Helfer zur Buchmesse abgeordnet wurden, wird konkreter. »Fidels Bruder Raul Castro wird das Heft wohl in der Hand behalten. Ich hoffe jedenfalls, daß sich gerade für uns Studenten einiges ändert. Wir haben alle eine erstklassige Ausbildung bekommen – und die wollen wir nach unserem Abschluß auch einsetzen. Leider passiert es immer noch, daß sich so mancher nach der Universität erst einmal Arbeit als Taxifahrer oder Kellner suchen muß. Das muß dringend geändert werden – wir brauchen qualifizierte Arbeitsplätze, auf denen wir unsere Fähigkeiten auch nutzen können und die entsprechend bezahlt werden.«

    »Fidel wird ja nicht aus dem politischen Leben verschwinden«, sagte ein anderer. »Immerhin hat er angekündigt, daß er regelmäßig in der Granma seine >Reflexiones del companero Fidel< veröffentlichen wird.«

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    Kein Abschied

    Harald Neuber
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    Kurz vor Wahl des Staatsrates: Kubas Präsident Fidel Castro kandidiert nicht mehr für Staatsämter, bleibt aber »Soldat der Ideen«. Führungswechsel in Havanna erwartet

    Nach fast einem halben Jahrhundert an der Spitze Kubas hat Staatschef Fidel Castro in Havanna seinen Rücktritt angekündigt. In einem in der Tageszeitung Granma am Dienstag veröffentlichten Brief erklärte er, er werde sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen. »Ich werde die Ämter des Präsidenten und des Oberbefehlshabers weder anstreben noch annehmen.« Die »Nachricht des Comandante en Jefe« nahm die gesamte Titelseite des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Kubas ein. Zwei Jahre, nachdem Castro die Regierungsgeschäfte an seinen jüngeren Bruder und Vizepräsidenten Raúl Castro abgegeben hat, schafft der 81jährige damit Klarheit: »Es wäre ein Betrug an meinem Gewissen, wenn ich eine Verantwortung übernehmen würde, die mir eine Mobilität und Aufopferung abverlangt, zu der ich physisch nicht mehr in der Lage bin«. Fidel Castro war 49 Jahre an der Regierung Kubas: nach der Revolution 18 Jahre als Ministerpräsident, nach einer Verfassungsreform 1976 als Präsident der Republik.

    Die Erklärung kommt wenige Tage vor der Wahl des neuen Staatsrates. Am Sonntag werden die 614 Abgeordneten der Nationalversammlung aus ihren Reihen 31 Mitglieder des Regierungsgremiums bestimmen. Seit der Verabschiedung der sozialistischen Verfassung am 15. Februar 1976 stand Fidel Castro selbst dem Staatsrat vor und war damit zugleich Präsident der Republik. Aus Regierungskreisen war schon am Wochenende zu erfahren, daß es in der Führungsriege »weitreichende personelle Veränderungen« geben wird.

    Erstmals schreibt Fidel Castro in der Granma über die Schwere seiner Erkrankung. Er habe einige Zeit gebraucht, »um die volle Geistesleistung und die Kraft zum Lesen« wiederzuerlangen. Eine seiner größten Sorgen sei es in dieser Zeit gewesen, seinen Rückzug einzuleiten. »Nach so vielen Jahren des Kampfes war es meine Aufgabe, die Bevölkerung psychisch und politisch auf meine Abwesenheit vorzubereiten«, schreibt Fidel Castro in dem Beitrag, der auf Montag nachmittag datiert ist. »Ich verabschiede mich aber nicht von euch. Ich möchte weiter als ein Soldat der Ideen kämpfen«, heißt es am Ende der Mitteilung. Er werde auch künftig seine als »Reflexionen« bekannten Aufsätze veröffentlichen: »Sie werden eine Waffe mehr im Arsenal sein«. Der Brief endet mit einem einfachen »Danke«.

    Der US-amerikanische Präsident George W. Bush bezeichnete Fidel Castros Rücktritt als »Abschnitt des Übergangs, der ein demokratischer Übergang für das kubanische Volk sein sollte«. Der US-Nachrichtensender CNN berichtete am Morgen über die »Top-News« live aus Miami, der Hochburg des antikubanischen Exils in den USA. »Es ist nun an der Zeit«, erklärte die Reporterin, »daß sich die Menschen in Kuba erheben und für einen demokratischen Wandel kämpfen.« Der Text hätte so auch aus der PR-Abteilung des Weißen Hauses stammen können.

