20.02.2008, 19:41:40 / Buchmesse Havanna 2008

Soldat im Kampf um Ideen

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»Ich strebe weder das Amt des Staatsratsvorsitzenden noch das Amt des Oberkommandierenden der Streitkräfte an.« Eine Botschaft des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz
* Die Tageszeitung Granma, Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 19. Februar 2008 auf Seite eins eine Erklärung Fidel Castros. Renate Fausten und Ekkehard Sieker (hintergrund.de) besorgten eine Übersetzung ins Deutsche.

Liebe Landsleute,

am letzten Freitag, den 15. Februar, habe ich versprochen, daß ich mich in meiner nächsten Reflektion mit einem Thema befassen werde, das für viele meiner Landsleute von Interesse ist. Auf diese Weise hat sie jetzt eher die Form einer Botschaft angenommen.

Der Augenblick ist gekommen, den Staatsrat, dessen Präsidenten, dessen Vizepräsidenten und den Sekretär zu nominieren und zu wählen.

Für viele Jahre habe ich die ehrenvolle Position des Präsidenten eingenommen. Am 15. Februar 1976 wurde die sozialistische Verfassung in einer freien, direkten und geheimen Abstimmung von mehr als 95 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung angenommen. Die erste Nationalversammlung wurde am 2. Dezember desselben Jahres eröffnet. Durch sie wurden der Staatsrat und die Präsidentschaft gewählt. Zuvor hatte ich für fast 18 Jahre das Amt des Premierministers innegehabt. Ich habe immer die notwendige Berechtigung besessen, die Arbeit an der Revolution mit Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung voranzubringen.

Viele Menschen im Ausland haben gedacht, daß angesichts meines kritischen Gesundheitszustandes meine am 31.Juli 2006 vorgenommene vorläufige Niederlegung des Amtes des Staatsratspräsidenten endgültig sei; es ist das Amt, das ich dem ersten Vizepräsidenten Raúl Castro Ruz übergeben habe. Aber Raúl, der wegen seiner eigenen persönlichen Verdienste auch Verteidigungsminister ist, sowie die anderen Genossen aus der Partei- und Staatsführung waren nicht gewillt, mich – trotz meines instabilen Gesundheitszustandes – als jemanden zu betrachten, der aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist.

Das war für mich eine unbequeme Situation angesichts eines Gegners, der bisher alles Mögliche unternommen hat, um mich loszuwerden, und so willigte ich nur zögernd ein.

Später, während der Zeit meines notwendig gewordenen Rückzugs, konnte ich meine vollständige Verstandeskraft zurückerlangen, und ich war wieder in der Lage, vieles zu lesen und über vieles nachzudenken. Ich verfügte auch wieder über ausreichende physische Kräfte, um viele Stunden lang zu schreiben, eine Tätigkeit, die ich mir mit den entsprechenden Rehabilitations- und Genesungsmaßnahmen teilte. Der grundlegende gesunde Menschenverstand hat mir gezeigt, daß eine solche Tätigkeit wieder innerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Auf der anderen Seite gab ich bezüglich meines Gesundheitszustandes außergewöhnlich sorgfältig darauf acht, anwachsende Erwartungen zu vermeiden, da ich der Ansicht war, daß ein ungünstiges Ende mitten in der Schlacht zu traumatisierenden Nachrichten für unser Volk führen würde. Deshalb ist es meine erste Pflicht gewesen, unser Volk nach so vielen Jahren des Kampfes auf beiden Ebenen – der politischen und der psychologischen – auf meine Abwesenheit vorzubereiten. Deshalb habe ich auch wiederholt betont, daß meine Genesung »nicht ohne Risiken verlief«.

Mein Wunsch ist es immer gewesen, meinen Pflichten bis zu meinem letzten Atemzug nachzukommen. Das ist alles, was ich Euch anbieten kann.

Euch – meinen hochverehrten Landsleuten –, die Ihr mir jüngst die Ehre erwiesen und mich als Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt habt, in der viele äußerst wichtige Beschlüsse über das Schicksal unserer Revolution getroffen werden müssen, Euch möchte ich sagen, daß ich weder das Amt des Staatsratsvorsitzenden noch das Amt des Oberkommandierenden der Streitkräfte anstrebe noch annehmen werde – ich wiederhole: ich strebe diese Ämter nicht mehr an und werde sie auch nicht mehr übernehmen.

In kurzen Briefen, gerichtet an Randy Alonso, den Leiter der Sendung »Mesa Redonda« des Nationalen Fernsehprogramms – Briefen, die auf meine Bitte hin veröffentlicht wurden –, habe ich bereits Grundbestandteile der heute von mir verfaßten Mitteilung angeführt, selbst wenn Empfänger dieser Briefe meine Absicht nicht erkannten. Ich habe dabei Randy vertraut, den ich seit der Zeit, als er Student der Journalistik war, sehr gut kenne. In jener Zeit traf ich in einem beinahe wöchentlichen Rhythmus mit wichtigen Vertretern der Universitätsstudenten aus den Provinzen in der Bibliothek des großen Gebäudes in Kohly zusammen, dem Ort, an dem sie lebten. Heute ist das ganze Land eine riesige Universität.

