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Gegründet 1947 Montag, 24. Januar 2022, Nr. 19
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Aus: Ausgabe vom 10.01.2022, Seite 1 / Titel
Linker Jahresauftakt

Kraftvoll gegen Kriege

Luxemburg-Liebknecht-Ehrung in Berlin: 7.000 Menschen ziehen in LL-Demo zur Gedenkstätte Friedrichsfelde
Von Annuschka Eckhardt
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Die LL-Demonstration auf dem Weg zur Gedenkstätte Friedrichsfelde

Der Himmel ist grau, die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt, die Erinnerung an die Polizeirepression im vergangenen Jahr ist noch frisch – trotz alledem ehrten am Sonntag laut Veranstalterangaben mehr als 7.000 Menschen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin, etwa doppelt so viele wie im letzten Jahr. Die Demonstration startete um 10 Uhr am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain und führte bis zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Ein Block singt die »Internationale«, andere stimmen ein. Zwischen den meist roten Fahnen stechen die blauen Fahnen der FDJ heraus. Im vergangenen Jahr war es auf der LL-Demo zu Gewaltexzessen der Polizei gekommen, die mehrere Demonstrationsteilnehmer unter der fadenscheinigen Begründung, FDJ-Symbolik sei verboten, verprügelt und festgenommen hatte.

Sozialisten und Kommunisten aus türkischen und kurdischen Bewegungen stellten am Sonntag den größten Teil der Demonstrierenden. »Ausbeutung und Unterdrückung haben ein so großes Ausmaß angenommen, dass die Menschen nach Antworten suchen«, sagte Zilan D., eine junge Demonstrantin, gegenüber junge Welt. Der Individualismus sei keine Lösung – »er wird uns vom Kapitalismus aufgezwungen«, erklärte sie. Die kämpferische und revolutionäre LL-Demonstration sei für sie ein toller Start ins »Kampfjahr 2022«.

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Die Demonstration wurde anders als im vergangenen Jahr nicht von der Polizei angegriffen

»Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie«, schrieb Rosa Luxemburg 1916 in »Die Krise der Sozialdemokratie«. Vor 103 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht für ihren Kampf gegen Krieg und Kapitalismus von rechten Freikorpssoldaten ermordet. Sie hatten auch 1914 für Frieden gekämpft, als die SPD für die Kriegskredite stimmte.

»Der Weltfrieden ist momentan so gefährdet wie seit der Kuba-Krise nicht mehr«, sagte Ellen Brombacher vom Bündnis zur Vorbereitung der Demonstration im Rahmen der Luxemburg-Liebknecht-Ehrung am Sonntag vor dem Start im jW-Gespräch. »Rosa und Karl stehen exemplarisch für Antimilitarismus. Wenn wir ihrer gedenken, kämpfen wir gleichzeitig für unsere Zukunft«, so Brombacher.

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Nelken, Rosen und Kränze für Rosa und Karl an der Gedenkstätte der Sozialisten

Nach etwa einer Stunde erreichte der Demonstrationszug den Zentralfriedhof Friedrichsfelde, die Polizei hielt sich diesmal zurück. Bratwurstgeruch zieht den Demonstranten in die Nasen, die ausnahmslos von Coronaschutzmasken bedeckt sind. Verschiedene Organisationen haben Infostände aufgebaut. Aus Lautsprechern erklingt klassische Musik, während die Genossinnen und Genossen andächtig zu den Gräbern gehen. Vor dem Gedenkstein, in den »Die Toten mahnen uns« eingraviert ist, liegen Hunderte rote Nelken, Rosen und einige Kränze.

»Der Gang über den Friedhof war sehr bewegend«, sagte Andrea Hornung, Bundesvorsitzende der SDAJ, am Sonntag gegenüber jW. »Rosa und Karl sind heute noch Vorbilder für uns. Sie haben immer deutlich gemacht, dass Krieg und Kapitalismus untrennbar miteinander verbunden sind.« Um der Kriegshetze gegen Russland und China zu trotzen, müsse sich die Jugend gegen Krise, Krieg und Kapitalismus stellen, so wie die beiden es getan hätten.

