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Aus: Ausgabe vom 21.02.2026, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
ABC-Waffen

Eine heiße Spur

Von Klaus Gietinger
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Freikorpsbarrikade, Berlin 1919

Dieser Tage erscheint im Verlag Die Buchmacherei Klaus Gietingers neuer Roman »Tote auf Urlaub«, dem der folgende Auszug entnommen ist. Wir danken dem Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung. Der Autor stellt seinen Text am 22. Februar in Berlin ab 18 Uhr im Dragoner-Areal, »Kiezraum«, Mehringdamm 20 persönlich vor.

Der Roman taucht ein ins unruhige Berlin des Jahres 1919, kurz nach der Novemberrevolution. Der konservative Kriminalkommissar Richard Brinkmann und die mit revolutionären Ideen sympathisierende Kriminalassistentin Cläre Reichelt ermitteln in einem der spektakulärsten Doppelmorde der deutschen Geschichte, dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Bernhard Weiß, liberaler Vizekriminaldirektor, der von Antisemiten als »Isidor« verhöhnt wird, deckt die Recherchen der beiden, obwohl nur die Militärjustiz, im Auftrag der SPD-Regierung, den Fall behandeln soll. Brinkmann und Reichelt entdecken schließlich eine heiße Spur ganz nach oben und geraten in den Strudel der aufkommenden Gegenrevolution. (jW)

In der Tram las Cläre vor, was das WTB verbreitete. Sie hasste diese Presseagentur, die liebend gern Falschmeldungen streute und immer nach links austeilte. Cläre fühlte sich dadurch persönlich angegriffen, denn sie gehörte zu den Schwarzen Katzen. Das waren illegale Betriebsräte, die während des Krieges in den Fabriken Waffen versteckt hatten, bei der AEG zum Beispiel in Hennigsdorf, wo Cläre längere Zeit geschuftet hatte. Natürlich versuchte sie dies im Präsidium tunlichst zu verbergen. Noch eine Anstellung wollte sie nicht verlieren.

»Gestern, gegen 9 Uhr 30 abends, wurde durch Mannschaften der Wilmersdorfer Bürgerwehr der vorläufig festgenommene Dr. Karl Liebknecht und gegen 10 Uhr die gleichfalls festgenommene Frau Rosa Luxemburg beim Stabe der Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Eden-Hotel eingeliefert. Nach kurzer Vernehmung der vorläufig Festgenommenen zur Feststellung ihrer Personen, wurde Dr. Liebknecht eröffnet, dass er in das Moabiter Untersuchungsgefängnis geschafft würde, wo die Weiterverfügung über ihn die Reichsregierung zu treffen habe. Die Nachricht von der Verhaftung von Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte sich schnell in der Umgebung des Hotels verbreitet. Die Folge davon war eine große Menschenansammlung vor dem Eden-Hotel. Teile des Publikums drangen bis in die Halle des Hotels ein.«

Richard schüttelte leicht den Kopf.

Ein Stabsquartier, das nicht militärisch abgeriegelt war, erschien ihm sträflich vernachlässigt. Cläre las weiter:

»Von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division erhielt der Führer der Begleitmannschaft daher den Befehl, von der Menge unbemerkt Dr. Liebknecht durch einen Seitenausgang aus dem Haus zu schaffen und mit einem Dienstautomobil nach Moabit zu bringen. Der Führer machte Dr. Liebknecht darauf aufmerksam, dass er bei einem Fluchtversuch von der Waffe Gebrauch machen werde. Zur Vermeidung von Aufsehen wählte der Führer der Begleitmannschaft einen Umweg durch den Tiergarten nach Moabit. Am Neuen See blieb der Kraftwagen stehen, der offenbar durch das schnelle Anfahren in Unordnung geraten war.«

Cläre stieß ein kurzes »Pah!« aus.

