Gegründet 1947 Sa. / So., 03. / 4. Januar 2026, Nr. 2
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.11.2025, Seite 12 / Thema
Exil und Nachkrieg

So kalt

Erzählen, um abzuschließen. In »Das Argonautenschiff« verarbeitete Anna Seghers ihre widersprüchlichen Gefühle nach ihrer Heimkehr aus dem Exil. Der Grande Dame der DDR-Literatur zum 125. Geburtstag
Von Monika Melchert
thema(19.11.).jpg
Anna Seghers spricht am »Tag des freien Buches« in Erinnerung an die Bücherverbrennung der Nazis, der auch ihre Bücher zum Opfer fielen (Berlin, 10.5.1947)

Nach 14jährigem Exil kommt Anna Seghers nach Deutschland zurück. Die Heimat erscheint ihr so fremd wie ein ferner Stern. Es wird viel Anstrengung bedürfen, um wieder heimisch zu werden und festen Boden unter den Füßen zu haben. Zunächst aber meint sie: »Ich habe das Gefühl, ich bin in die Eiszeit geraten, so kalt kommt mir alles vor. Nicht weil ich nicht mehr in den Tropen bin, sondern weil viele Sachen ganz beklemmend und ganz unwahrscheinlich frostig für mich sind, ob es um Arbeit, um Freundschaft, um politische, um menschliche Sachen geht.« Als ersten poetischen Text nach der Rückkehr schreibt sie die Novelle »Das Argonautenschiff«.

Fremd und doch von hier

Jason war über das Meer gekommen, um an seinen Ursprung zurückzukehren. Dort war er ein Fremder geworden. Man kannte ihn – und kannte ihn nicht. Seit Menschengedenken lebte er in der Ferne, gezwungen, die Heimat zu verlassen, aber stets in der Hoffnung, einmal doch heimkehren zu können. Das haben die Helden und die Dichter gemeinsam.

Als Anna Seghers zurückkehrt, stoßen zwei Empfindungen aufeinander: ihre unbändige Sehnsucht nach Deutschland – und das Vergessensein im eignen Land. Sie braucht die deutsche Sprache, um leben und schreiben zu können. Seghers trifft im Frühjahr 1947 wieder in Berlin ein. Sie kommt mit dem Schiff aus Mexiko. Kaum einer kennt sie noch in der alten Heimat. So ergeht es auch dem sagenhaften Jason in ihrer Erzählung »Das Argonautenschiff«: »Das Sonderbarste an seiner Erscheinung war: Obwohl er ihnen bestürzend fremd vorkam, hatte doch jeder bei seinem Anblick das Gefühl, schon einmal irgendwo auf ihn gestoßen zu sein, und sei es auch vor langem gewesen, vielleicht als Kind, vielleicht nur auf einen Augenblick.«

Natürlich wussten einige Leser in Deutschland noch, dass es die Schriftstellerin Anna Seghers gegeben hatte. Aber ihr Name, ihr Gesicht, ihr Werk, inzwischen in vielen Ländern bekannt, waren undeutlich geworden. Dazu ist die dazwischenliegende Zeit, die unendlich erscheinende Epoche eines zerfallenen »Tausendjährigen Reichs«, zu lang gewesen. Vielen muss es so vorkommen, als seien Generationen um Generationen hindurchgegangen, seit die kommunistischen und jüdischen Intellektuellen aus dem Land getrieben worden waren.

In ersten Briefen im Sommer 1947 aus der Stadt, in die sie zurückkehrte, schreibt Anna ­Seghers vom Empfinden, eine Fremde im eigenen Land zu sein: »Wenn ich einen Augenblick zu mir selbst komme, habe ich so ein Dornröschengefühl: ich hätte alle vergessen und alle hätten mich vergessen.« So wird die antike Sage von Jason und dem Raub des Goldenen Vlieses zum Medium der eigenen Empfindungen. Sie entsteht parallel zu ihren praktischen, alltäglichen Anstrengungen, wieder heimisch zu werden unter den Deutschen.

»Das Argonautenschiff« ist auch die Geschichte ihrer eigenen Heimkehr. Ihre Jason-Figur spiegelt eigene Erfahrungen. Wieder in Berlin, schreibt sich Anna Seghers ihre Verunsicherungen, ihre Ängste und Erinnerungen von der Seele. Wie die Leute in der Kneipe mit Erstaunen feststellen, spricht Jason »nicht nur in derselben Sprache, sondern in der Mundart der Stadt«, also genau so wie sie selber. »Der Fremde« muss wohl doch, auf zunächst verborgene Weise, einer von ihnen sein. Übrigens hat Anna Seghers bis ins hohe Alter den Tonfall ihrer rheinhessischen Heimat beibehalten.