»Nach den großen Problemen im vergangenen Jahr sind wir sehr froh, dass die Demonstration in diesem Jahr ohne jegliche Zwischenfälle verlief«, erklärte Ellen Brombacher am Sonntag nachmittag. »Mehr als doppelt so viele Teilnehmer wie letztes Jahr sind ein gutes Signal.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred Guerth aus Hamburg Altona (15. Januar 2022 um 21:02 Uhr)
    Nach Meinung der MLPD sind alle Gruppen und Organisationen, die sich nicht auf der politischen und ideologischen Linie der MLPD befinden, keine echten Sozialisten. LLL-Demo 2022: »Die MLPD-Frau Anna Vöhringer kritisierte autonome Jugendgruppen, die martialisch bei LLL auftreten und vom bewaffneten Kampf reden, aber vor der geduldigen Überzeugungsarbeit für den Sozialismus unter der Masse der Jugend zurückweichen.« Woher weiß die MLPD-Frau, dass die autonomen Gruppen keine Überzeugungsarbeit leisten? Sie weiß es nicht, sie ist keine Kommunistin. Ein Kommunist würde niemals in der Öffentlichkeit revolutionäre Organisationen kritisieren. Kommunisten würden an erster Stelle das Gemeinsame, das Verbindende hervorheben – auch bei Ländern wie z. B. Nordkorea. Um die Frage zu beantworten, genügt ein Blick auf das Abzeichen der MLPD, welches Hammer, Sichel und ein Buch abbildet. Kein Mensch produziert heute mit Hammer und Sichel. Heute gibt es KI-gesteuerte Robotanlagen und Agrarindustrie. Das abgebildete Buch symbolisiert Buchwissen. Jeder MLPDler definiert sich über das Buchwissen als Kommunist. Lenin hat am 2. Oktober 1920 eine Rede über die Aufgabe der Jugendverbände gehalten. Zitat: »Es ist ganz natürlich, dass man beim ersten Blick auf den Gedanken kommt, den Kommunismus studieren – das heiße, sich jene Summe von Kenntnissen anzueignen, die in den kommunistischen Lehrbüchern, Broschüren und Werken dargelegt sind. Aber das Studium des Kommunismus so zu definieren, wäre allzu grob und ungenügend. Bestünde das Studium des Kommunismus nur darin, sich das anzueignen, was in den kommunistischen Werken, Büchern und Broschüren dargelegt ist, so könnten wir allzu leicht kommunistische Schriftgelehrte oder Prahlhänse erhalten ... Eines der größten Übel, eine der größten Plagen, die uns die alte, kapitalistische Gesellschaft hinterlassen hat, ist die tiefe Kluft zwischen Buch und praktischem Leben ...« Die Praxis ist immer noch das Kriterium der Wahrheit! Manni Guerth
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (14. Januar 2022 um 16:25 Uhr)
    Was wir im 21. Jahrhundert brauchen, ist die sozialökologische Gesellschaftsformation – der Sozialismus im 21. Jahrhundert. Wir Humanisten brauchen eine sozialökologische Gesellschaftsformation: sozialökologischen Sozialismus. Wir müssten dafür schon den Kapitalismus beseitigen, um die Existenz von Mensch und Tier, Umwelt und Natur zukunftsfähig und gleichberechtigt zu gestalten und zu sichern. Wir brauchen eine sozialökologische Kreislaufwirtschaft: ökologischen Sozialismus, weltweit. Sozialismus auf der Grundlage des Gemeineigentums an gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln. Gemeineigentum an Grund und Boden, Luft und Wasser, Rohstoffen und Bodenschätzen, Tier- und Pflanzenwelt. Dafür müssten alle heutigen Großunternehmen, Konzerne und Aktiengesellschaften unter demokratische Kontrolle durch die demokratische Gesellschaft gestellt werden, sowohl regional, national als auch international, weltweit. Dazu gehört auch die entschädigungslose Enteignung persönlich leistungsloser Erbschaften und Kapitalvermögen, von Dividendenmillionären, Multimillionären und Milliardären. Ebenso deren gleichberechtigte soziale und berufliche Eingliederung in die Gesellschaft und in die sozialökologische Wertschöpfung. Eine qualitativ hochwertige sozialökologische Kreislaufwirtschaft auf der Grundlage des Gemeineigentums an gesellschaftlichen Produktionsmittel. PS: In der sozialrevolutionären Umwälzung und Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, in der Transformation und im Übergangsprozess – zugleich ein nachhaltiges Ende der kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaftsformation und ein Ende der tiefenpsychologischen, kapitalistisch-imperialistischen Entfremdung zwischen den Menschen und zur Umwelt und Natur.
    Reinhold Schramm
  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (11. Januar 2022 um 11:59 Uhr)
    Die Weglassung des dritten »L«, das für Lenin steht, wie traditionell internationalistisch bei den Demonstrationen in der DDR gepflegt, entspricht nicht dem Geiste von Karl und Rosa. Lenin, der Rosa Luxemburg trotz Meinungsverschiedenheiten und Fehleinschätzungen der Revolutionärin als »Adler der Revolution« gepriesen hat, aus dem Anliegen des alljährlichen Gedenkens zu streichen, bezeichne ich als borniert und revisionistisch. Dem entspricht gewissermaßen auch die kulturlose Haltung der Redaktion, seit geraumer Zeit keine politischen Gedichte mehr in Onlineleserbriefen zu veröffentlichen. Aus aktuellem Anlass dennoch ein paar Zeilen aus dem Januar 2016: »LLL – Gedenkstätte der Sozialisten: Wenn zu Karl und Rosa hin wir schreiten,/ Muss auch Lenin mit zugegen sein,/ Denn in diesen wie zu allen Zeiten/ Bringt er sich in die Geschichte ein./– Der Oktober fordert unsre Taten,/ Dass vereint wir solidarisch stehn./ Lenins Wissen kann uns immer raten,/ Wenn im Winde Rot die Fahnen weh’n.«

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