Gegen Westdominanz
Am Wochenende erschien die erste Printausgabe der von Holger Friedrich – bislang schon Verleger der Berliner Zeitung – herausgegebenen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung:
»Friedrich bespielt eine Marktlücke – wenn auch mit Größenwahn«, meint die Taz unter Verweis auf den bislang ausschließlich von westdeutschen Verlagen bedienten Zeitungsmarkt in Ostdeutschland. Die bloße Existenz einer solchen Zeitung sei »nicht nur erstaunlich, sondern prinzipiell überfällig«, sieht auch der Spiegel. »Den Anspruch der OAZ, als die Stimme des Ostens aufzutreten, wo es doch in erster Linie vor allem Holger Friedrichs interessante Zeitung (›HoFriZ‹) ist, mag man auch als Ossi übergriffig finden – und einige Meinungen unappetitlich – finden«, so das Magazin. Doch am Ende werde der Markt entscheiden, ob dieses »identitätspolitische Angebot« angenommen wird.
Die Texte in der OAZ »verbinden einen Anti-Establishment-Blick auf Politik, Medien, Wissenschaft und Machtverhältnisse überhaupt. Das Kernthema ist: Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen«, meint Ralf Heimann in seiner Medienkolumne »Das Altpapier« beim MDR. Anders als etwa Nius sei die OAZ »kein offensichtliches Propaganda-Megafon«, die Nachrichtentexte seien »journalistisch sauber«.
Das sieht Matthias Meisner anders, der sich gegenüber dem MDR »schockiert« nach Lektüre der Erstausgabe zeigte. Statt »Selbstverharmlosung« ließe es das neue Blatt »gleich knallen« – mit »Kremlpropaganda«. Die witterte Meisner unter anderem im OAZ-Interview mit Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der feststellte, Russland könne nicht auf dem Schlachtfeld besiegt werden. »Ich habe nichts gegen Meinungsfreiheit, ich gucke nur auf die Schlagseite, die dieses Blatt hat, und stelle mir vor, wie heute in der russischen Botschaft die Krimsektkorken geknallt haben«, so Meisner, der seine bekannte Leier von »Einflüssen des russischen Staates auf Medien, auf das politische Geschehen hier« anstimmt.
»Insgesamt liegt mit der OAZ eine vollwertige Wochenzeitung vor«, urteilt der emeritierte Professor für Journalistik Volker Lilienthal für das Portal T-Online. Irritiert zeigt sich Lilienthal über die »ganz merkwürdige Losung in kleiner Schrift auf Seite 1 unten: ›Unabhängig. Mutig. Gewaltfrei‹«. Denn: »Wie könnte eine Zeitung je gewalttätig sein?« Diese Frage sollte der Experte einmal der Bundesregierung und ihrem Inlandsgeheimdienst stellen. Wird doch die Listung der jungen Welt im Verfassungsschutzbericht auch damit begründet, diese Zeitung bekenne sich »nicht ausdrücklich zur Gewaltfreiheit«. (nb)
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Leserbrief von Onlineabonnent/in André Möller aus Berlin (23. Februar 2026 um 08:04 Uhr)Ich hatte einige Hoffnung in die neue Berliner Zeitung gesetzt, mein Abo aber schon wieder länger hinter mir. Das (Mit)-Surfen auf tumben Empörungswellen, das öde Herumrühren in Symptomatik und die Fortsetzung der gescheiterten ultraliberalen Linie mit anderen Mitteln bei völlig unklarer Standortbestimmung sind mir einfach zu wenig. Unter den Blinden ist der Einäugige König. Das ehemalige Staatsgebiet der DDR ist von einer zweiten katastrophalen Entindustrialisierungswelle betroffen und kaum einen stört’s: Die Werften in Wismar und Rostock, der Waggonbau in Görlitz, das Fleischkombinat in Eberswalde, PCK Schwedt, Leuna, Piesteritz usw. Produktive Bereiche werden durch konsumtive Rüstungsherstellung abgelöst. Dümmer und gefährlicher als Ausfluss westdeutscher Blödheit und Selbstreferentialität geht’s nicht.
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