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Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 1 / Titel
Iran-Krieg

Luftkrieg brutal

US-israelische Angriffe auf iranische Öllager und eine Entsalzungsanlage. Iran attackiert weiter die Golfstaaten, Israel libanesische Städte
Von Lars Lange
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Brennendes Öllager südlich von Teheran nach einem israelischen Luftangriff

Die USA und Israel setzen ihre Angriffe auf den Iran fort. Laut der iranischen Nachrichtenagentur IRNA wurde dabei auch ein Öllager im Süden von Teheran getroffen. Zuvor hatte Donald Trump eine Ausweitung der Angriffe angekündigt. Ein Abkommen mit Teheran zur Beendigung des Konflikts hatte der US-Präsident am Sonnabend ausgeschlossen. Statt dessen forderte er eine »bedingungslose Kapitulation«, wie er auf seiner Plattform »Truth Social« schrieb, und erneuerte zudem seinen Anspruch, bei der Auswahl der künftigen Staatsführung in Iran mitzubestimmen.

Das Tempo der Angriffe der US-israelischen Koalition lässt dabei deutlich nach. Das ­kombinierte tägliche Angriffsvolumen ­gegenüber den Anfangstagen ist um 55 bis 65 Prozent zurückgegangen. Laut US-Angaben wurden in den ersten 48 Stunden 1.250 Ziele getroffen, in den ersten 72 Stunden 1.700. Danach brach die Schlagzahl ein: Die USA kommen bis Tag acht auf insgesamt rund 3.000 getroffene Ziele. Als Ursachen dafür gelten ­Munitionsengpässe, ­Wartungsbedarf, Zerstörungen an US-Basen und eine iranische Luftabwehr, die trotz heftiger Angriffe weiter operiert. Iran schoss zuletzt eine Reihe hochwertiger Aufklärungsdrohnen ab.

Sinkt die Zahl der Angriffe, wird die Kriegführung brutaler: Die Energie- und Trinkwasserversorgung rückt immer stärker ins Zentrum der Kämpfe. Nach iranischen Angaben traf ein US-Angriff eine Entsalzungsanlage auf Qeschm Island. Außenminister Araghtschi sagte: »Die USA haben diesen Präzedenzfall geschaffen, nicht Iran.« Kurz darauf bestätigte Bahrains Innenministerium den ersten iranischen Drohnenangriff auf eine Entsalzungsanlage eines Golfstaates. Israel wiederum traf vier Treibstofflager in Teheran, wobei ausgelaufener Kraftstoff in die Kanalisation gelangte und Straßen in Brand setzte. Experten warnen vor jahrzehntelangen Umweltschäden durch Schwermetalle und Feinstaub. Dabei gilt: Irans Streitkräfte operieren zur Zeit ausschließlich mit Raketen und Drohnen, die getroffene Ölinfrastruktur schränkt sie erst einmal nicht ein.

Irans Präsident Massud Peseschkian überraschte am Sonnabend mit einer Entschuldigung an die Nachbarstaaten für iranische Angriffe auf deren Territorium. Der interimistische Führungsrat habe beschlossen, Nachbarstaaten nicht länger anzugreifen, solange Angriffe auf Iran nicht von dort ausgingen. Stunden später ruderte Peseschkian zurück: In einer weiteren Erklärung ließ er die Entschuldigung weg. Parlamentsmitglied Hamid Rasai hatte die Aussagen des Präsidenten als »unprofessionell, schwach und inakzeptabel« attackiert.

Die Golfstaaten haben die Zusammenarbeit mit den Aggressoren nicht eingestellt, Iran greift sie weiter an. Das Ziel dabei scheint zu sein, die US-Präsenz in der unmittelbaren Nachbarschaft des Iran zu beenden. Inzwischen gerät auch der nördliche Nachbar Aserbaidschan in den Blick: Das iranische Militär forderte Baku auf, israelische Kräfte aus dem Land abzuziehen, um die Sicherheit der Region zu gewährleisten. Israel gilt als enger Verbündeter Bakus und langjähriger Waffenlieferant – und scheint in Aserbaidschan eine geheime Luftwaffenbasis zu betreiben.

Israel griff erneut Beirut und den Südlibanon an – annähernd 400 Menschen sind dort seit Kriegsbeginn getötet worden. Die Hisbollah hatte sich auf seiten des Iran in den Konflikt eingeschaltet und beschießt Israel seit der Ermordung Khameneis mit Raketen. Israel reagierte mit Hunderten von Luftangriffen auf libanesische Städte. Rund 100.000 mobilisierte israelische Soldaten an der Nordfront könnten auf Vorbereitungen für eine Bodenoperation hindeuten – möglicherweise bis tief ins libanesische Territorium.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Andreas E. aus Schönefeld (9. März 2026 um 16:55 Uhr)
    Trump sagte letztens, er wolle den Iran in die Hölle bomben, ein früherer Präsident der USA wollte auch ein Land in die Steinzeit zurück Vietnam … Nun geht dem militärisch-industriellen Komplex in den USA wohl ein Stück weit die Puste aus. Munitionsmangel, keine Raketen mehr, vielleicht fehlen Rohstoffe, die man ja aus aller Herren Länder beziehen muss. Da wurde sich offensichtlich im Weißen Haus ordentlich verkalkuliert. Man glaubte wohl seinen eigenen Lügen über die Instabilität des Iran. Und der Iran greift die Länder an, die den USA eine Aufmarschbasis bieten. Hier gilt nur noch Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und die Umwelt wird umfassend zerstört – die Lebensgrundlage von Millionen Menschen in der Golfregion, im Nahen Osten generell – und das auf lange Zeit. Weil man als Weltgendarm nicht mehr vorwärtskommt, holt man sich jetzt die an seine Seite, die bis vor wenigen Wochen noch als Terroristen galten – die Kurden. Wie in den 1980er Jahren in Afghanistan die Mudshaheddin und Taliban sollen nun eigentliche Brüder gegeneinander kämpfen. Doch auch diese Kämpfer werden sicherlich irgendwann müde, sich von den USA missbrauchen zu lassen. Und dann? Ein Ergebnis dieser »Teile und Herrsche«-Politik war der 11.09.2001. Aber das spielt bei diesem 79-jährigen Wahnsinnigen in Washington alles keine Rolle. Die Werteeuropäer werfen sich vor ihm trotzdem in den Staub, huldigen ihn wie Merz letzte Woche. Das Ganze hat vielleicht nur einen Vorteil – solange die USA im Nahen Osten nicht vorwärts kommen und mit ihrem Regimechange beschäftigt sind, ist vielleicht Kuba noch etwas sicherer …

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