Weimer mit Eintrittskarte
Von Leon Wystrychowski
Im Vorfeld der Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald am 12. April dauern die politischen Auseinandersetzungen an. Die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis und die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora kritisierten am Montag in einer öffentlichen Erklärung (siehe jW vom 24.3.) den für den Gedenktag geplanten Auftritt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer.
In dem Schreiben, das sich direkt an Weimer richtet und seinen Verzicht auf die Teilnahme fordert, erklären Katinka Poensgen und Horst Gobrecht, Vorsitzende der einst von ehemaligen politischen Häftlingen gegründeten Organisationen, sie hätten »mit Irritation« von der geplanten Ansprache erfahren. Man habe Weimer und seine »inhaltlichen Positionen in den vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen«, als ob er sich »mit dem Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt« hätte.
Unter anderem wird auf den jüngsten Skandal um die Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises verwiesen: Weimer hatte drei Buchhandlungen nach einer Überprüfung durch den Inlandsgeheimdienst von der Preisvergabe ausgeschlossen. Die Autoren des offenen Briefes kommentierten hierzu: »Wir sind überzeugt davon, unsere Angehörigen hätten auch zum Kundenkreis der drei Buchläden gehören können. Bei Verhaftungen durch die Gestapo wurde bei ihnen nachweislich linke Literatur beschlagnahmt.«
Ebenfalls angeführt wird ein von Weimer bemühtes Zitat von Heinrich Heine. Der in eine deutsch-jüdische Familie hineingeborene progressive Dichter war 1825 zum Christentum übergetreten, um judenfeindlicher Diskriminierung zu entgehen. Den Taufschein bezeichnete er damals als das »Entréebillet« (Eintrittskarte) »zur europäischen Kultur«. Weimer hatte diesen kritischen Ausspruch völlig unironisch in seinem 2018 erschienenen Buch »Das konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit« verwendet und soll ihn seither wiederholt haben. Das bedeute »für viele der ehemaligen Häftlinge des Lagers Buchenwald – und auch uns als Nachkommen und politische Nachfolger von Überlebenden, dass wir aus Ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören«, heißt es in dem Brief von Poensgen und Gobrecht.
Weimers »Manifest« ist voller Aussagen, die tief blicken lassen. So bedauert er den »erdrutschartige(n) Machtverlust« Europas infolge der Dekolonisation und behauptet, die europäische Unterwerfung der Welt sei eine »zivilisatorische Leistung« gewesen. »Damit verkörpert Weimer genau die deutsch-imperialistische Ideologie, die vermeintlich aus der Geschichte gelernt hat, in Wahrheit aber die eigenen Verbrechen – Rassismus inklusive Antisemitismus und Kolonialismus – relativiert«, kommentiert Anna M. von der Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« (KiB). Der Verein Jüdische Stimme, der ebenfalls Teil von KiB ist, erklärte in einer Stellungnahme, die Einladung Weimers stelle »die deutsche Erinnerungspolitik bloß«, die lediglich »ein nationales Projekt zur Machterhaltung« sei.
Weimer ließ indes verlautbaren, er halte an seinem Auftritt fest. Der israelische Botschafter Ron Prosor, der im vergangenen Jahr die Ausladung des Genozidforschers Omer Bartov vom Buchenwald-Gedenken erzwungen hatte, zeigte sich empört über »einzelne Stimmen«, die Weimer ausschießen wollten. Er gehöre zu den »klarsten Stimmen im Kampf gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschland.« Während zunächst vielfach von einer »Selbsteinladung« Weimers die Rede war, scheint er nach jW-Informationen offiziell eingeladen worden zu sein. Die Gedenkstätte reagierte zwar nicht auf eine entsprechende Anfrage, doch begrüßte deren Leiter, Jens-Christian Wagner, Weimers Festhalten an seinem Auftritt öffentlich als »sehr wichtiges Zeichen der Unterstützung unserer Arbeit«. Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, begrüßte, »dass Staatsminister Weimer am 12. April in Buchenwald sprechen wird«.
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gesorgt, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland ab 5. Januar 1938 per »Gesetz zur Änderung von Familiennamen und Vornamen« das Kainsmal Sahra bzw. Israel verpaßt worden war. Dieser Rassist und Schreibtischmörder leitete von 1953 bis 1963 das Bundeskanzleramt, war somit die sprichwörtlich rechte Hand von Kanzler Adenauer. Alfred Grosser, französischer Politologe deutscher Herkunft, nahm dazu in seinem 1960 erschienenen Buch »Die Bonner Demokratie« ausführlich Stellung. Die gesetzlich verordnete Rückkehr tausender Nazis in führende Stellungen aller Bereiche war schreckliche Tatsache. Vor diesem historischen Hintergrund der Staatsgeschichte der Bundesrepublik und durch die eigene Leidensgeschichte in der Nazidiktatur waren alle Buchenwaldhäftlinge nach ihrer Befreiung im Frühling 1945 moralisch stets berechtigt, Mahnung und Kritik auszusprechen. Und wenn heute die Nachfahren politischer Buchenwaldhäftlinge in den Lagergemeinschaften bzw. Lagerarbeitsgemeinschaften Buchenwald-Dora irritierende Äußerungen oder Handlungen des Regierungsbeauftragten für Kultur und Medien in einer öffentlichen Erklärung benennen und beklagen, sollte dieser innere Einkehr halten und deren Wunsch respektieren. Die Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestages der Selbstbefreiung und Befreiung des KZ Buchenwald auf dessen berüchtigtem Appellplatz soll erstrangig an das Leid der Häftlinge und die 56.000 Ermordeten sowie an die politischen Ursachen, die diese faschistische Barbarei ermöglichten, erinnern. Darin sehe ich die wichtigste Aufgabe des Leiters der Gedenkstätte in diesen Tagen bei der Vorbereitung der würdigen Ausgestaltung der Gedenkfeier.