    Das Londoner Zentralbüro der Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte von der künftigen kubanischen Regierung »Reformen« ein, »die den Schutz der Menschenrechte garantieren«. Ein Sprecher des EU-Entwicklungskommissars Louis Michel betonte das Ziel Brüssels, in Kuba einen »friedlichen Übergang« zu erreichen, »der zu einer pluralistischen Demokratie« führe. Das chinesische Außenamt hingegen würdigte Fidel Castro als »revolutionären Führer« und »alten Freund«.

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    Bitte daran arbeiten

    Harald Neuber
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    Globalisierung heißt Terror: das US-Lager Guantánamo auf Kuba

    Kapitalistische Restauration ist alles: Wie sich die Friedrich-Ebert-Stiftung auf der Buchmesse in Havanna aufführt
    Die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Kuba haben ihren Tiefpunkt überwunden. Nachdem Brüssel – damals noch auf Drängen des spanischen Postfaschisten José María Aznar – Anfang 2003 Sanktionen gegen den Karibikstaat verhängt hatte, sind die Kontakte inzwischen wieder weitgehend hergestellt. Das merkt man auch auf der Internationalen Buchmesse in Havanna. Erstmals seit vier Jahren sind hier wieder die Messe- und Ausstellungs GmbH des Börsenvereins des deutsches Buchhandels, die die Frankfurter Buchmesse veranstaltet, und das Auswärtige Amt neuerlich vertreten. Die Rückkehr der EU läßt neue Spannungen mit der kubanischen Regierung erwarten. Einen Vorgeschmack gab eine Veranstaltung am Sonntag auf der Messe. Die internationale Zeitschrift der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) Nueva Sociedad (Neue Gesellschaft) hatten zur Debatte über »Soziale Gleichheit in Lateinamerika in Zeiten der Globalisierung« eingeladen.


    Globalisierung, so hieß es auf dem Podium unisono, sei nicht schlecht, sie müsse nur richtig umgesetzt werden. Der Wirtschaftswissenschaftler Luiz Carlos Bresser-Pereira, der früher als Planungsminister im Kabinett des brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso tätig war, vertrat die Ansicht: »Die Ablehnung der Globalisierung durch die Linke ist widersinnig, weil dieser Prozeß nicht umkehrbar ist«. Es ginge vielmehr darum, die Vorteile der Globalisierung zu nutzen. Ähnlich äußerte sich der ehemalige chilenische Minister und amtierende Botschafter seines Landes in Argentinien, Luis Maira. Die Concertación – eine Art dauerhafte große Koalition, die Chile seit 1990 beherrscht – habe die Armut erfolgreich bekämpft. So habe sie unter Salvador Allende Anfang der siebziger Jahre bei 17 Prozent gelegen, bei Pinochets Abtritt 1990 jedoch 42 Prozent betragen. »Heute verzeichnen wir 13,2 Prozent«, betonte Maira. Doch »die soziale Ungleichheit ist so groß wie nach Ende der Diktatur«, gestand er. Daran müsse man »arbeiten«. Gegen Maira wird übrigens in Buenos Aires wegen Autoschmuggels in großen Stil ermittelt.

    Die Quintessenz sozialdemokratischer Realpolitik formulierte auf der Messeveranstaltung der Brasilianer Bresser-Pereira. Kubas »große Ungleichheit« sei nur durch eine »Eingliederung in das internationale Wettbewerbssystem« zu lösen. Die US-Blockade und Washingtons Forderung nach einem Systemwechsel fand mit keinem Wort Erwähnung.

    Für Kuba fordern die Sozialdemokraten die kapitalistische Restauration. Andere Kräfte des bundesrepublikanischen Establishments agieren moderater, zum Beispiel die CSU-nahe Hans-Seidel-Stiftung. Das war auch Ende November deutlich geworden, als das kubanische Zentrum für Europäische Studien (CEE) zu einer Konferenz in Havanna geladen hatte, um hinter verschlossenen Türen Klartext zu reden. Nach teils heftigen Wortgefechten mit anwesenden EU-Kritikern monierten die Vertreter der SPD-nahen Stiftung vor allem die pragmatischere Linie der Hans-Seidel-Stiftung. Die Konferenz bezeichneten sie als »von vorne bis hinten gesteuert«, berichtete ein Teilnehmer. Die FES-Vertreter glaubten anschließend, sie könnten anders als die Kollegen von der Seidel-Stiftung »erhobenen Hauptes« zurückkehren, weil man die »Lügen der Kubaner« nicht mitgetragen habe.

