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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Krieg für Machterhalt

Selenskijs Überlebensstrategie
Von Reinhard Lauterbach
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Dank Krieg weiter an der Staatsspitze: Präsidentenehepaar gedenkt des Maidan-Aufstands (Kiew, 20.2.2026)

Am Freitag meldete das Wall Street Journal, dass der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij bereit sei, »noch drei Jahre zu kämpfen«. Er selbst natürlich nicht – das ukrai­nische Volk soll den Kopf für ihn hinhalten. Was er sich davon verspricht? Den Zusammenbruch Russlands in der Zwischenzeit? Warum übrigens gerade drei Jahre? Womöglich in der Hoffnung, Donald Trump politisch zu überleben und unter seinem Nachfolger wieder eine dem Ukraine-Krieg gewogenere US-Regierung vorzufinden. Die Spekulation kann natürlich auch platzen – etwa wenn der jetzige Vizepräsident J. D. Vance Donald Trump nachfolgen sollte. Oder wenn die Fähigkeit und Bereitschaft der ukrainischen Armee zum Widerstand keine drei Jahre mehr vorhält. Nur zur Einschätzung: Die 300 Quadratkilometer, die die ukrainische Armee nach Selenskijs Worten in den vergangenen Tagen zurückerobert haben soll, entsprechen ungefähr der Fläche der Stadt München.

Gewiss: Kiew hat den Inhalt des Berichts dementiert. Aber was heißt das schon – widersprüchliche Erklärungen sind in der Selenskij-Administration nichts Seltenes. Und die offen eingestandene Perspektive, noch weitere drei Jahre Krieg auszuhalten, könnte die ohnehin in der ukrainischen Gesellschaft heranreifende Kriegsmüdigkeit genauso gut verstärken. Schon jetzt ist der Anteil der Ukrainer, die auch zu Gebietsabtretungen an Russland bereit sind, auf etwa 40 Prozent gestiegen. In den ersten Kriegsjahren lag er im einstelligen, allenfalls niedrigen zweistelligen Bereich. Völlig aus den Fingern gesogen werden sich die Reporter des Blatts der US-Finanzelite die Geschichte wohl nicht haben. Sie beriefen sich auf Stimmen aus der Präsidialadministration in Kiew.

Dass diese Stimmen sich – einstweilen noch unter dem Schutz der Anonymität – aus der Deckung trauen, macht deutlich, dass auch in der ukrainischen Führung offenbar allmählich Differenzen über die weitere Strategie zutage treten. Ihre Konturen sind politisch schwer zu bestimmen. Bekannt ist, dass der Geheimdienstchef Kirilo Budanow als »Realpolitiker« gilt, der einen Gesprächsfaden nach Moskau nie hat abreißen lassen – so sehr er auch ein fanatischer ukrainischer Nationalist ist. Der frühere Armeekommandeur und derzeitige ukrainische Botschafter in London, Walerij Saluschnij, hat Selenskij direkt für den Fehlschlag der ukrainischen Offensive im Sommer 2023 verantwortlich gemacht. Er gilt als ein aussichtsreicher Kandidat, falls es zu Neuwahlen kommen sollte.