»Als auf Befragen der Kraftwagenfahrer angab, dass die Wiederherstellung der Maschine einige Zeit erfordern würde, fragte der Führer der Begleitmannschaft Dr. Liebknecht, ob er sich kräftig genug fühle, die Charlottenburger Chaussee zu Fuß zu erreichen. Als sich die Begleitmannschaft etwa 50 m vom Wagen entfernt hatte, machte sich Liebknecht von ihnen los und rannte in gerader Richtung von ihnen fort. Da Liebknecht auf mehrfaches Anrufen nicht stehenblieb, schossen mehrere Leute der Begleitmannschaft hinter Liebknecht her; Liebknecht stürzte zusammen und war anscheinend sofort tot.«

Richard murmelte sarkastisch: »Auf der Flucht erschossen!«

Cläre horchte auf, würde der Polizeikollege öffentliche Verlautbarungen in Zweifel ziehen?

Doch sie zitierte, inzwischen ziemlich laut, weiter. So dass die Fahrgäste aufmerksam wurden.

»Auf Befehl der Garde-Kavallerie-Schützen-Division wurde um 10 Uhr abends einer zweiten Begleitmannschaft befohlen, Frau Rosa Luxemburg in das Untersuchungsgefängnis zu überführen. Der Führer der Begleitmannschaften forderte die in einem Zimmer des ersten Stockes befindliche Frau Rosa Luxemburg auf, ihm nach dem Wagen zu folgen, und ging selbst zu ihrem Schutze vor ihr her. Da sich aber auch an der Straßenseite eine erregte Menschenmenge angesammelt hatte, welche gleichfalls dem Wagen zu drängte, fand sich die Begleitmannschaft vorübergehend in einem erregten Menschenknäuel und wurde auseinandergerissen. In diesem Augenblick schlug die Menschenmenge auf Frau Luxemburg ein.«

Ein Fahrgast: »Recht jeschieht ihm, dem Flintenweib!«

Cläre warf ihm einen bösen Blick zu:

»Frau Luxemburg wurde vom Führer der Transportmannschaften aufgefangen und bewusstlos von ihm und seinen Leuten in den Wagen gebracht. Sie lag halb zurückgelehnt auf dem Vordersitz des Wagens. Als sich dieser der Menge wegen langsam in Bewegung setzte, sprang plötzlich ein Mann aus der Menge auf das Trittbrett und gab auf Frau Luxemburg einen Pistolenschuss ab.«

Ein anderer, ziemlich dicker Fahrgast:

»Det hat et jebraucht, det Miststück.«

»Klappe!« schoss es aus Cläres Mund.

»Wat haste jesacht?«

»Klappe!« Der Dicke wollte auf sie zuwalzen, doch Richard ging dazwischen.

»Immer mit der Ruhe!«

»Willst du mir uffhalten?«

»Und ob!« Richard zog seine Dienstmarke. Der Dicke stoppte und rief:

»Jetzt is de Polente ooch schon für det Schwein! Det hamm wa nun von de Revolution, bolschewistische Bullen!«

Als Bolschewist wollte sich Richard nicht beschimpfen lassen. Im Nu hatte er den Dicken im Polizeigriff. Cläre wunderte sich, der konnte ja zugreifen, der Kollege. Der Dicke schrie. Schon kam der resolute Schaffner durch die Leute durchgezwängt.

»Wat is hier los?«

Auch ihm hielt er die Polizeimarke unter die Nase. Der Schaffner salutierte kurz.

Und Cläre setzte noch einen drauf: »Beleidigung der Berliner Kriminalpolizei als bolschewistisch. Das gibt ’ne satte Geldstrafe oder eher sogar Bau!«

»Wie wat?«

Cläre holte die Handschellen raus.

»Aber det hab ick doch jar nicht so jemeint!«

»Sind Sie mit einer Ordnungsstrafe von fünf Mark einverstanden?«

»Bei dir piept’s …« Richard drückte. Der Dicke schrie wieder, und Cläre ließ die Handschellen knacken.