Nicht nur einmal hat die Schriftstellerin ihre ureigensten Erfahrungen, das, was sie am stärksten aufwühlt oder begeistert, in ihrer Literatur auf männliche Figuren übertragen. Es gibt in ihrem Erzählen von Anfang an einen bestimmten Figurentypus, der, wagemutig und tatendurstig, Inkarnation der Seghersschen Weltwahrnehmung ist. Immer sind es ungewöhnliche, verwegene, besondere, manchmal absonderliche Gestalten. Dazu gehört jener geheimnisvolle Pfarrer aus einem ihrer frühesten künstlerischen Texte, der legendenhaften Erzählung »Die Toten auf der Insel Djal«; dazu gehört Hull, der die Fischer von St. Barbara zum Aufstand aufstachelt; aber auch der Woytschuk aus den »Bauern von Hruschowo«, der tapfere Koloman Wallisch aus dem Roman »Der Weg durch den Februar« oder der junge, eigenbrötlerische Räuber aus den »Schönsten Sagen vom Räuber Woynok«. Es war die Freundin Christa Wolf, die einst, über diese Männerfiguren bei Anna Seghers nachdenkend, schrieb: »Ihre älteste irdische Verkörperung aber scheint der sagenhafte Jason aus dem ›Argonautenschiff‹ zu sein: Gelassen, kühn, frei sind sie, ungerührt durch die Schicksale, die sie heraufbeschwören. Unbeschwert von irdischen Bindungen. Kühl. Nüchtern. Allein. Zum Abenteuer bereit. Gebrannt von der Gier nach Leben: ein Grundtyp, den die Seghers aus archaischen Zeitaltern in die Industriegesellschaft unseres Jahrhunderts herüberholt und der sich in dieser ihm merkwürdig fremden Umwelt auf diejenige Seite schlägt, die ihm Möglichkeit zu leben verspricht.« Dieses Bild, gebrannt von der Gier nach Leben, scheint mir etwas ganz Charakteristisches zu treffen. Wie in der Schlusssequenz der Erzählung ersichtlich wird, ist es die Gier nach Leben, die Jason dem Tod ins Auge sehen lässt.

Das Meer ist für Jason – ebenso wie für Anna Seghers – das Sinnbild der großen Möglichkeiten im Leben: der Rettung nach Übersee und der endlichen Heimkehr bzw. der Chance, mit dem bestandenen Abenteuer sich den ihm zustehenden Platz im Leben zu erobern, Dauer und Beständigkeit. Denn auch Jason ist ein Vertriebener, wie es die Sage überliefert: Sein Onkel hatte den eigenen Bruder vom Thron gestoßen und ermordet, er hat seinem Neffen das Erbe streitig gemacht und ihm damit das Heimatrecht genommen. Dann hat er ihn in die Fremde geschickt.

Rettende Wasser

So war auch Anna Seghers vertrieben worden. Für die Schriftstellerin ist die Flucht aus dem von den Deutschen besetzten Frankreich nach Übersee längst nicht die erste Begegnung mit dem Meer. Das Mädchen Netty war mit seinen Eltern bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ans Meer gereist. Und schon bei der ganz jungen Erzählerin spielt das Meer eine Hauptrolle in ihrer Prosa. Das Meer als Inbegriff der Freiheit, der unstillbaren, nicht zu zügelnden Sehnsucht nach Weite und Größe, nach dem Unbegrenzten. Auch Georg Heisler, die Hauptfigur aus ihrem großen Roman »Das siebte Kreuz«, entkommt seinen Verfolgern am Ende auf einem Schiff, das den Rhein abwärts zum Meer fährt, dort erst wird er wirklich in Sicherheit sein. Er ist auf der Flucht vor derselben Macht, die auch die Schriftstellerin Anna Seghers verfolgt.

Jason im »Argonautenschiff« durchläuft in mehreren Stationen den Zeitraum einer Nacht und eines Tages, die Erzählung beginnt abends bzw. nachts in einer Schenke und endet mit dem nächsten Sonnenuntergang. Er ist, wie könnte es anders sein, mit dem Schiff gekommen, im Hafen gelandet, und nun will er seine alte Stadt wiedersehen. »Die Stadt war zwar zusammengeschossen. Man hat aber doch in den Trümmern irgendwo etwas trinken müssen.« So ist es überall und nach jedem Krieg: Die Menschen leben in den Ruinen, und das Erste, was man wieder einrichtet, sind die Schenken, die Kneipen, die Orte, an denen man zusammenkommen, etwas essen und trinken, vor allem aber beieinander sein kann – das Leben muss trotz allem weitergehen.