Eben. Falls. Denn solange der Krieg andauert, sind Neuwahlen ausgeschlossen. Die Selenskij zugeschriebenen Überlegungen, den Krieg noch bis zur nächsten US-Präsidentenwahl fortzusetzen, sind damit auch eine persönliche Überlebensstrategie des ukrainischen Präsidenten. Zumal ihm die Einschläge aus den Korruptionsermittlungen immer näher kommen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf Gerkan aus Hannover (24. Februar 2026 um 12:19 Uhr)
    Die Glaskugeln des Westens sagen meist für 2029 einen russischen Angriff auf die NATO voraus. Teilweise kursiert aber auch die Zahl 2030 als vorgeblicher Angriffstermin (www.jungewelt.de/artikel/510557.machtpositionen-ändern.html oder https://faktencheck.afp.com/doc.afp.com.39PP7ZP). 2030 stehen die nächsten russischen Präsidentschaftswahlen an. Und da könnte es passieren, dass der eher nüchterne und zurückhaltende Putin durch einen der Draufgänger aus der zweiten oder dritten Reihe der russischen Politik ersetzt wird. Denkbar wäre aber auch, dass – wie 2008 Medwedew – ein vermeintlich schwacher Präsident die Nachfolge Putins antritt. 2008 war man in Georgien jedenfalls der Meinung, die russischen Friedenstruppen mit Gewalt aus dem Land werfen zu können. Nun, Medwedew war damals nicht so schwach wie erhofft und das Abenteuer ging zu Ungunsten Georgiens aus. Ähnlich könnte die EU auch 2030 versucht sein, einen vermeintlich oder tatsächlich schwachen Nachfolger Putins militärisch zu attackieren, natürlich rein defensiv. 2022 war der russische Angriff von den USA für den 16. bzw. den 20.2. vorhergesagt worden. Hinterher stellte sich heraus, dass diese am 12.2. publizierte Prophezeihung erstens ein massives Anschwellen der Gewalt im Donbass zur Folge hatte (laut OSZE 10.000 Waffenstillstansverletzungen in den 10 Tagen vor dem russischen Eintritt in den Donbass-Krieg) und dass es zweitens jeweils einen Tag vor dem vorgeblichen Angriffstermin von ukrainischer Seite eine atomare Provokation gab. Am 15.2. bestellte die Ukraine bei der NATO 30.000 Dosimeter und am 19.2.22 drohte Selenskij auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit einer ukrainischen Atombombe. Gehorchte die Ukraine da brav wie ein russophob abgerichteter Hund seinem Herrchen? Instrumentalisiert der Westen die Ukraine auch jetzt skrupellos? Die Vorwissens-Show des Westens über russische Angriffstermine kann Zeichen seiner Täterschaft, Dummheit oder Intelligenz sein – und self fulfilling prophecy.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. Februar 2026 um 10:55 Uhr)
    Selenskij kann den Krieg nicht gewinnen, darum fürchtet er den Frieden. Er dürfte durchaus spüren, dass nach einem Ende des Krieges eine Phase der politischen und möglicherweise auch juristischen Aufarbeitung folgen wird. Die Verantwortung für strategische Entscheidungen, Verluste und Entwicklungen wird dann unweigerlich thematisiert werden. Dennoch fällt es mir schwer zu glauben, dass er den Krieg ausschließlich aus persönlichem Machterhalt nicht beenden will. Die Verantwortung liegt aus meiner Sicht nicht allein bei ihm. Eine wesentliche Rolle spielten auch seine westlichen Verbündeten. Zunächst war es Boris Johnson, der frühzeitig auf eine harte Linie setzte, danach die US-Regierung unter Joe Biden sowie insgesamt der sogenannte »Wertewesten«, die auf eine Fortsetzung des Widerstands drängten. Hätte die Ukraine von Beginn an in vollem Umfang die militärische und materielle Unterstützung erhalten, die sie eingefordert hat, wäre der Kriegsverlauf möglicherweise ein anderer gewesen. Diese Frage wird man historisch noch bewerten müssen. In der jetzigen Lage erscheint ein Kompromiss unausweichlich. Doch einen solchen Schritt politisch zu vertreten und innenpolitisch zu verantworten, ist äußerst schwierig. Vielleicht hält Selenskij deshalb an der Hoffnung fest, dass sich die strategische Lage doch noch zugunsten der Ukraine wendet – denn bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas Kirchner (22. Februar 2026 um 20:20 Uhr)
    Ein weiterer Grund für die drei Jahre dürfte die Vorgabe der europäischen Falken sein, dass die Ukraine Russland noch eben so lange maximalen Schaden zuzufügen hat, bis dahin brauchen die nach eigenen Aussagen bekanntlich, um selbst in den Krieg ziehen zu können. Und noch eine Anmerkung zum Anteil der Ukrainer, die für Gebietsabtretungen sind. Es wird uns zwar ständig erklärt, dass es sich bei den umkämpften Gebieten um Teile der Ukraine handelt. Die dortigen »Ukrainer« hat aber mit Sicherheit keiner befragt. Die dürften zu nahezu 100% für die Abtretungen plädieren.

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