»Is jut, is jut!«

Kurz hinter der Gedächtniskirche stiegen Cläre und Richard aus. Sie gingen die paar Meter zum Eden-Hotel zu Fuß. Vor Ort mussten sie zwei Stacheldrahtsperren mit Bewachung überwinden. Auch dies gelang nur mit Richards Dienstausweis.

»Menschenmenge«, bemerkte Cläre, »von wegen!« Sie las den Rest der WTB-Meldung vor:

»Auf Befehl des Führers der Begleitmannschaften versuchte der Wagenführer daraufhin in schneller Fahrt den Kurfürstendamm in Richtung Berlin hinunterzufahren, wurde aber in der Nähe des Kanals plötzlich durch Halterufe zum Anhalten aufgefordert. In der Annahme, dass es sich um eine kontrollierende Patrouille handele, hielt der Wagenführer. In diesem Augenblick drängte sich eine Menschenmenge an den Wagen heran, sprang auf die Trittbretter und zerrte unter den Rufen ›Das ist die Rosa!‹ den Körper der Frau Luxemburg aus dem Wagen heraus. Die Menge verschwand mit ihr in der Dunkelheit.«

Ein »Wer’s glaubt!« konnte sich Cläre nicht ersparen. »Einem Transport unter Bewaffnung wird von Zivilisten ein Leichnam entwendet!«

Das Eden, ein edler Bau direkt gegenüber dem Zoo, lag mächtig vor ihnen. Links und rechts des Haupteinganges waren Wachen mit Stahlhelm und Seitengewehr aufgezogen. Beide wurden trotz ihrer Polizeimarken – ja, auch Fräulein Reichelt hatte eine, wie sie die wohl ergattert hatte – streng kontrolliert und Richard sollte seine Waffe abgeben. Das sei seine Dienstpistole, erwiderte Richard und beharrte darauf, sie zu behalten. Der Streit wäre eskaliert, wäre Hoteldirektor Ott nicht höchstpersönlich aufgetaucht.

»Ich hatte doch gebeten, dass Sie am Seitenausgang in der Kurfürstenstraße erscheinen.« Da, wo Liebknecht den ersten Schlag abbekommen haben soll, schoss es Cläre durch den Kopf.

»Davon wissen wir nichts«, gab Richard trotzig entgegen.

»Ja, dann kommen Sie!«

»Sie glauben gar nicht, was hier los ist, seit das gestern passiert ist«, legte Ott nach dem Durchschreiten der Drehtür und dem Passieren des Pförtnerhäuschens – er gab dem Pförtner ein kurzes Handzeichen – los.

»Jeder will hier rein, wo sie die rote Rosa und den Liebknecht geschnappt haben.« Als wäre nichts passiert, klimperte neben der Hotelbar ein Pianist auf einem Flügel. In der Lobby saßen edle Herrschaften und Frauen mit großen Hüten unter Palmen, tranken Tee oder langweilten sich. Was einzig auffiel, war, dass sich jede Menge Uniformen im Raum fanden. Sie folgten Ott in den ersten Stock.

Ott gedämpft, als würden die schweren Teppiche seine Stimme schlucken: »Also, ich mache das nur für Herrn Kriminaldirektor Weiß …«

»Vize!« warf Cläre dazwischen.

»Was, wie?«

»Vizekriminaldirektor!«

»Ebent, also wen möchten Sie sprechen?«

»Alle, die was zu bezeugen haben.«

Cläre übertrumpfte ihn noch. »Und alle Offiziere!«

»Auf gar keinen Fall!«

Ott: »Das war mit Herrn Weiß so nicht ausgemacht, Soldaten gehen Sie nichts an.«

Richard: »Entschuldigen Sie mal, wir ermitteln hier!«

Ott: »Sie sind vermutlich gar nicht zuständig, nach allem, was in den letzten Tagen Schreckliches geschehen ist, ist das ein Fall für die Militärjustiz.«

Ott sah abschätzig auf Cläre: »Und dass weibliches Personal dabei ist, war schon gar nicht ausgemacht.«

»Fräulein Reichelt ist in der Ausbildung und ist dabei, um zu lernen.«

Cläre hätte Richard eine knallen können, doch sie hielt sich zurück.

