17.02.2008, 20:26:09 / Buchmesse Havanna 2008

Ein bißchen lügen

Von Peter Wolter
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Propaganda der deutschen Bundesregierung auf der Buchmesse in Havanna – wie die Latinos an der Nase herumgeführt werden

Viele bunte Bilder, grafisch aufwendige Gestaltung, Hochglanzdruck: Die Bundesregierung scheut keine Ausgaben, um im Ausland für den »german way of life« zu werben. Als verlängerten Arm nutzt sie in Havanna den Stand der Frankfurter Buchmesse, die vorwiegend Kinderbücher und Werke zum Deutschlernen präsentiert. Kostenlos und in hoher Auflage wird dort aber nur die Broschüre »La actualidad de Alemania« (Tatsachen über Deutschland) verteilt.

In der 2005 vom Auswärtigen Amt im mehreren Sprachen aufgelegten Broschüre versuchen Historiker, Wirtschaftsprofessoren und Journalisten ein möglichst positives Bild Deutschlands zu zeichnen. Es ist zwar richtig, die BRD als wirtschaftlich potenten und industriell hochentwickelten Staat zu präsentieren – das ist aber nicht einmal ein Viertel der Wahrheit.

Die Verdrehungen beginnen schon bei der Darstellung des deutschen Erfinder- und Forschergeistes. Laut Broschüre wurde die Glühbirne nicht etwa von dem US-Amerikaner Thomas A. Edison erfunden, sondern von Heinrich Göbel. Das erste Telefon baute nicht der US-Amerikaner Alexander Graham Bell, sondern der Deutsche Philip Reis. Das erste Strahltriebwerk für Flugzeuge wurde nicht von dem Briten Frank Whittle konstruiert, sondern von Hans von Ohain. Der hatte allerdings mit dem praktischen Einsatz die Nase vorne: Seine Erfindung diente als Antrieb für eine der Hitlerschen »Wunderwaffen«. Dem deutschen Erfindergeist ist eben auch die Entwicklung der ersten Großrakete, der V 2, geschuldet – das allerdings wird schamhaft verschwiegen.

Buchstäblich nichts erfährt man in der Broschüre über die deutsche Alltagswirklichkeit. Kein Wort zur schon 2005 wahrnehmbaren Verarmung der unteren Einkommensschichten, kein Wort zur zunehmenden Altersarmut. Man erfährt nichts zu den seit 1990 kräftig zurückgegangenen Realeinkommen; die über zwei Millionen in Armut lebenden Kinder werden nicht einmal erwähnt. Daß die Zahl der Arbeiterkinder an den Universitäten immer weiter zurückgeht, wird ebenso verschwiegen wie die PISA-Studie, die die Effizienz des deutschen Bildungssystems auf einem Entwicklungsländern vergleichbaren Rang einstuft. Das deutsche Sozialsystem wird über den grünen Klee gelobt – verschwiegen wird jedoch, daß Millionen Deutsche offiziell als arm eingestuft werden (2006: 10,6 Millionen). Das Horrorkürzel »Hartz IV« taucht nicht einmal auf.

Man erfährt nichts davon, daß in vielen deutschen Orten heutzutage Neonazis Jagd auf Ausländer machen. Zur Darstellung der deutschen Realität würde auch gehören, daß seit 1990 in Deutschland etwa 100 Menschen durch Neonazis umgebracht wurden. Das Zuwanderungsgesetz wird zwar kurz erwähnt – nicht jedoch, daß Migranten in Lagern festgehalten und von den Behörden bei Nacht und Nebel und unter menschenunwürdigen Umständen abgeschoben werden. Weitere Punkte auf der Mängelliste: Verdummung der Bevölkerung durch Massenmedien, das Zusammenknüppeln von Demonstranten durch die Polizei, der völkerrechts- und grundgesetzwidrige Bundeswehreinsatz in Afghanistan, die Ausschnüffelung der Bevölkerung durch Polizei und Geheimdienste.

Realität ist immer komplex – besonders die deutsche. Diesem Anspruch wird die Broschüre nicht einmal im Ansatz gerecht, die Liste dessen, was verschwiegen, verdreht, beschönigt oder einfach erlogen wird, läßt sich fast endlos verlängern. Das Urteil über dieses Machwerk kann man in einem Wort zusammenfassen, höflicherweise auf Spanisch: »mierda«. Für so etwas geben sich hochbezahlte deutsche Professoren her – Kopflanger der Propaganda.



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