Die härteren Filme
Von Von Max Grigutsch
Auf ihre »starken, weiblichen Figuren« angesprochen, dürfte die Regisseurin Kira Muratowa mit Irritation reagiert haben. Daran erinnert sich jedenfalls die Filmemacherin Isa Willinger. »Ich habe keine weiblichen Figuren, ich habe einfach Figuren«, habe Muratowa ihr gesagt. Etwas den Frauen charakteristisch Anheimfallendes sei ihr aber aufgefallen, wenn diese hinter der Kamera stehen; nämlich, dass »Frauen in Wahrheit die härteren Filme machen«.
Dieser Satz ist Willinger im Kopf geblieben und wurde zum Anlass für ihren Dokumentarfilm »No Mercy« – ein »filmischer Befreiungsschlag«, heißt es in der Beschreibung. Der Film handelt von Muratowa, der »großen Meisterin« (Tilda Swinton), die 1934 in der Sowjetunion geboren und 2018 in der Ukraine gestorben ist, die allerdings im Februar 2000 im Gespräch mit junge Welt sagte, sie sei »keine Ukrainerin«, sondern »ukrainische Staatsbürgerin und ein getriebenes Wesen: geboren in Rumänien, studiert in Russland, seit 1961 sesshaft in Odessa«. Außerdem, dass sie durch die Perestroika nichts verloren habe außer »Almosen«, die man ihr für die Filme gab. Im Gegenzug habe sie die Freiheit erlangt, »zu sagen und zu tun«, was sie will, »ohne Prügel einzufangen«, das aber doch auf Kosten einer »neuen, kapitalistischen Abhängigkeit vom Geld«. 1990 wurde sie für ihren Film »Das asthenische Syndrom« bei der Berlinale mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet.
In Willingers »No Mercy« geht es nun nicht um Muratowa im biographischen Sinne, sondern um einen ihrer Gedanken. Genauer: Stimmt es, dass Produktionen von Regisseurinnen von einer besonderen Härte geprägt sind?
Dem Gegenstand widmet sich Willinger in Auseinandersetzung mit bedeutenden weiblichen und nichtbinären Filmschaffenden, die Muratowas Idee großteils zustimmen. Gezeigt werden Szenen aus der Kategorie »Die Frauen schlagen zurück«, wie es später benannt wird. Szenen aus Virginie Despentes’ »Baise-moi« zeigen zwei Frauen, die Männer kurzerhand umbringen, wenn die ihnen krummkommen, und nicht solche, die Angst haben oder um Vergebung bitten – ein »echter Kräfteausgleich«, meint Despentes. Vorgeführt werden auch Szenen aus Apolline Traorés Film »Sira« und damit Aufnahmen einer Protagonistin, die ein Kind auf dem Rücken und eine AK-47 im Arm trägt – »das Leben auf dem Rücken und den Tod vor den Augen«, sagt Traoré. Oder man sieht Mouly Suryas Film »Marlina – die Mörderin in vier Akten«, in dem eine Frau einen abgeschnittenen Männerkopf seelenruhig in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Polizei transportiert.
Aber nicht alle Regisseurinnen wollen Gewalt derart im Vordergrund wissen. So verzichtet etwa Marzieh Meshkini (»Der Tag, an dem ich zur Frau wurde«) bewusst auf die Darstellung roher Gewalt. Diese findet außer Bildes statt. Das soll eine Gewöhnung an sie verhindern. »Die Gewalt schafft mehr Gewalttätigkeit«, begründet Meshkini. Vielleicht meinte Muratowa mit Härte nicht unbedingt die Darstellung von Krieg und Gewalt?
So entwickeln sich die Frage und auch die Antwort weiter, und zwar – das darf positiv erfreuen – in Richtung eines Fazits. »Die Position von Frauen im Kino war traditionell immer, auf irgendeine Weise Sexobjekt zu sein. Wenn Frauen das ablehnen, wird ein Film automatisch als ›hart‹ empfunden«, folgert Nina Menkes (»Magdalena Viraga«, »Brainwashed – Sexismus im Kino«). Jeder Film mit »einem knallharten Mädchen« gelte automatisch als »feministisch«, fügt Ana Lily Amirpour (»A Girl Walks Home Alone at Night«, »Mona Lisa and the Blood Moon«) nicht ohne sichtliche Abneigung gegenüber dieser Position hinzu. »Es gibt ihn, den schonungslosen Blick, wenn Frauen aus ihrem Leben erzählen«, konkludiert Willinger selbst. Aber »Härte kann auch Ehrlichkeit meinen«.
Frauen als Subjekte, zurückschlagende Frauen auf Kinoleinwänden, »diese Bilder sind schon lange da«, sagt Williger. Das Versprechen, ein »filmischer Befreiungsschlag« zu sein, dürfte aber allein daran scheitern, dass das entsprechende Subjekt in der Realität fehlt. Anders der Anspruch, eine unbequeme Bestandsaufnahme zu liefern, was dem Dokumentarfilm gelingt. So ist »No Mercy« ein Film über Frauen, vor allem aber über Frauen vor der Kamera und noch mehr über Frauen hinter der Kamera. Es ist ein Film über das Filmemachen, aus dem Genre »Künstler über ihre eigene Kunstform«, und ist somit besonders für Cineasten interessant. Aber nicht nur. Bemerkenswert ist: Holt man Frauen wegen was auch immer ins Interview, in diesem Fall zum Thema Film, können sie reihenweise von Horrorerfahrungen berichten, die Einfluss auf ihre Tätigkeit haben. Entsprechend beginne »Baise-moi« mit einer Vergewaltigung, die der ihren sehr ähnlich ist, sagt Virginie Despentes. Auch Catherine Breillat (»Romance XXX«, »Im letzten Sommer«) sieht ihren Widerstreit mit Männern geprägt durch eine versuchte Vergewaltigung in ihrer Jugend. Der Mann habe ihr gesagt: »Du bist gemacht wie eine Frau, du musst leiden wie eine Frau.« Sie konnte sich gegen ihn behaupten, und eine Maxime war entstanden: »Sie werden mich nicht bezwingen.«
»No Mercy«, Regie: Isa Willinger, BRD/Österreich 2025, 104 Min., bereits angelaufen
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