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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Schmerz für Schmerz

Berlinale. Der Dokumentarfilm »River Dreams«
Von Max Grigutsch
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Der Fluss als Frau, die Frau als Fluss

Im November 2023 hat der damalige Wirtschaftsminister Kasachstans, Quandyq Bischimbajew, seine dreizehn Jahre jüngere Ehefrau Saltanat Nukenova in seinem Restaurant in der Hauptstadt Astana getötet. Der folgende Gerichtsprozess wurde live auf Youtube übertragen. Als Beweise wurden zahlreiche Videoaufnahmen angeführt, die den Minister zeigen, wie er die blutüberströmte, halbnackte Nukenova schlägt, tritt, an den Haaren herumzieht, zuletzt in das Zimmer, in dem sie kurz darauf sterben würde.

Der Dokumentarfilm »River ­Dreams« zeigt einige dieser Aufnahmen fast beiläufig. »Vielleicht ist es nur ein Alptraum?« fragt die Stimme im Voiceover. Der Fall ist nur ein besonders krasser Ausdruck dessen, was alle im Film auftauchenden Frauen der Kamera wieder und wieder zu verstehen geben. »Tausende und Abertausende anderer Frauen wie sie sind gestorben und werden sterben, still, leise, bescheiden, schrecklich, ohne jemals gerächt zu werden«, hört man weiter. »Diese Realität ist der endlose Alptraum meines Flusses.«

Was für ein Fluss sie wären, werden die Frauen gefragt. »Schön, weise, sauber, naturverliebt« ist eine Antwort. Ein »kleiner Fluss«, eine andere. Weil sie sich als Mädchen immer unsichtbar gefühlt habe, sagt die Sprecherin. Eine weitere wäre ein »Fluss aus Luft«, obwohl auch ein solcher wohl Eingrenzungen hätte, »leider«. Eine junge Frau schildert, wie sie einmal an einem Fluss entlangspazierte, als ein vermummter Mann mit offener Hose auf sie zukam, sie festzuhalten versuchte, sie sich aber freikämpfen konnte. »Fast das gleiche ist mir an diesem Fluss passiert«, erzählt die Stimme aus dem Off. Sie sei entkommen, indem sie sich vor ein Auto warf. »Damals ergab es Sinn … Es würde mich retten und ihn aufhalten. Ein Schmerz würde einen anderen Schmerz beenden. (…) Die Angst vor dem Tod war nicht groß genug.«

»River Dreams« ist der erste Dokumentarfilm aus Kasachstan, der jemals für die Berlinale ausgewählt wurde. Das Publikum musste etwas Geduld mitbringen. Zunächst war zu befürchten, dass sich Regisseurin Kristina Mikhailova in der titelgebenden Abstraktion – die Frau als Fluss, der Fluss als Frau – und den wunderschönen Naturaufnahmen verliert. »River Dreams« überschreitet Genregrenzen und zeigt viel Verletzlichkeit und Zärtlichkeit», erklärt Mikhailova. Wer aber dranbleibt, kommt auf den Boden der Tatsachen zurück.

»River Dreams«, Regie: Kristina Mikhailova, Kasachstan/Schweiz/UK 2026, 99 Min, Forum Special

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (22. Februar 2026 um 21:47 Uhr)
    Bedrückend und skandalös ist, dass weder die anwesenden Gäste noch das Personal des Restaurants versucht haben, zu intervenieren und Saltanat Nukenova zu retten. Pikant ist auch, dass der gewalttätige Bischimbajew bereits 2018 wegen Korruption zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde, jedoch ohne Folgen. Wahrscheinlich wird der korrupte Mörder erneut freigelassen.

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