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Aus: Ausgabe vom 17.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Stand der Dinge

Die Straße von Malakka

Geraune
Von Stefan Heidenreich
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Auch außerhalb der Hauptgeschäftszeiten: Ein Viertel des weltweiten Seeverkehrs läuft durch die Straße von Malakka

Die alte Welt des freien Waren- und Kapitalverkehrs wird Schritt für Schritt abgerissen. Ausgerechnet der mit der Globalisierung groß und reich gewordene Westen beteiligt sich daran mit aller Energie, als sei der Welthandel, jahrhundertelang als Quelle von Wohlstand und Fortschritt vergöttert, plötzlich des Teufels.

Dabei schaden Blockaden und Sanktionen nicht nur dem eigenen Wohlstand. Mächtig erscheinen sie, solange man nur mit ihnen droht. Einmal in Kraft gesetzt, entfalten sie eine schleichende selbstzerstörerische Wirkung, insbesondere wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Anstatt den Gegner zum Einlenken zu bringen, werden sie umgangen. Neue Wege werden gesucht, die Wege festigen sich zu Straßen, bilden neue Infrastrukturen und neue Institutionen. So entsteht eine Welt doppelter Regelwerke, schließlich auch doppelter Wahrheiten.

Anhand der Finanzsanktionen lassen sich diese Zusammenhänge sehr gut aufzeigen. Statt den Rubel zu »rubble« (also zu Schutt) zu machen, haben sie den Anlass zur Einrichtung alternativer Zahlungssysteme gegeben. Oder nehmen wir die Sanktionen gegen die Schiffahrt. Letztlich haben sie unter Umgehung westlicher Versicherungen eine sogenannte Schattenflotte hervorgebracht. Oder die EU-Sanktionen gegen russisches Gas und Öl. Statt Russland zu ruinieren, haben sie die heimischen Energiepreise in die Höhe getrieben, den Bau neuer Pipelines nach China vorangebracht und Indien als Raffineriestandort großgemacht. Den aus russischem Öl gewonnenen Diesel importieren dann wieder die Europäer.

Nach den Sanktionen stellen die Blockaden die nächste Eskalation dar. Auch sie wirken oft nicht wie gedacht. Die Blockade der Straße von Hormus lässt sich als Summe all der vorherigen Sanktionen beschreiben. Sie gilt der Energieversorgung, betrifft Schiffe einzelner Länder und nicht zuletzt den Petrodollar und damit den Kern US-amerikanischer Welthandelsmacht. Mag die Trumpsche Doppelblockade noch so unsinnig wirken, eine solche Reaktion war zu erwarten. Niemals darf ein Dollar-König dabei zusehen, wie ein abtrünniges Gebiet eine Zollstation an der weltwichtigsten Energiebelieferungswasserstraße aufstellt, um dort Gebühren in Yuan oder Bitcoin einzutreiben.

Die Blockade der Blockade sorgt noch für etwas anderes. Sie verlegt den Konflikt aufs Meer. Die weitaus meisten Güter werden auf See transportiert, auch wenn China seit mehr als zehn Jahren sehr vorausschauend ein milliardenschweres Projekt namens »Belt and Road Initiative« (Neue Seidenstraße) vorantreibt, ein Netzwerk von Transportwegen quer durch Eurasien. Dass die Konflikte in der Ukraine und im Iran ausgerechnet wichtige Zwischenstationen dieser Transportwege abschneiden, dürfte kein Zufall sein.

Geographisch gesehen ist der Konflikt damit im Indischen Ozean angekommen. An dessen anderem Ende wartet die Mutter aller Blockaden. Am Dienstag morgen erwähnte der ehemalige deutsche Diplomat Christoph Heusgen, bis 2025 Chef des Militärfaschings in München, seitdem in der »Strategieberatung« für die Firma FGS Global tätig, in einem Interview im Deutschlandfunk ganz beiläufig, dass man in Singapur schon wegen der Straße von Malakka nervös werde. Unter Geographienerds hat die Straße von Malakka einen fast mythischen Klang. Ein Viertel des weltweiten Seeverkehrs läuft durch diese Meerenge zwischen Malaysia, Singapur und Indonesien.

Vor der Ankunft der Europäer trafen sich hier Araber, Inder und Chinesen, um Handel zu treiben. 1511 wurde die Stadt Malakka von den Portugiesen besetzt. 1641 wurden die von den Niederländern vertrieben. Im Jahr 1818 fiel die Stadt an die Briten, die das am Ende der Straße gelegene Singapur zu ihrem Hauptstützpunkt ausbauten.

Am Dienstag kam die Nachricht, dass das Abkommen über militärische Zusammenarbeit (MDCP) zwischen den USA und Indonesien ausgeweitet wurde. Zwei Tage später war der Präsident des Landes, Prabowo Subianto, in Moskau auf Stippvisite. Die Positionen rund um den Indischen Ozean sind bezogen. Die Chinesen sitzen in Myanmar. Die Russen haben sich jüngst auf Madagaskar blicken lassen.

Wenn erst die Wegelagerer und Piraten von Hormus nach Malakka beordert werden, beginnt der letzte Akt des Vorspiels zum Dritten Weltkrieg.

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