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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Türkei

Einmannarmee

Zum Tod von Yalçın Küçük
Von Nick Brauns
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Yalçın Küçük bei seiner Haftentlassung aus dem Silivri-Gefängnis (Istanbul, 10.3.2014)

Seine Markenzeichen waren ein roter Schal und die Pelzmütze der Kemalisten aus dem nationalen Befreiungskrieg Anfang der 1920er Jahre. Er legte sie selbst bei seinen Fernsehauftritten nicht ab. Yalçın Küçük begeisterte Generationen von Studenten in der Türkei für den Sozialismus. Dabei wandelte sich der Theoretiker eines legalen Sozialismus zunehmend zum Vordenker einer primär antiimperialistisch und republikanisch orientierten »nationalen Linken«.

Der 1938 in İskenderun geborene Küçük war während seines Studiums der Politikwissenschaften in Ankara in der Studentenbewegung aktiv, die dem Putsch reformorientierter Offiziere 1960 voranging. Anschließend arbeitete er für die staatliche Planungsbehörde und als Dozent an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara, bis er nach dem Militärputsch von 1980 seine Dozentenstelle verlor. Küçük arbeitete unter anderem zum Sozialismus in der UdSSR.

1993 traf sich Küçük in der libanesischen Bekaa-Ebene mit dem Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan. Kurdische Nationalisten beschuldigten Küçük, seinen »Bruder Apo« damals von der Forderung nach einem unabhängigen Kurdistan weg zu einer Linie der Integration der Kurden in die Türkische Republik bekehrt zu haben. Der Staat jedenfalls dankte es Küçük nicht, sondern inhaftierte ihn nach seiner Rückkehr aus dem Exil Ende der 1990er Jahre wegen »separatistischer Propaganda« für zwei Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Küçük bereits zum Linksnationalisten gewandelt, der seinen Standpunkt angesichts der Zerstörung der säkularen Republik durch den politischen Islam im Inneren und die Einflussnahme der NATO von außen mit dem Satz umriss: »Der Kemalismus wird uns nicht voranbringen, wir werden nicht hinter den Kemalismus zurückfallen.«

In den 2000er Jahren verrannte sich Küçük in Forschungen zum »Kryptojudentum« in Nachfolge des im 17. Jahrhundert unter Zwang zum Islam konvertierten Predigers Schabbtai Zvi – die türkische Variante der antisemitischen Legende einer »jüdischen Weltverschwörung«. Es waren nicht »hebräische« Verschwörer, sondern die im Staat einflussreiche islamische Gülen-Sekte, die ihn 2011 unter dem falschen Vorwurf der Mitgliedschaft in einem Putschistennetzwerk für fünf Jahre inhaftierte. Ungebrochen trat Küçük nach seiner Haftentlassung vor die Presse: »Es lebe die Arbeiterrepublik. Es lebe die Republik der Aufgeklärten. Nieder mit den Feinden der Republik.« Am Montag ist Küçük, der von seinen Schülern gerne als »revolutionäre Einmannarmee« bezeichnet wurde, im Alter von 87 Jahren verstorben.

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