Und Ott wurde noch leiser im Ton, als sei er nicht Herr im eigenen Haus: »Sie können ein paar Leute aus meinem Personal verhören, und das war’s dann. Oder Sie gehen.«

Richard nickte. Cläre verdrehte die Augen.

Unversehens standen Cläre und Richard mit Ott im Dampf der Wäscheabteilung. Die Wäschenäherin Anna Wandinger, nach eigener Aussage katholisch und 23 – sie sah allerdings einige Jahre älter aus –, stand leicht gebeugt vor ihnen. Die Arbeit hatte sie früh verhärmt, dachte Cläre, sie kannte aus eigener Erfahrung zahlreiche solcher Frauen.

Zögerlich wählte Anna Wandinger ihre Worte: »Sie wurde auf den Kopf geschlagen, und das hat sehr geblutet.«

Cläre war sehr berührt, verbarg es aber unter Sachlichkeit: »Wer?«

»Na, die kleine Frau. Darauf warf man sie in ein Auto, wobei sie einen Schuh verlor, einen Halbschuh; den nahm ein Soldat an sich und wollte ihn als Andenken aufbewahren. Er zeigte ihn uns auch.«

»Wer hat zugeschlagen?«

Die Wäschenäherin schaute zu Ott hoch. Der reagierte nicht.

»Ein Soldat!«

»Keine Menschenmenge?«

»Menschenmenge?« Anna Wandinger blickte ratlos.

»Womit hat der Soldat zugeschlagen?«

Wieder Blick zu Ott.

»Sie sehen doch, Fräulein Wandinger weiß nichts mehr. Ich denke, es reicht …«

Richard: »Mit dem Gewehr, nicht wahr?«

»Ja, umgedreht.«

»Mit dem Kolben!«

Sie nickte.

»Wie heißt der Mann?«

»Weiß ich nicht, mehr weiß ich nicht! Und ich möchte jetzt bitte meine Arbeit machen.«

»Wer kann denn noch was wissen?« schaltete sich Cläre wieder ein.

»Die Pauline …«

»Baumgärtner«, ergänzte Ott.

Richard: »Aber wenn möglich, würden wir die gern allein verhören!«

»Die noch, und dann ist gut!«

Pauline Baumgärtner, katholisch, 33 Jahre alt, Bedienung, weißes Kleid mit weißer Rüschenschürze, stand unweit des Pförtnerhauses neben Richard und Cläre.

»Liebknecht sah ich nur, wie er durch die Drehtür hereingebracht wurde.« Verängstigt deutete sie vorsichtig mit dem Zeigefinger: »Und dann zum Fahrstuhl hin. Sonst habe ich nichts mehr davon gesehen.«

»Und Frau Luxemburg?« Cläre preschte wieder vor. Richard schwor sich, sie das nächste Mal wirklich nicht mehr mitzunehmen.

»Rosa Luxemburg sah ich hier geführt von zwei Soldaten, und vor und hinter ihr gingen auch Soldaten.«

Richard: »Als sie aus dem Hotel herausgeleitet wurde?«

Pauline: »Ja, ich trat ans Fenster zurück. Da sah ich ein Auto vor dem Eingang stehen, ein offenes Auto und einen Ring von Soldaten.«

»Soldaten?« kam es unisono von Cläre und Richard.

»Ja!«

»Und die Menschenmenge?«

»Da war keine Menschenmenge. Das Hotel war doch wie seit Tagen abgesperrt, nur wir und die Hotelgäste wurden durchgelassen. Sonst keine Zivilisten.«

Cläre sah triumphierend auf Richard.

Richard: »Und weiter?«

»Frau Luxemburg wurde dann in das Auto hineingezerrt. Sie wurde auf den Rücksitz gesetzt. Da strömte ihr Blut durch Nase und Mund. Das Auto fuhr dann gleich weg.«

Cläre erschauderte innerlich. Richard blieb ruhig.