    Ungeachtet solcher ideologischer Differenzen hat sich in der EU gegenüber Kuba eine handlungsbezogene Linie durchgesetzt. Ende vergangenen Jahres hatte eine Delegation unter Leitung des Karibik-Verantwortlichen der EU-Kommission, John Caloghirou, erstmals seit 2003 direkte Gespräche mit kubanischen Regierungsvertretern geführt. Nun soll der EU-Entwicklungskommissar Louis Michel den Dialog fortführen.
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    Revolution auf dem Tanzboden

    Peter Steiniger

    Havanna ohne Musik und Tanz ist nicht denkbar.
    Nach einem langen, durch Hitze und Lärm schlauchenden Tag am jW-Stand auf der Buchmesse brauchen wir Auslauf. Im Altstadtviertel Vieja, am Bulevar Obispo, einer historischen, touristisch geprägten Einkaufsgasse, gibt es an einer Ecke noch eine kleine Kiezkneipe. An der Wand hängt eine recht eindrucksvolle Urkunde mit dem Konterfei von Che Guevara. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich um die Schanklizenz. "Für den Hut" musiziert hier ein Trio: Kontrabass, eine dreisaitige Gitarre und Gesang. Die voluminöse Sängerin reißt mit Stimme, Ausstrahlung und Temperament mit.
    Anschließend ist Salsa angesagt. Im Lluvia de Oro ("Goldregen"), einer legendären Tanzbar nur wenige Schritte weiter, spielt eine geradezu explosive Combo auf. Jeder Ton, jede Bewegung ist Lebensgefühl, die Musik bezieht den ganzen Körper ein. Model-Figuren werden auf der Tanzfläche kaum vorgeführt, zählen tun Hingabe und Rhythmusgefühl. Im ganzen Lokal herrscht eine lärmende Ausgelassenheit, wird mitgesungen. Kubanische Sinnlichkeit ist der genaue Gegensatz von deutschem "Frohsinn". Alle und alles ist in Bewegung. Die Fremden fallen tänzerisch etwas ab, bleiben abwärts der Hüfte steif.
    Unter den Tanzenden sind auch viele Schwarze, vor allem Frauen, Nachfahren der Sklaven, die in den Minen, in den Zuckermühlen und auf den Plantagen ausgebeutet wurden. Großformatige Fotografien an den Wänden zeigen das Lokal in viel früheren Tagen: voller hellhäutiger Männer. Vor der Revolution haben Schwarze hier nicht getanzt, sondern den Boden gewischt.

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    Rund um den Prado

    Ein Spaziergang durch das Zentrum Havannas

    Las Cinco Palmas vor dem Museum der schönen Künste - zu Ehren des achtzigsten Geburtstags von Fidel Castro
    Die José-Martí-Statue im Zentralpark
    Höher als die Kopie der Yankees: El Capitolio, Sitz des Wissenschaftsministeriums
    Signale auf rot. Antike Ampelanlage am Kino Pairet
    Touristenattraktion mit 5 PS: Kutschen im Stil der Kolonialzeit
    El Floridita: Hier führte sich Ernest Hemingway geistige Nahrung zu
    Im Gassengewirr von Alt-Havanna
    Anmutig: Chicas promenieren im Zentralpark
    Lizenz für die Ewigkeit. Die Straßenkreuzer sind Strandgut der Mittelklassen aus vorrevolutionärer Zeit
    Führend in der Dachbegrünung
    Schuster in einem Hof an der Calle Obispo
    Noch nicht jeder Winkel wurde von der »revolución energética« erfasst ...
    Casa de la princesa
    Auf dem Weg zum Sieg führt an harter Währung kein Weg vorbei
    Kein Einfallstor für den Imperialismus
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    Frage des Standpunkts

    Peter Wolter

    Schlüpfen wir zur Abwechslung doch mal in die Rolle eines Journalisten von Panorama oder Spiegel-Online

    »Kubanische Polizei geht brutal gegen Dissidenten vor«

    Havanna. Kubanische Polizisten haben in der Nacht zum Sonntag in der Altstadt von Havanna einen Dissidenten auf brutale Weise festgenommen und abtransportiert. Nach Berichten von Augenzeugen wurde der etwa 30jährige Mann auf offener Straße mit Gewalt festgehalten, in Handschellen gelegt und unter Schmerzensschreien in einem Wagen abtransportiert. Grund der Festnahme war offenbar, daß er ein T-Shirt mit einem Anti-Castro-Aufdruck trug. Protestierende Anwohner, die den Vorfall beobachteten, äußerten die Sorge, daß er im Gefängnis gefoltert wird. Über den weiteren Verbleib des Festgenommenen wurde bislang nichts bekannt. »

    Und so war es wirklich:

    Der Festgenommene war betrunken und hatte auf offener Straße wegen eines Ehestreits eine Schlägerei angezettelt. Polizisten versuchten zunächst, ihn zu beruhigen. Als er dann um sich schlug, wurden ihm Handschellen angelegt. Die waren allerdings etwas zu fest angezogen, worauf sich ein Polizist bemühte, sie zu lockern. In der Tat kam dann ein Polizeiwagen, der den Mann zur Wache mitnahm. Sein T-Shirt war mit dem Namen einer Band bedruckt, Passanten beobachteten die Szene und gaben belustigte Kommentare ab.

