Wut und Frust im Werk
Von Stephan Krull
Der VW-Konzern hatte jüngst für 2025 einen deutlich höheren Netto-Cashflow gemeldet als erwartet: Rund sechs Milliarden Euro fließen im Konzernbereich Automobile zu – weit über den prognostizierten null Milliarden und über dem Vorjahreswert von fünf Milliarden. Parallel steigt der Umsatz auf 320 Milliarden Euro, die Gewinnrücklagen wachsen auf fast 160 Milliarden. Für das Geschäftsjahr wird ein Überschuss von etwa sieben Milliarden Euro ausgewiesen. Umgerechnet entspricht das einem rechnerischen Wert von rund 10.000 Euro pro Beschäftigten im weltweiten Konzern und verdeutlicht die außergewöhnlich starke finanzielle Lage des Unternehmens.
Das Management kündigte vor einem Jahr den »Abbau« von 30.000 Stellen und die Schließung von drei Werken an und beendete den »Zukunftstarifvertrag«, was zu Lohnkürzungen und längeren Arbeitszeiten führte. 2025 folgten weitere Einschnitte: Tausende Leiharbeiter wurden entlassen und 8.000 Stellen in der Stammbelegschaft gestrichen – trotz 80 Sonderschichten an Wochenenden. Parallel präsentiert der Konzern ein »Bonuswunder«: sechs Milliarden Euro zusätzlicher Cashflow durch verschobene Ausgaben, aufgelöste Rückstellungen und verkaufte Forderungen. Die Belastungen der Beschäftigten und diese buchhalterischen Kniffe erhöhen den Gewinn, von dem vor allem die Aktionäre profitieren; allein der Porsche-Piëch-Clan erhält fast eine Milliarde Euro.
Flavio Benites, Geschäftsführer von der Wolfsburger IG Metall, fordert Aufklärung über den überraschenden Milliardenzufluss, während der Betriebsrat deshalb eine Prämie verlangt. Obwohl im Tarifvertrag 2024 nur das frühere Weihnachtsgeld als Bonus gesichert und das Urlaubsgeld gestrichen wurde, hält Betriebsratschefin Cavallo angesichts der starken Ergebnisse eine Anerkennung für gerechtfertigt. Kurz vor der Betriebsratswahl blockierte das Management den Bonus jedoch per juristischem Trick – ein Bruch der Sozialpartnerschaft und eine Blamage für den Betriebsrat. Gleichzeitig zeigt der Niedergang des einstigen »Golfsburg« Wirkung: Die Immobilienpreise der Region fallen rapide.
Volkswagen hat wegen sinkender Nachfrage und der Umstellung auf E-Antriebe Kapazitäten und Ausbildungsplätze stark abgebaut; neue Stellen entstehen kaum, abgesehen von Bereichen der Rüstungsproduktion wie in Osnabrück. Zugleich wirkt es, als wolle das Management die IG Metall im traditionell stark organisierten Wolfsburger Betrieb schwächen – besonders vor der Betriebsratswahl. Ein Jahr nach den angekündigten Werksschließungen und Massenentlassungen, so die IG Metall, haben sich die Manager deutlich von einer kooperativen Konfliktlösung entfernt.
Angst vor Jobverlust, widersprüchliche Erwartungen und Unverständnis über den harten »Sparkurs« einerseits und den »unverhofften« Milliardenfund andererseits prägen die Stimmung in der Belegschaft: Frust und Wut nehmen zu. Gleichzeitig kursiert erneut das Ziel einer Kostensenkung um 20 Prozent. Betriebsratschefin Daniela Cavallo betont im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom Mittwoch, dass diese Effizienzprogramme aus Sicht von Arbeitnehmerseite und Vorstand gleichermaßen als notwendig gelten und es darüber keinen grundsätzlichen Dissens gebe.
Die Belegschaft fühlt sich getäuscht, was bereits in der Betriebsversammlung sichtbar wurde und nun die Betriebsratswahl überschattet. Erstmals treten zahlreiche, aber schwache Gegenlisten zur IG Metall an – von der CGM bis zu kaum organisierten Neugründungen wie der »Gewerkschaft für Transformation«. Besonders hervor sticht »die andere Liste«, die eine vollständige Auslastung der 800.000-Fahrzeuge-Kapazität fordert, ungeachtet ökologischer Vorgaben, Marktlage oder der Situation anderer Standorte. Damit wird die vom Management geförderte Standortkonkurrenz direkt in die Belegschaft getragen, statt für mehr Mitbestimmung, Arbeitszeitverkürzung oder alternative Produkte einzutreten.
Dem Klassenkampf von oben müsse ein Klassenkampf von unten entgegengesetzt werden – die Erfahrung der Arbeiterinnenbewegung, dass Millionen stärker sind als Millionäre, gilt weiterhin. Zugleich zeigt sich die Absurdität der Lage: Selbst wenn die Fußballabteilung von Volkswagen ihren »Klassenkampf« um den Verbleib in der ersten Liga verliert, will der zuständige VW-Betriebsrat betriebsbedingte Kündigungen beim VfL verhindern.
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