18.02.2008, 00:52:17 / Buchmesse Havanna 2008

Komplexe Realität

Von Peter Steiniger
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Wie schmeckt, wie riecht, wie fühlt sich Kuba an?, fragt uns eine Leserin aus Berlin-Kreuzberg. Wir sollten mehr darüber für diejenigen berichten, die dieses Land noch nicht selbst kennenlernen konnten.

Selbst Kuba-Neuling, lassen sich die ersten Eindrücke aus Havanna so zusammenfassen: Dies ist ein sehr sonderbares Land. Im Stadtbild wechseln ländliche Szenen mit glanzvollen Kolonialbauten, Verfall und den Überbleibseln realsozialistischer Moderne. Die Gerüche der Stadt mischen sich mit denen des Meeres, von der Seeseite weht stets eine leichte, angenehm kühlende Brise. Die Parks und Grünanlagen sind gepflegt, die Straßen und Wege werden einigermaßen sauber gehalten, sind aber voller Schlaglöcher und Stolperfallen. Wer Leuchtreklamen und Werbeschilder mag, wird sie in Havanna vermissen. Nur hier und da grüßen Fidel, Ché oder Los Cinco von einer Hauswand oder Propagandatafel.

Als erstes fällt hier der Verkehr ins Auge. Das Aufkommen ist für eine Großstadt mit etwa drei Millionen Einwohnern spärlich und viele Fahrzeuge machen einen abenteuerlichen Eindruck. Neben modernen Touristenbussen und Mietwagen sind vor allem Lada, amerikanische Straßenkreuzer - die mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben und mit umgebauten Dieselmotoren aus Traktoren fahren -, Motorräder von Java oder aus Zschkopau sowie alles unterwegs, was bei uns in Deutschland schon lange auf dem Schrottplatz ruhen würde. Natürlich darf man es sich nicht nehmen lassen, mit so einem uralten Chevrolet, der als Linientaxi für 10 Peso nacional pro Person verkehrt, mitzufahren. Ein intensives Erlebnis, auch angesichts von sechs Fahrgästen, die sich in den Veteran quetschen. Als Déjà-vu-Erlebnis entpuppt sich für die Fahrt mit den osteuropäischen Fabrikaten. Im Fahrzeuginneren riecht es nach Kraftstoff. Ostdeutsche wissen: Nicht die Benzinpumpe ist gebrochen – das muß so sein. Eine leichte Übelkeit gehörte in der Kindheit zu Autofahrten einfach dazu.

Wie lebt es sich in dieser Synthese aus Dritter Welt und Sozialismus, aus Karibik, Afrika, USA und DDR, wie denken und fühlen die Kubanerinnen und Kubaner selbst? Die kubanische Realität entschlüsselt einem sich nicht in wenigen Tagen. Das Fremdheitsgefühl jedoch weicht schnell - nicht nur wegen der Anklänge an eigene Erfahrungen – es liegt an der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen.

Über vieles hier herrscht Unzufriedenheit: die Bürokratie, eintönige Zeitungen, katastrophale Wohnbedingungen, fehlende Reisemöglichkeiten, die viel zu niedrigen Einkommen, von denen allein das Leben nicht zu bestreiten ist. Viele wichtige Dinge sind nur gegen Devisen zu haben. Der Peso convertible untergräbt als Parallelwährung die gesellschaftliche Moral. Qualifizierte Leute müssen versuchen, irgendwie im Tourismus Fuß zu fassen. Taxifahrer und Vermieter an Ausländer verdienen ein Vielfaches von Universitätsprofessoren.

Wenn man den kubanischen Alltag beobachtet, fällt auf, daß vieles mühselig und improvisiert ist, Dinge fehlen, die für uns selbstverständlich sind. Auf offene Armut trifft man kaum. Die meisten Menschen in Havanna sind gut gekleidet und ernährt, ohne Zahnlücken, im Unterschied zu Berlin wird man nirgendwo angebettelt. Und noch etwas unterscheidet sich von der Welt, wie wir sie bei uns kennen: Das andere Tempo, eine kubanische Entspanntheit - den Menschen hier steht nicht die Existenzangst ins Gesicht geschrieben.

Am Malecón, der langen, sehr romantischen Uferpromenade, gehen ständig zahlreiche Menschen spazieren, sitzen Pärchen, wird Musik gemacht und kreist die Rumflasche. In der Nacht kann man auf das tief dunkle Meer hinausblicken, auf dem kein einziges Boot oder Schiff seine Lichter wirft. Kuba erscheint dann als ein verwunschener, abgeschnittener Ort. In der letzten Nacht sahen wir am Malecon einen Auflauf mit hunderten, die ein „Gay-Treffen" feierten. Übrigens völlig unbehelligt von der Polizei.

Unser kleines Hotel liegt in einer düsteren Seitenstraße in Alt-Havanna, nur wenige Fußminuten vom Capitolio und den aufgemotzten Geschäftsstraßen für Touristen und alle, die sonst noch mit harter Währung zahlen können. Nachts wirkt das Viertel um die Calle Consular wenig vertrauenserweckend, Dealer und leichte Mädchen lungern herum. An den Straßenkreuzungen beobachten Ordnungshüter aus ihren Autos heraus das Treiben ringsum. Morgens strömen aus den verschlissenen Häusern die Leute, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen und junge Pioniere ziehen in Gruppen durch die Straßen.

In den Reiseführern wird unsere Absteige als Etablissement beschrieben, welches vor allem von Studenten aus aller Welt gern frequentiert wird. Studenten haben es nämlich gerne fensterlos und legen auch auf warmes Wasser keinen großen Wert. Tatsächlich haben sich einige junge Leute aus Norwegen und England hier einquartiert. Überwiegend aber sind es männliche Touristen, aus Kanada oder Deutschland. In der Lobby lassen sich am Abend ein, zwei herausgeputzte Afrokubanerinnen nieder, um sich etwas ausgeben zu lassen oder einträgliche Bekanntschaften zu schließen. Einen Hort der Revolution würde man hier nicht unbedingt vermuten. Und doch finden sich in einem abgelegenen Winkel, neben Gerümpel, Abfällen und einem versifften Pissoir, zwei lieblos gestaltete Wandzeitungen. Die Parteigruppe der PCC informiert darüber, daß Fidel aufruft. Daneben prangt die Straße der Besten.

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