    Den oben erwähnten Lohnschreibern könnte man auch folgendes empfehlen: Ein Klassenraum einer Grundschule in der Calle Obispo ist durch ein offenes Gitter von der Straße abgetrennt, so daß Passanten den Verlauf der Schulstunde beobachten können. Wie wäre es mit der Schlagzeile: »Castros Kuba: Jetzt auch Kinder hinter Gittern«?

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    Komplexe Realität

    Peter Steiniger
    Bild 1

    Wie schmeckt, wie riecht, wie fühlt sich Kuba an?, fragt uns eine Leserin aus Berlin-Kreuzberg. Wir sollten mehr darüber für diejenigen berichten, die dieses Land noch nicht selbst kennenlernen konnten.

    Selbst Kuba-Neuling, lassen sich die ersten Eindrücke aus Havanna so zusammenfassen: Dies ist ein sehr sonderbares Land. Im Stadtbild wechseln ländliche Szenen mit glanzvollen Kolonialbauten, Verfall und den Überbleibseln realsozialistischer Moderne. Die Gerüche der Stadt mischen sich mit denen des Meeres, von der Seeseite weht stets eine leichte, angenehm kühlende Brise. Die Parks und Grünanlagen sind gepflegt, die Straßen und Wege werden einigermaßen sauber gehalten, sind aber voller Schlaglöcher und Stolperfallen. Wer Leuchtreklamen und Werbeschilder mag, wird sie in Havanna vermissen. Nur hier und da grüßen Fidel, Ché oder Los Cinco von einer Hauswand oder Propagandatafel.

    Als erstes fällt hier der Verkehr ins Auge. Das Aufkommen ist für eine Großstadt mit etwa drei Millionen Einwohnern spärlich und viele Fahrzeuge machen einen abenteuerlichen Eindruck. Neben modernen Touristenbussen und Mietwagen sind vor allem Lada, amerikanische Straßenkreuzer - die mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben und mit umgebauten Dieselmotoren aus Traktoren fahren -, Motorräder von Java oder aus Zschkopau sowie alles unterwegs, was bei uns in Deutschland schon lange auf dem Schrottplatz ruhen würde. Natürlich darf man es sich nicht nehmen lassen, mit so einem uralten Chevrolet, der als Linientaxi für 10 Peso nacional pro Person verkehrt, mitzufahren. Ein intensives Erlebnis, auch angesichts von sechs Fahrgästen, die sich in den Veteran quetschen. Als Déjà-vu-Erlebnis entpuppt sich für die Fahrt mit den osteuropäischen Fabrikaten. Im Fahrzeuginneren riecht es nach Kraftstoff. Ostdeutsche wissen: Nicht die Benzinpumpe ist gebrochen – das muß so sein. Eine leichte Übelkeit gehörte in der Kindheit zu Autofahrten einfach dazu.

    Wie lebt es sich in dieser Synthese aus Dritter Welt und Sozialismus, aus Karibik, Afrika, USA und DDR, wie denken und fühlen die Kubanerinnen und Kubaner selbst? Die kubanische Realität entschlüsselt einem sich nicht in wenigen Tagen. Das Fremdheitsgefühl jedoch weicht schnell - nicht nur wegen der Anklänge an eigene Erfahrungen – es liegt an der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen.

    Über vieles hier herrscht Unzufriedenheit: die Bürokratie, eintönige Zeitungen, katastrophale Wohnbedingungen, fehlende Reisemöglichkeiten, die viel zu niedrigen Einkommen, von denen allein das Leben nicht zu bestreiten ist. Viele wichtige Dinge sind nur gegen Devisen zu haben. Der Peso convertible untergräbt als Parallelwährung die gesellschaftliche Moral. Qualifizierte Leute müssen versuchen, irgendwie im Tourismus Fuß zu fassen. Taxifahrer und Vermieter an Ausländer verdienen ein Vielfaches von Universitätsprofessoren.

    Wenn man den kubanischen Alltag beobachtet, fällt auf, daß vieles mühselig und improvisiert ist, Dinge fehlen, die für uns selbstverständlich sind. Auf offene Armut trifft man kaum. Die meisten Menschen in Havanna sind gut gekleidet und ernährt, ohne Zahnlücken, im Unterschied zu Berlin wird man nirgendwo angebettelt. Und noch etwas unterscheidet sich von der Welt, wie wir sie bei uns kennen: Das andere Tempo, eine kubanische Entspanntheit - den Menschen hier steht nicht die Existenzangst ins Gesicht geschrieben.