Jasons erster Ort, den er in der zerschossenen Stadt betritt, ist das Gasthaus. Ganz ähnlich wird es bei Anna Seghers: Ihr erstes Unterkommen findet sie in einem Flügel des zerstörten Hotels »Adlon«, das, einst weit bekannt in der Welt, ein Sinnbild des glanzvollen Berlins darstellte. Nun liegt es in Trümmern, und nur ein unversehrter Gebäudeteil erinnert an frühere Zeiten – einem Haus nur vage noch ähnlich, eher eine Höhle wie die Jasons: »Die Kneipe lag wie eine Höhle in einer der vielen Gassen, die sich um die Berge herum bis zum Meer schlängelten. Sie war auch wie eine Höhle mit Waffen und goldenem Gefunkel ausgefüllt.«

Jason und die Dichterin – beide sind sie eingehüllt in die Aura des Außergewöhnlichen, Glänzenden, in die Aura des Ruhms. Jason trägt das Goldene Vlies, dessen Schimmer man schon von weitem wahrnehmen kann. Von ihm geht das Sagenhafte aus, »wie es das Volk seit langem in Märchen und Liedern erzählte«. Es ist ein Strahlen, das auch Neid hervorrufen kann. Dieses Vlies macht ihn unverwundbar, unverletzbar, es schützt vor den Unbilden der Zeit und des Bösen. Er trägt das Vlies auf den Schultern wie eine zweite Haut. Es ist wie eine glänzende Uniform, die ihn aus der Masse der Menschen heraushebt: Er ist der Andere, der Besondere. Sie, Anna Seghers, kehrt mit dem Nimbus der Bestsellerautorin zurück. Der Ruf des Romans »Das siebte Kreuz«, inzwischen in mehreren Ländern und Sprachen verbreitet, eilt ihr voraus. Ein Welterfolg, wie er nur wenigen glückt, errungen 1942 in den USA, dem Land hinter dem Meer.

Jason, der Seefahrer, war in seiner Jugend aufgebrochen, nicht ganz freiwillig, das Abenteuer im fremden Land auf sich nehmend, die Suche nach dem Goldenen Vlies. Inzwischen hat er so viel erlebt, immer wieder, immer von neuem, dass er abstumpft. Seitdem das Vlies in seinem Besitz ist, altert er nicht mehr, ist dem normalen Lauf des menschlichen Lebens nicht mehr unterworfen. Es scheint ihm, als habe er alles, was ihm begegnet, schon tausendfach erlebt. Eine Wiederholung des immer Gleichen. Nun lebt er nur noch darin, was er in anderen Menschen bewirkt. So trifft er, in drei Begegnungen sonderbarer Art, das junge Mädchen, den sehnsuchtsvollen Knaben, die junge, unglückliche Mutter. In dem hübschen Mädchen erweckt er das Liebesbegehren. Den Knaben ermutigt er, aus seiner wohlhabenden Familie mit dem missgünstigen Onkel fortzulaufen und zur See zu fahren. Die junge Ehefrau motiviert er, ihren bösen, ungeliebten Mann zu verlassen und mit ihrem Kind ein neues Leben anzufangen. Sie alle lassen ihn im Grunde kalt. Aber dadurch, dass er sie in ihr Schicksal stößt, handelt er doch wenigstens. Er bewirkt etwas in ihnen oder für sie. Er ist in der Geschichte dazu da, diese Menschen den ihnen vorbestimmten, eigenen Weg erkennen zu lassen. Er selber weist das Alltägliche, Banale und Flüchtige von sich – was er sucht, ist indessen die wirkliche, körperliche Ankunft in der wiedergefundenen Heimat. Bisher geht er durch alles hindurch, unbeeindruckt und unbetroffen, ohne dass irgend etwas ihn zu berühren vermag.

Neu beginnen

Um endgültig und wahrhaftig in der Heimat anzukommen, muss Jason seine glänzende Aura, sein Goldenes Vlies, ablegen. Er muss mit dem Körper die Heimaterde berühren, sie ganz spüren mit nackter Haut – so will auch die Dichterin den Ruhm wieder abtun, um sich ganz einzulassen auf das Neue, das Notwendige, das Einfache des Nachkriegslebens: Sie schreibt Prosaskizzen, etwa »Passagiere der Luftbrücke«, die »Friedensgeschichten« und andere kleinere Texte von aktuellem Gebrauchswert. Sie fängt wieder von vorn an.