Richard: »Hineingezerrt, sagen Sie?«

Pauline: »Ja, sie konnte nicht allein gehen, mit einem Arm wurde sie hineingezerrt.«

»Getragen?«

»Nein, hineingeschmissen, sie konnte nicht gehen. Die Tat war sehr roh!«

»Welche Tat?«

»Na, erst der Schlag, ich hab’ ihn durch die Drehtür gehört, nicht gesehen, aber gehört, ganz dumpf.«

Richard: »Sie haben nicht gesehen, wer’s war?«

»Nein, aber der Walter …«

Richard: »Welcher Walter?«

»Walter Mistelski, einer der Kellner.«

»Und wo finden wir den?« preschte Cläre wieder vor.

»Oben, beim Personal, der hat jetzt gerade Freischicht!«

Cläre machte Anstalten, sofort zum Aufzug zu gehen. Richard zögerte.

»Ott meinte doch …«

»Seit wann lässt sich ein Berliner Kriminaler von einem Hotelhengst aufhalten?«

Richard sah sich in seiner Ehre gepackt, überwand die Angst vor höheren Chargen und ging mit.

Mistelski, ein hübscher blonder Junge, zeigte im Unterhemd ordentlich Muckis. Cläre war beeindruckt, doch sie ließ es sich nicht weiter anmerken. Dass er sich aber gerade mit einem Schnappmesser die Fingernägel putzte, fand sie weniger spannend.

Die Dachgaube, in der die Kellner hausten, erwies sich als muffig und kalt. Cläre war ein paarmal kurz davor, an eine der Schrägen zu stoßen.

»Sie haben gesehen, wer zugeschlagen hat?«

»Nee, ich habe nur gehört, wie sich Offiziere unterhalten haben. Ein paar haben beklagt, dass das grob und bestialisch gewesen sei.«

»Tatsächlich!« Cläre konnte sich diesen Kommentar nicht verkneifen, obwohl Richard sie im Aufzug darum gebeten hatte, ihm das Fragen zu überlassen. Ein Blick von ihm brachte sie zum Schweigen.

»Die anderen aber sagten, es sei richtig gewesen, die zwei um die Ecke zu bringen.«

»Wörtlich?«

»Wörtlich!«

»Und was haben Sie noch gehört oder gesehen?«

»Einer der Offiziere hat sich beim Abtransport von Liebknecht ähnlich geäußert.«

»Wie?«

»Er rief: ›Seht nur zu, dass die nicht lebendig herauskommen.‹«

»Den Namen wissen Sie nicht zufällig?«

»Doch, es war Hauptmann Petri!«

Äußerlich lässig notierte Cläre den Namen.

»Und den, der den Schlag ausgeführt hatte, haben Sie nicht gesehen?«

»Nein, aber … Max, komm doch mal.«

Schon bog Max Krupp um die Ecke, nach Cläres Einschätzung höchstens siebzehn Jahre alt, wie Mistelski, aber schwarzhaarig und noch etwas nackter, mit beachtlichem Oberkörper und noch hübscher als Mistelski. Dass die Jungs in der kalten Dachkemenate nicht froren.

»Max, wer hat den Liebknecht mit dem Kolben traktiert?«

»Ein Soldat mit Stahlhelm. Den Liebknecht und die Luxemburg.«

»Was, beide?«

»Ja, erst den Liebknecht am Seitenausgang, also an der Kurfürstenstraße, und dann die Luxemburg am Haupteingang. Etwa eine Stunde später.«

»Der Soldat hatte an beiden Türen Wache?«

»Nee, am Haupteingang, aber um Liebknecht zu kriegen, der ist wohl unerwartet durch den Seitenausgang geführt worden, ist der Runge ums Hotel rumgelaufen.«

»Runge hieß er also!«

»Ja, Otto Runge, aber sagen Sie nicht, wo Sie’s herhaben.«

Es rumpelte. Richard zog instinktiv seine Parabellum und stürzte um die Ecke. Da lag ein junges Mädchen auf dem Boden, die offensichtlich vom Stuhl gefallen war.