    Am Malecón, der langen, sehr romantischen Uferpromenade, gehen ständig zahlreiche Menschen spazieren, sitzen Pärchen, wird Musik gemacht und kreist die Rumflasche. In der Nacht kann man auf das tief dunkle Meer hinausblicken, auf dem kein einziges Boot oder Schiff seine Lichter wirft. Kuba erscheint dann als ein verwunschener, abgeschnittener Ort. In der letzten Nacht sahen wir am Malecon einen Auflauf mit hunderten, die ein „Gay-Treffen" feierten. Übrigens völlig unbehelligt von der Polizei.

    Unser kleines Hotel liegt in einer düsteren Seitenstraße in Alt-Havanna, nur wenige Fußminuten vom Capitolio und den aufgemotzten Geschäftsstraßen für Touristen und alle, die sonst noch mit harter Währung zahlen können. Nachts wirkt das Viertel um die Calle Consular wenig vertrauenserweckend, Dealer und leichte Mädchen lungern herum. An den Straßenkreuzungen beobachten Ordnungshüter aus ihren Autos heraus das Treiben ringsum. Morgens strömen aus den verschlissenen Häusern die Leute, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen und junge Pioniere ziehen in Gruppen durch die Straßen.

    In den Reiseführern wird unsere Absteige als Etablissement beschrieben, welches vor allem von Studenten aus aller Welt gern frequentiert wird. Studenten haben es nämlich gerne fensterlos und legen auch auf warmes Wasser keinen großen Wert. Tatsächlich haben sich einige junge Leute aus Norwegen und England hier einquartiert. Überwiegend aber sind es männliche Touristen, aus Kanada oder Deutschland. In der Lobby lassen sich am Abend ein, zwei herausgeputzte Afrokubanerinnen nieder, um sich etwas ausgeben zu lassen oder einträgliche Bekanntschaften zu schließen. Einen Hort der Revolution würde man hier nicht unbedingt vermuten. Und doch finden sich in einem abgelegenen Winkel, neben Gerümpel, Abfällen und einem versifften Pissoir, zwei lieblos gestaltete Wandzeitungen. Die Parteigruppe der PCC informiert darüber, daß Fidel aufruft. Daneben prangt die Straße der Besten.

  • · Tagebuch

    Hallo Jazz-Freunde

    Peter Steiniger
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    Havanna ist eine Stadt voller Musik. Noch bis heute läuft hier das 24. internationale Jazz-Festival


    Im La Zorra y el Cuervo Jazz Club, einem traditionellen Kellerlokal der Szene, bekamen wir davon einen Eindruck. Der Eintritt kostet 15 Peso convertible (etwa 12 Euro) – das entspricht fast dem durchschnittlichen Monatseinkommen der Kubaner, zwei Mojito sind inklusive.
    Was hier geboten wird, ist feinster moderner, schwarzer Latin-Jazz. Wir erleben den Pianisten Harold López Nussa und das Frauen-Ensemble "Canela", gemeinsam mit Jesus Fuentes (Saxophon). Michael, der etwas davon versteht, aus Dresden stammt, in Mexiko lebt und extra nach Kuba gekommen ist, um die jW auf der Buchmesse zu unterstützen, findet: Weltklasse. Unsere ND-Kollegin Ute ist eindeutig keine Jazzerin: „Ziemlich laut." Mein Urteil fällt freundlicher aus: Die Hüften der Sängerin aus Barbados scheinen sich völlig losgelöst vom Rest ihres katzenartigen Körpers zu bewegen.

    Auf dem Weg zurück in unser Hotel ist die Luft angenehm warm wie in einer Julinacht in Berlin.

  • · Berichte

    Ein bißchen lügen

    Peter Wolter
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    Propaganda der deutschen Bundesregierung auf der Buchmesse in Havanna – wie die Latinos an der Nase herumgeführt werden

    Viele bunte Bilder, grafisch aufwendige Gestaltung, Hochglanzdruck: Die Bundesregierung scheut keine Ausgaben, um im Ausland für den »german way of life« zu werben. Als verlängerten Arm nutzt sie in Havanna den Stand der Frankfurter Buchmesse, die vorwiegend Kinderbücher und Werke zum Deutschlernen präsentiert. Kostenlos und in hoher Auflage wird dort aber nur die Broschüre »La actualidad de Alemania« (Tatsachen über Deutschland) verteilt.

    In der 2005 vom Auswärtigen Amt im mehreren Sprachen aufgelegten Broschüre versuchen Historiker, Wirtschaftsprofessoren und Journalisten ein möglichst positives Bild Deutschlands zu zeichnen. Es ist zwar richtig, die BRD als wirtschaftlich potenten und industriell hochentwickelten Staat zu präsentieren – das ist aber nicht einmal ein Viertel der Wahrheit.

