Was die BRD im Orbit will
Von Luca von Ludwig
Das Verteidigungsministerium unter Boris Pistorius greift nach den Sternen. Nachdem in den vergangenen Monaten bereits Rekordinvestitionen in Aussicht ge- und zum ersten Mal eine »Weltraumssicherheitsstrategie« (WRSS) erstellt wurde, geht es nun ans Eingemachte. Im Februar soll das Ministerium ein Auftrag für eine deutsche Variante der Satellitenkonstellation »Starlink« des US-Konzerns Space X ausschreiben, wie das Handelsblatt unter Berufung auf Insiderinformationen zu Wochenbeginn berichtete. Wert: zehn Milliarden Euro.
Aufbruch zum Orbit
Dass Bundeswehr und Verteidigungsministerium sich stärker im Kosmos betätigen wollen, wurde spätestens Ende September klar, als Boris Pistorius auf dem »Weltraumkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie« Investitionen in Höhe von 35 Milliarden Euro in Aussicht stellte. Das Budget, das jenes der Europäischen Weltraumagentur ESA um einiges übersteigt, soll vor allem in die Satelliteninfrastruktur gesteckt werden.
Wenige Tage darauf ließ das Militär den Chef des Bundeswehr-Weltraumkommandos, Generalmajor Michael Traut, im Handelsblatt die Pläne weiter ausführen. Demnach ist geplant, in der nächsten Zukunft »eine dreistellige Anzahl von Satelliten« in den »Low Earth Orbit« (niedrige Erdumlaufbahn, LEO) zu befördern. Mit der Bundeswehr als sicherem Financier im Rücken solle auch die private Weltraumwirtschaft zu mehr Schnelligkeit und Risiko ermutigt werden. Zielvorgabe: »bis 2029 kriegsfähig sein«.
In eine ähnliche Richtung stieß auch die WRSS, die Pistorius zusammen mit Forschungsministerin Dorothee Bär im November vorstellte. Unter Verweis auf Sorgen um die orbitale Infrastruktur – die Satelliten für GPS, Internet und derlei – soll die Bundeswehr ihre defensiven und offensiven Kapazitäten im Weltall deutlich ausbauen. Wobei sie selbst freilich nie der Aggressor ist, schob Pistorius bei der Präsentation schnell nach. Man wolle sich lediglich »auch offensiv im Sinne eines Gegenschlages wehren« können.
Im Lichte des wohl bald zur Bewerbung ausgeschriebenen Großauftrages interessant ist auch die Floskel zur Bedeutung der Kooperation. Die war in der WRSS noch auf die NATO- und Transatlantikbindung gemünzt: »Angriffe im und aus dem Weltraum können den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags begründen. Der Aufbau einer Weltraumsicherheitsarchitektur dient somit nicht nur dem nationalen Interesse und der Landesverteidigung, sondern stellt auch einen deutschen Beitrag zur Unterstützung der NATO für den Fall der Bündnisverteidigung dar.«
Ein »deutsches Starlink«
So ganz geheuer scheinen den Verantwortlichen in Berlin die USA dann aber doch nicht zu sein – sonst könnte man sich den kostspieligen Aufbau eigener Varianten etablierter Systeme schließlich sparen. Sicherlich spielen hier auch regionalpolitische Faktoren eine Rolle; die BRD sieht sich schließlich als de-facto-Chefin der EU und will auch Vormacht auf dem Feld der Raumfahrt sein, oder im Regierungssprech: »Als größte Volkswirtschaft innerhalb der EU wird Deutschland beim Aufbau einer europäischen Weltraumsicherheitsarchitektur eine gestaltende Führungsrolle unter Wahrung nationaler Interessen und Kompetenzen einnehmen.«
Jedenfalls ließ die Bundeswehr den Generalmajor Armin Fleischmann der Presse mitteilen, man plane eine Art »deutsches Starlink«. Das Original, dass zum Space-X-Konzern von Elon Musk gehört, bietet seinen Kunden auf der ganzen Welt recht störungsresistente Anbindung ans Internet, ohne auf allzuviel irdische Infrastruktur angewiesen zu sein. In der Ukraine spielt »Starlink« (beziehungsweise der für Militärkunden ausgelegte Firmenzweig »Starshield«) bereits eine entscheidende Rolle. Die russischen Streitkräfte legten zu Kriegsbeginn in weiten Teilen des Landes die Internetverbindungen lahm; in der Folge wurde die ukrainische Armee mit »Starlink«-Empfangsgeräten ausgestattet.
