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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 2 / Ansichten

Gespalten wegen China

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Vom 24. bis zum 27. Februar fährt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach China. Ihn begleiten rund 30 Unternehmer, eine der größten Begleitmannschaften seit Angela Merkels erster Kanzlerreise nach Beijing im Mai 2006. Deutsche Medien gaben Merz am Montag viele Reisetipps.

So war im online veröffentlichten März-/Aprilheft der von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik herausgegebenen Zeitschrift Internationale Politik zu lesen: »Deutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren fahrlässig in eine Position der Schwäche und Erpressbarkeit gegenüber Pekings autoritärem Staatskapitalismus manövriert. Dies ist ein kollektives Versagen der Mehrheit der deutschen Eliten.« Das Blatt kommt flott in »Untergang des Abendlandes«-Stimmung und zitiert einen der im Bürgerbetrieb stets bereitstehenden Absturzpropheten: »›Die industrielle Geschichte des Westens war das Vorwort zur industriellen Geschichte Chinas‹, formuliert der Historiker Adam Tooze. Die Geschichte der Moderne werde ab jetzt eine sinozentrische sein.«

Das macht einige wütend. So grummelt es auf der Internetseite der Wirtschaftszeitschrift Capital von »Scheuklappen«, mit denen die »deutsche Elite« China betrachte. Die allermeisten deutschen Konzerne schauten »mit einer Art von Tunnelblick auf China«: »Man nimmt nur die vielen (zweifellos vorhandenen) wirtschaftlichen Stärken wahr, fällt vor chinesischen Wettbewerbern auf die Knie und glorifiziert die staatliche Industriepolitik.«

Völlig anders sieht das die Berliner Zeitung, die am Montag online Merz »Politik durch Unterlassen« vorwirft. China sei der »wichtigste wirtschaftliche Machtfaktor des 21. Jahrhunderts«, den er monatelang »links liegen gelassen« habe. Der Kanzler signalisiere »strategisch und rhetorisch, dass Deutschland bereit ist, seine größten wirtschaftlichen Interessen zugunsten eines alten Westnarrativs zu opfern.«

Noch drängender wird ein Handelsblatt-Gastkommentar: »Deutsche Firmen bewegen sich in China wie in einem Fitnesscenter. China hat eine enorme Ingenieursdichte und viele Zulieferer-Ökosysteme, die weltweit einzigartig sind in Preisgestaltung, Qualität und Liefergeschwindigkeit. In diesem digitalen Turbo-Land lernen deutsche Automobillieferanten, sich vom Verbrenner zu verabschieden, um Mobiltelefone auf Rädern herzustellen.« Er schlägt vor, das »Zeitfenster« zu nutzen, »um chinesische Experten nach Deutschland zu locken«.

Zwischen kolonialer Arroganz und Profitgier hin- und hergerissen: Chinas Entwicklungstempo spaltet deutsche Chefetagen. (as)

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