    Die Verdrehungen beginnen schon bei der Darstellung des deutschen Erfinder- und Forschergeistes. Laut Broschüre wurde die Glühbirne nicht etwa von dem US-Amerikaner Thomas A. Edison erfunden, sondern von Heinrich Göbel. Das erste Telefon baute nicht der US-Amerikaner Alexander Graham Bell, sondern der Deutsche Philip Reis. Das erste Strahltriebwerk für Flugzeuge wurde nicht von dem Briten Frank Whittle konstruiert, sondern von Hans von Ohain. Der hatte allerdings mit dem praktischen Einsatz die Nase vorne: Seine Erfindung diente als Antrieb für eine der Hitlerschen »Wunderwaffen«. Dem deutschen Erfindergeist ist eben auch die Entwicklung der ersten Großrakete, der V 2, geschuldet – das allerdings wird schamhaft verschwiegen.

    Buchstäblich nichts erfährt man in der Broschüre über die deutsche Alltagswirklichkeit. Kein Wort zur schon 2005 wahrnehmbaren Verarmung der unteren Einkommensschichten, kein Wort zur zunehmenden Altersarmut. Man erfährt nichts zu den seit 1990 kräftig zurückgegangenen Realeinkommen; die über zwei Millionen in Armut lebenden Kinder werden nicht einmal erwähnt. Daß die Zahl der Arbeiterkinder an den Universitäten immer weiter zurückgeht, wird ebenso verschwiegen wie die PISA-Studie, die die Effizienz des deutschen Bildungssystems auf einem Entwicklungsländern vergleichbaren Rang einstuft. Das deutsche Sozialsystem wird über den grünen Klee gelobt – verschwiegen wird jedoch, daß Millionen Deutsche offiziell als arm eingestuft werden (2006: 10,6 Millionen). Das Horrorkürzel »Hartz IV« taucht nicht einmal auf.

    Man erfährt nichts davon, daß in vielen deutschen Orten heutzutage Neonazis Jagd auf Ausländer machen. Zur Darstellung der deutschen Realität würde auch gehören, daß seit 1990 in Deutschland etwa 100 Menschen durch Neonazis umgebracht wurden. Das Zuwanderungsgesetz wird zwar kurz erwähnt – nicht jedoch, daß Migranten in Lagern festgehalten und von den Behörden bei Nacht und Nebel und unter menschenunwürdigen Umständen abgeschoben werden. Weitere Punkte auf der Mängelliste: Verdummung der Bevölkerung durch Massenmedien, das Zusammenknüppeln von Demonstranten durch die Polizei, der völkerrechts- und grundgesetzwidrige Bundeswehreinsatz in Afghanistan, die Ausschnüffelung der Bevölkerung durch Polizei und Geheimdienste.

    Realität ist immer komplex – besonders die deutsche. Diesem Anspruch wird die Broschüre nicht einmal im Ansatz gerecht, die Liste dessen, was verschwiegen, verdreht, beschönigt oder einfach erlogen wird, läßt sich fast endlos verlängern. Das Urteil über dieses Machwerk kann man in einem Wort zusammenfassen, höflicherweise auf Spanisch: »mierda«. Für so etwas geben sich hochbezahlte deutsche Professoren her – Kopflanger der Propaganda.


  • · Berichte

    Innerhalb der Revolution

    Harald Neuber
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    Falschmeldungen über Repression in Kuba sind Thema auf der Buchmesse. Kritische Debatten an der Tagesordnung

    Auf der Internationalen Buchmesse in Havanna erfreut sich ein Amateurvideo derzeit großer Beliebtheit. Dabei enthält die Aufnahme der Debatte zwischen dem kubanischen Parlamentspräsidenten Ricardo Alarcón und den Studenten der Informatikuniversität UCI  nur wenig Neues. Über zwei Stunden hatte sich der Politiker Anfang des Monats den Fragen der Studierenden gestellt. Kritisch hinterfragten die Jugendlichen Probleme mit restriktiven Reiseregelungen, nahmen zu sozialen Gegensätzen in Kuba Stellung und debattierten das Wahlsystem. Seit der amtierende Staatschef Raúl Castro im September vergangenen Jahres zur solcher Kritik aufgerufen hatte, haben in Kuba tausende solcher Diskussionen stattgefunden. Es war der jüngere Castro selbst, der einen „Überschuß an Restriktionen" konstatierte, durch den „mehr Schaden als Nutzen" angerichtet werde.

