Krieg für Machterhalt
Von Reinhard Lauterbach
Am Freitag meldete das Wall Street Journal, dass der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij bereit sei, »noch drei Jahre zu kämpfen«. Er selbst natürlich nicht – das ukrainische Volk soll den Kopf für ihn hinhalten. Was er sich davon verspricht? Den Zusammenbruch Russlands in der Zwischenzeit? Warum übrigens gerade drei Jahre? Womöglich in der Hoffnung, Donald Trump politisch zu überleben und unter seinem Nachfolger wieder eine dem Ukraine-Krieg gewogenere US-Regierung vorzufinden. Die Spekulation kann natürlich auch platzen – etwa wenn der jetzige Vizepräsident J. D. Vance Donald Trump nachfolgen sollte. Oder wenn die Fähigkeit und Bereitschaft der ukrainischen Armee zum Widerstand keine drei Jahre mehr vorhält. Nur zur Einschätzung: Die 300 Quadratkilometer, die die ukrainische Armee nach Selenskijs Worten in den vergangenen Tagen zurückerobert haben soll, entsprechen ungefähr der Fläche der Stadt München.
Gewiss: Kiew hat den Inhalt des Berichts dementiert. Aber was heißt das schon – widersprüchliche Erklärungen sind in der Selenskij-Administration nichts Seltenes. Und die offen eingestandene Perspektive, noch weitere drei Jahre Krieg auszuhalten, könnte die ohnehin in der ukrainischen Gesellschaft heranreifende Kriegsmüdigkeit genauso gut verstärken. Schon jetzt ist der Anteil der Ukrainer, die auch zu Gebietsabtretungen an Russland bereit sind, auf etwa 40 Prozent gestiegen. In den ersten Kriegsjahren lag er im einstelligen, allenfalls niedrigen zweistelligen Bereich. Völlig aus den Fingern gesogen werden sich die Reporter des Blatts der US-Finanzelite die Geschichte wohl nicht haben. Sie beriefen sich auf Stimmen aus der Präsidialadministration in Kiew.
Dass diese Stimmen sich – einstweilen noch unter dem Schutz der Anonymität – aus der Deckung trauen, macht deutlich, dass auch in der ukrainischen Führung offenbar allmählich Differenzen über die weitere Strategie zutage treten. Ihre Konturen sind politisch schwer zu bestimmen. Bekannt ist, dass der Geheimdienstchef Kirilo Budanow als »Realpolitiker« gilt, der einen Gesprächsfaden nach Moskau nie hat abreißen lassen – so sehr er auch ein fanatischer ukrainischer Nationalist ist. Der frühere Armeekommandeur und derzeitige ukrainische Botschafter in London, Walerij Saluschnij, hat Selenskij direkt für den Fehlschlag der ukrainischen Offensive im Sommer 2023 verantwortlich gemacht. Er gilt als ein aussichtsreicher Kandidat, falls es zu Neuwahlen kommen sollte.
Eben. Falls. Denn solange der Krieg andauert, sind Neuwahlen ausgeschlossen. Die Selenskij zugeschriebenen Überlegungen, den Krieg noch bis zur nächsten US-Präsidentenwahl fortzusetzen, sind damit auch eine persönliche Überlebensstrategie des ukrainischen Präsidenten. Zumal ihm die Einschläge aus den Korruptionsermittlungen immer näher kommen.
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