Für das deutsche Pendant (Arbeitstitel »SATCOMBw Stufe 4«), für welches das Ausschreibungsverfahren nun bald anlaufen soll, stehen als Hauptinteressenten Airbus auf der einen und ein Joint Venture von Rheinmetall und dem Bremer Satellitenkonzern OHB auf der anderen Seite in den Startlöchern, wie die Financial Times zuerst berichtete. Airbus dürfte nach Einschätzungen von Beobachtern etwas schlechter dastehen, da die militärischen Geschäfte hier bislang oft in Kooperation mit anderen europäischen Unternehmen laufen. Das untergräbt perspektivisch den Anspruch auf eine deutsche Führungsrolle. Rheinmetall und OHB könnten durch ihre Pläne für eine rein deutsche Fertigung hier im Vorteil sein.
Details zum materiellen Umfang des erwarteten Auftrags aus dem Verteidigungsministerium sind rar – will man jedoch mit »Starlink« mithalten, sollte man sich nicht lumpen lassen. Der Konzern hat nach aktuellem Stand fast 9.500 Satelliten im LEO. Laut Unternehmenschefin Gwynne Shotwell hat die Konstellation in der Anfangsphase 2018 mit zehn Milliarden US-Dollar etwa genauso viel gekostet, wie das deutsche Verteidigungsministerium nun auslobt. Nach Handelsblatt-Informationen soll die Bundeswehrvariante allerdings gerade mal 200 Satelliten umfassen, wäre also pro Stück gerechnet deutlich kostspieliger.
Kosmos der anderen
Funktionäre aus Militär und Rüstungsindustrie werden – der Beruf bringt es mit sich – nicht müde, die Großartigkeit der deutschen Weltraumindustrie zu betonen. »Wir sind Champions beim Raketen- und Satellitenbau«, ließ sich Clemens Kaiser vom Münchener Unternehmen Rivada Space Networks in einer Werbebeilage des Handelsblatts zitieren.
Ein wenig mehr Nüchternheit wäre durchaus angebracht. Denn die USA sind im Weltall bereits deutlich länger aktiv. Neben den Milliardenbudgets der NASA spielt Washington auch der boomende Privatsektor in die Hände, an dem sich neben Elon Musks Space X auch das Unternehmen Blue Origin von Amazon-Chef Jeff Bezos beteiligt. So wird zusätzliches Geld in Forschung und Entwicklung gespült.
Auf russischer Seite ist man ebenso bedacht darauf, die Kontrolle über den Orbit nicht vollständig zu verlieren. In der Vergangenheit wurden sogar Atomwaffeneinsätze in der Erdumlaufbahn ins Spiel gebracht, um feindselige Raumfahrzeuge loszuwerden.
Die größte Konkurrenz für den kollektiven »freien Westen« stellt zweifelsohne die Volksrepublik China dar. Zwar hinken die Programme für eigene »Starlink«-Varianten bislang zahlenmäßig deutlich hinterher, aber in Bereichen wie der physischen Abwehr feindlicher Satelliten sind die technologischen Möglichkeiten ebenbürtig, wenn nicht überlegen (siehe Hintergrund). Und auch mit nur zahlenmäßig schwachen Konstellationen ließen sich die westlichen Systeme effektiv stören, zitierte die South China Morning Post erst in der vergangenen Woche chinesische Militärforscher.
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