     
    Daß das Video des Treffens in der UCI derzeit auf USB-Sticks und DVDs von Hand zu Hand gereicht wird, liegt weniger an einem vermeintlichen Tabubruch als an der westlichen Presse. Die britische BBC und rechte Medien von Washington bis Südamerika hatten die Aufnahme, die von Studenten zur weiteren Diskussion in das Intranet der Lehranstalt gestellt worden war, Anfang vergangener Woche veröffentlicht. Ohne Quellenangabe wurde behauptet, Eliécer Avila, einer der Fragesteller, sei in seinem Heimatort El Yarey in der Provinz Las Tunas seiner kritischen Fragen wegen festgenommen worden. In Windeseile verbreitete sich die Meldung auch in Europa. „Ich war am Ende des Semesters für eine Zahnoperation nach Hause gefahren", erklärte der Informatikstudent kubanischen Medien nun. Telefonisch habe er davon erfahren, was über ihn verbreitet wurde. Unverzüglich machte sich der 21jährige in die Hauptstadt auf, um den „Skandal" aufzuklären. Er habe in der Debatte kritische Fragen gestellt, „um den Sozialismus besser aufzubauen und nicht, um ihn zu zerstören", sagte er im Gespräch mit der kubanischen Journalistin Rosa Miriam Elizalde. „Wenn wir etwas berichtigen, verändern oder überdenken müssen, dann machen wir das innerhalb der Revolution". Er hätte viel von dem Medienkrieg gegen Kuba gehört. Die massive Verbreitung der Falschmeldung über seine vermeintliche Festnahme in so kurzer Zeit und der Umstand, dass die Nachricht mit anderen Kritikpunkten des Westens an Kuba verbunden wurde, zeige, so Avila, „daß diese Medienmaschinerie sehr effizient arbeitet". Ähnlich äußerte sich Avilas Kommilitone Alejandro Hernández.

    In Deutschland hatte die rechtsgerichtete Gruppe IGFM am vergangenen Montag über den Fall berichtet. Eine „Menschenrechtlerin" habe das Haus der Familie Avila besucht „und fand dort dessen verängstigte Mutter in Tränen aufgelöst", heißt es in einer Pressemitteilung, die im Internet verbreitet wurde. Das war frei erfunden. „Es gab keine Festnahme, meine Familie ist völlig ruhig. Es gibt keine Probleme", konterte Avila im Interview mit Elizalde, das inzwischen – ebenso wie das erste Video – im Internetportal Youtube veröffentlicht wurde.

    Geändert hat das wenig. Die spanische Tageszeitung El País reagierte auf die Medienlüge mit einer zweiten Manipulation. „Kuba widerspricht Festnahme des Jugendlichen, der mit Alarcón diskutiert hat", meldete das Blatt. „Das war ein weiterer Betrug der Leser", sagte der spanische Journalist Pascual Serrano auf der Buchmesse in Havanna, „denn nicht der Staat hat geantwortet, sondern der Student."

    Damit nicht genug der Lügen. Im Springerblatt Die Welt berichtet am Dienstag die freie Mitarbeiterin Sandra Weiss, Avila habe als Zeichen des Protests gegen mutmaßliche Internetzensur in Kuba „ein schwarzes T-Shirt mit dem @-Zeichen" getragen. Auch das war frei erfunden. „Das T-Shirt stammt von einem Kunstfestival", klärte der Student auf. Für den Journalisten Pascual Serrano weist dies auf ein zentrales Problem hin: „Kein einziger Journalist hat den Fall recherchiert".

    Entgegen der Darstellungen in der westlichen Presse finden in Kuba seit Monaten offene Debatten statt. „Die Hoffnung auf eine Veränderung ist groß", sagt der Schriftsteller und Journalist Osmany Oduardo Guerra. Das Problem in der UCI sei gewesen, daß Parlamentspräsident Alarcón auf die Fragen der Jugendlichen „mit dem gleichen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte geantwortet habe". So hatte der Politiker auf die Frage nach Reisefreiheit entgegnet, daß ein solches Recht an keinem Ort der Welt existiere, weil die Mehrheit der Bevölkerung nicht die finanziellen Mittel habe. „Das ging schlichtweg an der Sache vorbei", meint auch Jaime, ein Filmstudent aus Havanna, „denn das Recht auf Ausreise hat nichts mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun". Wenn ein Arbeitsloser in Europa sich nicht zweimal in der Woche einen Kinobesuch leisten könne, würde ja auch kein Gesetz erlassen, das dies verbiete.