Richard steckte seine Waffe weg.

»Wer sind Sie?«

Mistelski: »Das ist die Anna, Anna Belger, ein Stubenmädchen.«

Anna, spindeldürr und wie aus Papier, erhob sich und rückte den Stuhl wieder zurecht. Dass so jemand Leichtes überhaupt vom Stuhl fallen konnte? Dann strich sie sich die Haare und das blaue Arbeitskleid zurecht: »Wenn Sie uns verpfeifen, fliege ich.«

Mistelski: »Und wir auch!«

Richard: »Warum?«

»Kein Damenbesuch.«

»Wir schweigen wie ein Grab«, ließ Cläre eine ihrer Plattitüden fallen und lächelte die Jungs an. Krupp lächelte zurück, was etwas Animalisches hatte. »Und wie gesagt, von uns haben sie den Runge nicht.«

»Warum?« Diesmal kam die Frage von Cläre.

»Der Ott, der Hoteldirektor, hat uns vorgelesen, wie es gewesen ist, und wir mussten alle unterschreiben!«

»Was hat er vorgelesen?«

»Na, das, was der Grabowsky, der Propagandaoffizier der Division, an die Presse gegeben hat, mit dem Fluchtversuch von Liebknecht und dass die Luxemburg von ’ner Menge entführt worden ist.«

»Und Sie glauben das nicht?«

Krupp lächelte milde. Mistelski meldete sich zurück: »Wir müssen’s glauben! Die Korona da unten kennt keinen Spaß.« Und schon ließ er sein Messer zuschnappen und steckte es ein.

»Korona?«

»Das können Sie sich doch denken, die Uniformierten im kleinen Saal sind schnell bei der Hand.«

»Mit was?«

»Mit einer ›Begrüßung‹ im Tiergarten zum Beispiel, Anna erzähl’s!«

Anna band sich die weiße Rüschenschürze um.

»Ich hab’ gleich Dienst.«

Mistelski: »Erzähl Mädchen, die zwei verpfeifen dich schon nicht.«

Anna: »Hamm Sie ’ne Zigarette?«

Cläre hatte eine und gab ihr Feuer. Anna setzte sich auf den Stuhl, zog den Rauch ein.

»Ich hab’ zwei Offiziere gehört, die haben gesagt, sie wollten Liebknecht im Tiergarten ›begrüßen‹.«

Krupp: »So war’s dann ja auch.« Max Krupp machte mit der Hand eine Pistole nach und die Geräusche dazu. »Aber, Sie müssen uns versprechen …«

Richard: »Ja, wir waren gar nicht hier.«

Wenn die zwei Kerle schon Angst hatten, dachte sich Richard, und Cläre auch …

»Wo finden wir denn diesen Runge?«

»Unten im Café, das ist ihr Wachlokal. Der wurde heut’ morgen reichlich mit Zigaretten und Wein versorgt.«

Richard: »Was, jetzt?«

Krupp: »Ja, zur Feier des Tages.«

Richard: »Danke.«

Richard hatte Blut geleckt. Er stürzte zur steilen Treppe und danach zum Aufzug, so dass Cläre, die dem schwarzhaarigen Krupp noch ihre Diensttelefonnummer hinterließ, fast nicht nachkam. Er solle anrufen, wenn er noch mehr wisse. »Nur dann?« fragte Krupp mit frechem Blick und blauen Augen.

Klaus Gietinger, ­Jahrgang 1955, ist Filmregisseur, Schriftsteller, Historiker und Soziologe. Er schrieb zuletzt an dieser Stelle in der Ausgabe vom 1./2. Juni 2019 über den »Highway to Hell«. Am 22. Februar stellt Klaus Gietinger seinen neuen Roman »Tote auf Urlaub« in Berlin ab 18 Uhr im Dragoner-Areal, »Kiezraum«, Mehringdamm 20, persönlich vor

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