Frührentner des Tages: Campino
Von Felix Bartels
Solange Johnny Thunders lebt, solange bleib ich ein Punk. Log Campino schon, als er längst keiner mehr gewesen wäre, wenn er je einer gewesen wäre. Irgendwie jung geblieben, irgendwie noch kritisch, irgendwie echter als die Kommerzsäcke Farin & Bela. Aber hedonistisch sein können wir natürlich auch, drölf Saufsongs beweisen es. Das Selbstverständnis einer Band, die tüchtig in Punk machte, aber lange verkannt blieb. Die Toten Hosen, das war immer schon ein Beitrag zum Deutschrock. Wem Grönemeyers Aussprache zu deutlich, Hartmut Englers Lyrik zu tief und Heinz-Rudolf Kunze zu anglophon war, der konnte bei den Hosen glücklich werden.
Frontmann Campino blieb, was Wiglaf Droste befand, ein Klassensprecher. Immer mit der Welle, immer mit der Zeit. Deswegen Achtziger frech gegen Spießer, Neunziger mutig gegen Nazis. Die Line »Es ist auch mein Land« lässt tief blicken. Zuletzt fand der Wehrdienstverweigerer von damals, heute würde er sich nicht dem Dienst entziehen. Opportunismus als permanente Wiedergeburt, permanente Wiedergeburt als Selbsterhalt. Nur wer sich ändert, bleibt sich neu.
Wenn der Wind sich legt, kann er sich auch nicht mehr drehen. Immerhin. So hat die Band, deren Alben seit groben vier Jahrzehnten zum Stabilisieren kippliger Tische benutzt werden, nun angedroht, im Mai ein Album zu veröffentlichen, ein letztes nämlich. »Trink aus, wir müssen gehen« soll es heißen. Mindestens ein Saufsong ist also wieder dabei. Man ist ja jung geblieben.
Die Entstehungsgeschichte ihres Endes liefern die Düsseldorfer Peinlichrocker gleich mit. »Einer hat im Proberaum geschrien …« So weit nichts Neues. Man kennt ja die Songs der Hosen. Aber diesmal was mit Inhalt: »Lasst uns ein letztes Album machen!« Und gleich »war die Begeisterung groß«. Nicht nur bei euch, Hosen, nicht nur bei euch.
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