    Solche Vergleiche widerspiegeln das Niveau der innerkubanischen Debatten im zweiten Jahr nach Fidel Castros faktischen Abtritt. Auch auf der Buchmesse werden in den kommenden Tagen zahlreiche Diskussionen stattfinden. Dies geschieht nicht gegen den Staat oder den kubanischen Sozialismus, sondern mit ihm. So wird Ende der Woche ein Sammelband über die Bewertung restriktiver Kulturpolitik Anfang der siebziger Jahre vorgestellt, die bis heute nachwirkt. Die Beiträge stammen von führenden Mitgliedern des Schriftstellerverbandes UNEAC und anderer Kulturorganisationen. Auch das beweist, daß in Kuba Kritik geübt und Debatte geführt wird. Allerdings innerhalb der Revolution. Und das ist der Unterschied zu den Medien, von denen die Falschmeldung verbreitet wurde.
  • · Tagebuch

    Solidarität ist überall

    Marion Leonhardt
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    Am Stand des Internationalen Komitees zur Befreiung der Los Cinco
    Auch die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba (FG) ist am Messestand der jW vertreten.

    Die FG legt dort Informationen über ihr Cátedra-Projekt aus. (Die Cátedra gehört zur Universität Havanna und dient der Weiterbildung kubanischer Deutschlehrer.) Es liegen auch Publikationen des Komitee »basta ya« zur Befreiung der Los Cinco aus – das sind die fünf in den USA inhaftierten Kubaner, die den von Miami ausgehenden Terrorismus gegen ihr Land aufklären wollten. Beides ist immer wieder Anknüpfungspunkt für interessante Gespräche.

    Umso größer ist die Freude, als mir plötzlich ein Plakat mit der Forderung nach Visa für die Ehefrauen der Fünf unter die Nase gehalten wird. Graziella Ramirez vom Internationalen Komitee zur Befreiung der Fünf und die kubanische jW-Korrespondentin Daisy Francis Mexidor machen Werbung für ihre Kampagne und bitten die jW um Veröffentlichung ihres Aufrufs, den u.a. die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) unterzeichnet hat.

    Im Namen von »basta ya« übergebe ich Graziella unser Buch über die Geschichte der Fünf, die seit zehn Jahren in US-Gefängnissen einsitzen. Als ich später zum Stand des Internationalen Komitees komme, steht es gleich vorne im Regal mit anderen Publikation aus Kuba zu dem Fall. Zudem gibt es einen Tisch mit Karikaturen und Zeichnungen, die die Fünf in der Haft gefertigt haben. Das greife ich gerne auf und bitte die Genossinnen um Unterstützung: Die Zeichnungen und weitere Dokumente zu den Fünfen wären gut für die vom Komitee geplante Ausstellung zum 10. Jahrestag ihrer Verhaftung geeignet. Wir werden gemeinsam daran arbeiten und die Ausstellung vielleicht auch in der Cátedra in Havanna zeigen können.

  • · Berichte

    Zwei Welten prallen aufeinander

    Marion Leonhardt

    Auf der Messe versorgen sich die Kubaner mit großen Mengen geistiger Nahrungsmittel. Nicht nur dadurch wird deutlich, dass sie ein lesefreundliches Volk sind

    Ganz anders ist die bundesdeutsche Wirklichkeit. In einer Veranstaltung über die Leseförderung in Deutschland durch die Stiftung Lesen erfahren die Kubaner von der Mühsal, deutschen Schülern den Spaß am Lesen zu vermitteln. Die Kubaner sind ein wenig ratlos – eine Diskussion kommt kaum zustande, nachdem Anke Maerk-Buermann und Karola Penz von der Akademie zur Leseförderung der Stiftung Lesen ihren Vortrag gehalten haben.

    Beide Wissenschaftlerinnen belegten mit Zahlen, daß viele deutsche Schüler weder Lust am Lesen haben noch dazu in der Lage sind. Die Ergebnisse der Pisa-Studie, die der BRD blamable Noten ausgestellt hat, werden zitiert. Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft – zementiert durch das dreigliedrige Schulsystem - fehlen auch nicht. Abhilfe schaffen sollen unter anderem Netzwerke zur Leseförderung, in denen Eltern, Lehrer und Erzieher zusammenwirken. Zentrum dieser Netzwerke sollen Bibliotheken sein.

    Im Nebel bleibt, wie das angesichts der bundesdeutschen Realität funktionieren soll – die bleibt nämlich weitgehend ausgeblendet. Da nur jede zehnte Schule eine Bibliothek hat, sind hier wohl die öffentlichen Einrichtungen gefragt. Ein großer Teil davon wird aber in vielen Städten gerade geschlossen oder ist unterfinanziert. Und das dreigliedrige Schulsystem wird auch nicht abgeschafft. Hier stoßen zwei Welten aufeinander: Das Entwicklungsland BRD und die fortgeschrittene Kulturnation Kuba.

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