Gegenschläge nach Mosaikprinzip
Von Lars Lange
Am Montag, dem dritten Tag des von den USA und Israel entfesselten Krieges, hat Iran seine Angriffe auf US-Stützpunkte und Energieinfrastruktur in der gesamten Golfregion ausgeweitet. In Kuwait wurden die US-Botschaft und die Raffinerie Mina Al-Ahmadi getroffen. Die USA räumten den Verlust von drei F-15 Kampfflugzeugen ein – nach offizieller Darstellung durch versehentlichen Beschuss der kuwaitischen Luftverteidigung. In Bahrain traf ein Geschoss eine Hafenanlage nahe Mina Salman, in Katar schlugen zwei Drohnen in Energieanlagen des Staatskonzerns Qatar Energy ein, darunter im Industriekomplex Ras Laffan.
Eine Schahed-Drohne traf den britischen Luftwaffenstützpunkt Akrotiri auf Zypern. Vor Oman wurde ein Öltanker angegriffen, mindestens ein Besatzungsmitglied kam ums Leben. In Saudi-Arabien traf eine Drohne die Raffinerie Ras Tanura, die größte Ölaufbereitungsanlage des Landes. Der Betreiberkonzern Aramco stellte den Betrieb vorsorglich ein. Aus Israel gibt es bislang unbestätigte Berichte über einen »Präzisionsschlag« auf den Hafen von Haifa.
Im Vergleich zum Zwölftagekrieg vom Juni 2025 lässt sich eine deutlich gesteigerte Präzision der iranischen Angriffe beobachten. Das hat strukturelle Ursachen: Teheran hat das US-amerikanische GPS-System durch das chinesische Navigationssystem »Beidou« ersetzt – eine Umstellung, die iranische Lenkwaffen gegen westliche Störmaßnahmen weitgehend immun macht. Parallel dazu liefert China hochauflösende Satellitenaufklärung. Dass diese längst nicht mehr staatlichen Geheimdiensten vorbehalten ist, demonstriert Mizar Vision: Das chinesische Unternehmen für Marktforschungsanalysen aus Hangzhou veröffentlicht bereits seit zwei Jahren Bewegungen des US-Militärs in sozialen Netzwerken. Im vergangenen Monat hätten diese Berichte – so die South China Morning Post – an Häufigkeit und Detailgenauigkeit zugenommen und US-Militäreinrichtungen in Saudi-Arabien, Jordanien, Griechenland und Katar gezeigt. So auch KI-gestützte Satellitenbilder der Prince Sultan Air Base in Saudi-Arabien, inklusive präziser Typkennung jedes einzelnen US-Flugzeugs, Tage vor dem iranischen Angriff auf die Basis. Hinzu kommen eigene militärisch-technische Kapazitäten Irans: Seit Juli 2025 brachte Teheran mehrere Erdbeobachtungssatelliten in die Umlaufbahn – offiziell zivil, von westlichen Beobachtern aber als »dual-use« eingestuft.
Dass der Iran sich nach den zahlreichen »Enthauptungsschlägen« der letzten Tage derart vehement verteidigen kann, liegt an einer Art Notfallarchitektur der Kommandokette, die genau für diese Art von Bedrohung konzipiert worden ist – der seit 2005 entwickelten Verteidigungsdoktrin »Defa-e Mozaik«, auch bekannt als Mosaiksystem. Irans Außenminister Abbas Araghtschi betonte am Sonntag auf X: »Wir hatten zwei Jahrzehnte Zeit, die Niederlagen des US-Militärs im Osten und Westen unserer unmittelbaren Umgebung zu analysieren. (…) Die dezentrale Mosaikverteidigung ermöglicht es uns, selbst zu entscheiden, wann und wie ein Krieg endet.« Kern dessen ist die Gliederung des Landes in 31 weitgehend autonome Verteidigungsräume – je ein Kommando für jede Provinz, zwei für Teheran. Fällt die Spitze aus, operieren die Ebenen darunter weiter. Das Ziel: Führungsverluste dürfen keine operative Lähmung erzeugen.
Tragende Säule dieser Struktur ist der Basidsch – die paramilitärische Massenorganisation, die den Revolutionsgarden untersteht und landesweit in Moscheen, Schulen und Betrieben verankert ist. Seine Aufgabe ist die territoriale Absicherung: Schutz von Infrastruktur, Sicherung mobiler Abschussmittel, Kontrolle urbaner Räume und – im Ernstfall – Übergang in den Guerillamodus. Reguläre Armee, Revolutionsgarden und Basidsch sind zu einem mehrschichtigen Gefüge verbunden. Während die Raketenkräfte der Garden strategisch wirken, stabilisieren lokale Basidsch-Strukturen das Hinterland. Jede Provinz kann als eigenständiger Gefechtsraum funktionieren.
Das Mosaikprinzip ist eine strategische Versicherung. Sogenannte Enthauptungsschläge, wie die Tötung des »obersten Führers« Ali Khamenei, verlieren unter diesen Bedingungen ihren beabsichtigten Effekt. Um so erstaunlicher ist, dass die von den USA und Israel gewählte Strategie offenbar davon ausging, die operative Handlungsfähigkeit Irans zentral brechen zu können – bislang ohne sichtbaren Erfolg.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (2. März 2026 um 21:32 Uhr)Friendly fire auf F-15 oder peng? Hauptsache, sie sind weg.
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