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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 4 / Inland
Berlinale

Festivalchefin vor Abschuss

Laut Bild will Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle absetzen lassen
Von Max Grigutsch
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Noch-Berlinale-Chefin Tricia Tuttle (Berlin, 12.2.2026)

Nachdem der heraufbeschworene Berlinale-Eklat in diesem Jahr krampfhaft verhindert werden sollte, hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Sache nun selbst in die Hand genommen. Nach Bild-Informationen vom Mittwoch will der parteilose Politiker die Filmfestivalchefin Tricia Tuttle abberufen lassen. Dafür sei eine außerordentliche Sitzung der Führungsgremien der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, in deren Aufsichtsrat Weimer den Vorsitz innehat, für Donnerstag einberufen worden. Als Begründung nannte das Springer-Blatt den »Antisemitismus-Skandal« bei der am Wochenende beendeten Berlinale.

Gemeint ist ein Auftritt des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib. Sein Film »Chronicles from the Siege«, der die Chronik einer Belagerung an einem nicht näher bezeichneten Ort im arabischen Raum nachzeichnet, wurde als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung trat Alkhatib mit Kufija und palästinensischer Flagge auf und benannte klar die Mitschuld der deutschen Bundesregierung, die Israel für den Genozid in Gaza mit Waffen beliefert.

Bild packt in gewohnter Manier weiter aus. Demnach habe Weimer auch missfallen, dass Tuttle schon eine Woche zuvor mit Alkhatibs Filmcrew für ein Foto posiert hatte. Darauf sind einige der Abgelichteten mit Kufijas und einer Palästina-Fahne zu sehen. Der Kulturstaatsminister habe erklärt: »Die Berlinale ist kein Ort für Hetze, Drohungen und Antisemitismus. Israel-Hass darf sich dort nicht austoben, schon gar nicht mit Steuergeldern finanziert.«

Weimer und Tuttle seien sich über die Notwendigkeit ihrer Ablösung einig, berichtete Bild jedenfalls. Auf Anfrage des Mediums wollte sich ein Sprecher des Kulturstaatsministers zunächst nicht zu Spekulationen äußern.

Eigentlich stand die Berlinale wegen fehlender politischer Positionierung in der Kritik. Auf Nachfrage zum Thema Gaza hatte Jurypräsident Wim Wenders erklärt: »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.« Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte daraufhin ihre Teilnahme ab. 81 frühere und aktuelle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Berlinale zeigten sich via Variety in einem offenen Brief »bestürzt« über die »Zensur von Künstlern, die sich gegen den anhaltenden Völkermord Israels« aussprechen.

Tuttle selbst gab sich in Reaktion auf den Brief zurückhaltend. Die Angelegenheit sei komplex, sagte sie laut dpa. Sie sei »der Meinung, dass die Regierungen und Partner Israels dafür sorgen müssen, dass sie sich an das Völkerrecht halten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen«, halte es aber »für sehr gefährlich, wenn das Festival Stellung bezieht«. Das nehme Raum und signalisiere Menschen, »dass sie nicht zu dieser Diskussion eingeladen sind und ihre Meinung nicht äußern dürfen«, sagte Tuttle.

Derweil hat es fast schon Tradition, dass deutsche Regierungsvertreter anlässlich der Berlinale ihr ganz eigenes Verständnis von Kunst- und Meinungsfreiheit durchscheinen lassen. Bei der Rede des prämierten Alkhatib verließ der anwesende Umweltminister Carsten Schneider (SPD) den Saal. Zum Politikum war 2024 schon die Preisverleihung des zweifach prämierten Dokumentarfilms »No Other Land« geworden, der die israelische Vertreibung und den palästinensischen Widerstand im Westjordanland zeigt. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) versicherte, ihr Applaus habe nur einem der Regisseure, dem jüdischen Journalisten Yuval Abraham, nicht aber dem Palästinenser Basel Adra gegolten. Weimers mutmaßliche Personalentscheidungen von oben könnten nun dazu führen, dass derartige Auseinandersetzungen bei künftigen Berlinale-Ausgaben gänzlich außen vor bleiben.

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