Es folgt nun ein ausgewählter Abschnitt aus dem Brief, den ich am 17. Dezember 2007 an Randy geschickt habe.

»Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß die Antworten der kubanischen Gesellschaft auf die aktuellen Probleme, vor denen die kubanische Gesellschaft steht, eine größere Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten erfordern, als es Züge beim Schachspiel gibt; handelt es sich doch um eine Gesellschaft, deren Mitglieder im Durchschnitt eine fast zwölfjährige Schulbildung besitzen, einer Gesellschaft mit fast einer Million Menschen, die über einen Universitätsabschluß verfügen, und der realen Möglichkeit der Bildung für alle ihre Bürgerinnen und Bürger – ohne jegliche Diskriminierung. Wir dürfen nicht ein einziges Detail übersehen; auch wird der Weg nicht einfach sein, wenn in einer revolutionären Gesellschaft die Intelligenz des Menschen über seine Instinkte die Oberhand gewinnen soll.«

»Es ist nicht meine grundlegende Pflicht, an meinen Ämtern festzuhalten und noch weniger jüngeren Menschen im Wege zu stehen, sondern meine Erfahrungen und meine Ideen beizusteuern, deren bescheidener Wert einer außergewöhnlichen Ära entstammt, in der ich das Privileg hatte zu leben.«

»Wie Niemeyer* glaube ich daran, daß man bis zum Ende konsequent sein muß.«

Ein Zitat aus dem Brief vom 8. Ja­nuar 2008: »... Ich bin ein entschiedener Befürworter der ›einheitlichen Stimmabgabe‹ (ein Prinzip, das nicht erkannte Verdienste schützt). Diese Form des Wählens hat es uns erlaubt, der Tendenz zu widerstehen, Dinge zu kopieren, die aus den Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers stammen; dazu gehört etwa, das Porträt eines einzigen Kandidaten zu zeigen, der so einsam und gleichzeitig so solidarisch mit Kuba ist. Ich habe großen Respekt vor jenem ersten Versuch, den Sozialismus aufzubauen, dem wir es zu verdanken haben, daß wir in der Lage gewesen sind, den von uns eingeschlagenen Weg weiterzugehen.«

Und ich habe in jenem Brief auch noch einmal betont: »Ich bin mir bewußt darüber, daß der ganze Ruhm dieser Welt in ein Maiskorn paßt.«

Ich würde also Verrat an meinem eigenen Gewissen begehen, wenn ich eine Verantwortung übernehmen würde, die Mobilität und völlige Hingabe verlangt, ich aber physisch nicht in der Lage bin, diese zu bieten. Das sage ich ohne Dramatik.

Glücklicherweise kann unser revolutionärer Prozeß noch auf Kader der alten Garde zurückgreifen und auf andere, die während der frühen Etappe der Revolution noch sehr jung waren. Einige von ihnen waren enorm jung, fast noch Kinder, als sie sich dem Kampf in den Bergen anschlossen; und später trugen sie dann mit ihrem Heldenmut und ihren internationalistischen Einsätzen zum Ruhm des Landes bei. Sie besitzen die Autorität und die Erfahrung, um die Ablösung zu gewährleisten. Es gibt auch noch eine Übergangsgeneration, die zusammen mit uns gemeinsam die Grundlagen der komplexen und nahezu unerreichbaren Kunst gelernt hat, eine Revolution zu organisieren und zu leiten.

Der Weg wird immer schwierig sein und intelligente Anstrengungen aller erfordern. Ich mißtraue den scheinbar leichten Pfaden der weltanschaulichen Apologetik oder der weltanschaulichen Selbstgeißelung als deren Gegensatz. Man muß immer auf die schlimmste aller Varianten vorbereitet sein. Ebenso besonnen mit Erfolg umzugehen, wie standhaft bei Widrigkeiten zu sein, das ist ein Prinzip, was nie vergessen werden darf. Der Gegner, den es zu bezwingen gilt, ist äußerst stark, aber wir haben ihn ein halbes Jahrhundert lang in die Schranken verwiesen.

Ich verabschiede mich also nicht von Euch. Mein einziger Wunsch ist es, ein Soldat im Kampf um Ideen zu sein. Ich werde weiterhin unter dem Titel »Reflektionen des Genossen Fidel« schreiben. Das wird lediglich eine weitere Waffe in unserem Arsenal sein, auf die man zurückgreifen kann. Vielleicht erhört man meine Stimme. Ich werde umsichtig sein.

Danke


Fidel Castro Ruz
am 18. Februar 2008, um 17.30 Uhr


* Oscar Niemeyer, brasilianischer Architekt , geboren 1907 in Rio de Janeiro


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