Die Kinogeher
Von Wolfgang Nierlin
Im Paris des Jahres 1959 ist der junge Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) der einzige in seiner cinephilen Clique, der noch keinen Langfilm gedreht hat. Seine Freunde François Truffaut (Adrien Rouyard) und Claude Chabrol (Antoine Besson) sind da dank finanzieller Unterstützung durch Ehefrauen und Familie schon weiter. Zusammen mit ihnen sowie Suzanne Schiffman (Jodie Ruth-Forest), die zur legendären Produktionsassistentin der Neuen Welle werden sollte, langweilt er sich im Kino bei öder französischer Filmware. Sein lakonisches Urteil: »Jede Kultur ist sterblich.« Als leidenschaftlicher und scharfzüngiger Kritiker für die Cahiers du Cinéma wiederum feiert er seine Vorbilder – neben André Bazins Trinität Welles-Rossellini-Renoir das Trio Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Howard Hawks, für sein späteres Regiedebüt Otto Preminger und Budd Boetticher – und antizipiert zugleich das Filmemachen mit anderen Mitteln. In dem Film gibt ein von Laurent Mothe gespielter Rossellini ihm vorher noch ein paar väterliche Ratschläge. Doch spätestens als sein Freund Truffaut mit seinem Debüt »Sie küssten und sie schlugen ihn« 1959 bei den Filmfestspielen in Cannes den Regiepreis gewinnt (im Vorjahr hatte man ihm als Kritiker noch den Festivalzutritt verweigert), will auch Godard die Seite wechseln. »Einen Film zu drehen ist die beste Filmkritik«, sagt er zum Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst), den alle »Beau-Beau« nennen. Godard möchte ihn für seinen Erstling gewinnen. Der Film soll nach einem Treatment entstehen, das Truffaut auf der Grundlage einer Zeitungsmeldung verfasst hat. Im Mittelpunkt steht ein kleinkrimineller Polizistenmörder, der sich in eine junge Amerikanerin verliebt.
Richard Linklater erzählt in seinem Film »Nouvelle Vague« zunächst die Vorgeschichte dieses von Produktionsschwierigkeiten geplagten Projekts, das schließlich zu Godards Langfilmdebüt »Außer Atem« (1960) und damit zu einer Zäsur in der Filmgeschichte führte. Mit der Anmutung seines französischen Vorbilds porträtiert Linklater jene legendäre Generation junger, mutiger Filmemacher (Bazin taufte sie die »jeunes Turcs«), die mit kreativem Eigensinn und innovativen Ideen das moderne Kino verändert und geprägt haben. Sein ebenso kurzweiliger wie geistreicher Schwarzweißfilm, angereichert mit vielen Zitaten und Anekdoten, die mittlerweile so sprichwörtlich wie legendär geworden sind, ist aber nicht nur ein Film übers Filmemachen: Er zeichnet zugleich ein liebevolles Porträt Godards, der mit Humor, Ironie und unkonventionellen Ansichten das Kino revolutioniert, ja gewissermaßen neu erfunden hat. »Wenn Sie Nouvelle Vague wollen, bekommen Sie eine Flutwelle«, sagt der junge Wilde noch zu »Beau-Beau«, bevor die auf 20 Drehtage festgesetzte Produktion endlich beginnt.
Dass Godard in seiner Suche nach dem Echten und Unmittelbaren vor allem das Leben mit filmischen Mitteln fortsetzen möchte und dabei möglichst unvorbereitet, improvisationsfreudig und spontan arbeitet, auch wenn das gegen übliche Produktionsabläufe und filmische Regeln verstößt, kann seinem Produzenten nicht gefallen und führt zu Konflikten. Doch auch seine amerikanische Schauspielerin Jean Seberg (Zoey Deutch), vom strengen Regisseur Otto Preminger anderes gewohnt, hegt Skepsis und Zweifel – bis sie mit dem unbekümmerten Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin), dem krisenerfahrenen Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penschinat) und dem unerschrockenen Assistenten Pierre Rissient (Benjamin Cléry) eine eingeschworene Bande bildet. Godard, für den das Kino der »Ausdruck schöner Gefühle« ist, möchte, wie er einmal sagt, Filme »schöner einfach« machen. Linklater folgt diesem Credo in seiner filmischen Liebeserklärung an die Nouvelle Vague, indem er mit der Differenz zwischen historischem Wissen und Nachstellung spielt, und dabei kongenial sowohl die Atmosphäre der damaligen Epoche zum Leben erweckt als auch die verändernde Kraft künstlerischer Freiheit feiert.
»Nouvelle Vague«, Regie: Richard Linklater, USA/Frankreich 2025, 106 Min., Kinostart: heute
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