Am Schluss der Erzählung, als Jasons Gang durch den Tag sich seinem Ende nähert, überfällt ihn die Erinnerung an Weitzurückliegendes – so wie es immer ist, wenn ein Leben zu Ende geht. Im Angesicht des Todes, so überliefert die Menschheitsgeschichte seit je, überkommt den fühlenden Menschen die Erinnerung an Kindheit und Jugend, an die Geborgenheit bei der Mutter. In diesem Moment erinnert er sich dieser einen: »Meine Mutter, so dachte er, hat damals geweint. Sie hat darauf gedrungen, mit mir zum Orakel zu fahren.« Die Mutter, wie alle Mütter, hat Angst um ihren Sohn, sie will ihn nicht verlieren, nicht kampflos aufgeben. Und während sich Jason dieser Erinnerung überlässt, wird sein Gesicht – alterslos und ohne Regungen bisher – plötzlich wieder jung, so menschlich wie nur in seiner echten Jugend, ohne die Verkrustungen der zahllosen Jahre dazwischen. Vorher, noch bei der Begegnung mit dem jungen Mädchen, das ihn zu lieben bereit ist, bleibt er kalt, wie erloschen, gelangweilt geradezu von der so häufigen Wiederkehr des Erlebten. Alles das ist für ihn ein Déjà-vu. Erst als er sich die Erinnerung an die Mutter gestattet, wird er wieder einem Menschen ähnlich. Dann erst ist er bereit, seinem Schiff, der Argo, wirklich zu begegnen. Um das zu können, muss er sich nämlich auch der Frau erinnern, mit der und um deretwillen er all die Abenteuer seines früheren Lebens bestanden hatte: Medea. »Sie glich einer schwarzen Blume, sie glich nichts, was er jemals gesehen hatte, sie glich nichts, worauf er jemals in Träumen verfallen war.«

Der weitere Verlauf der Handlung, in der antiken Sage überliefert, das Leben Jasons mit Medea und ihren Kindern, wird bei Anna Seghers weitgehend ausgespart. Im »Argonautenschiff« sieht man eher einen Jason, der der Frau überdrüssig geworden war, der sie los sein wollte. Dankbarkeit Medea gegenüber liegt ihm fern, und auch die Mutter hatte er in dieser unendlich langen Zeit fast vergessen. Nun aber, unter seinem Schiff Argo liegend, mit Haut und Haar der Heimaterde verbunden, wird ihm mit einem Schlage bewusst, was er so lange verdrängt hatte: »So viele Opfer, wie ihm diese beiden Frauen gebracht hatten, waren unwiederholbar, unwiederbringlich. Das übrige ließ sich aufholen, das hatte er längst verstanden.« In diesem Moment kommt auch Jason an den Punkt, dass er begreift, welche ungeheure Leistung an Beistand und Liebe die Frauen den Männern im Leben darbringen.

Das ist natürlich die Erfahrung der Autorin aus der Zeit des Exils. In ihrem Essay »Frauen und Kinder in der Emigration«, entstanden 1938 in Paris, betont sie, wie stark es gerade die Frauen waren, die in den unruhevollen Zeiten des Unbehaustseins, der Flucht und des Ankommens in fremden Ländern, ihren Männern und Kindern das Überleben möglich gemacht haben. Ohne ihre praktische weibliche Vernunft, ihren Mut und ihre alltägliche Kraft, nicht aufzugeben, jeden Tag wieder dafür zu sorgen, dass das Leben weitergeht, hätten viele der aus der Heimat Verjagten den Lebensmut verloren. Vielfach waren es die Männer, so hat es auch Anna Seghers erlebt, die, wenn ihnen der Boden unter den Füßen wegzubrechen drohte, die Hoffnung verloren und aufgegeben haben, ja sich gar das Leben genommen haben. In Frauen aber, zumal wenn sie für Kinder zu sorgen haben, erwacht gerade in solchen Gefahrensituationen das untrügliche Gefühl, jetzt komme es besonders auf sie an, auf ihr Organisationstalent, den Ihren etwas zu essen, einen Platz zum Schlafen zu besorgen, ihnen mit einfachen und doch so notwendigen Dingen die Zuversicht zu erhalten, die zum Weiterleben unerlässlich ist. Und so haben in den Fluchtjahren immer wieder Frauen ihren Männern den Rücken gestärkt, ihnen Halt und Geborgenheit vermittelt; ihnen, wenn sie am Verzagen waren, Wärme und Verlässlichkeit gegeben, haben sie – in einem ganz bildlichen Sinne – durch das Exil getragen. Im Essay heißt es: »Wirtschaftlich oder politisch – sobald die Last untragbar, sobald das Leben unlebbar, sobald der Entschluss unweigerlich ist, tritt die Frau ganz auf den Plan. Dieser Entschluss erweckt ihr ganzes Wesen, Teile ihres Wesens, die ein gewöhnliches, alltägliches Leben wahrscheinlich nie gezeigt hätte.« Sie bezeugt die erstaunliche Fähigkeit dieser Frauen, »furchtbare ungewöhnliche Augenblicke in das gewöhnliche Leben hineinzuzwingen«. Ein Stück davon schwingt auch in der Erinnerung des Jason an Medea mit. Denn auch für Jason waren die Jahre in der Fremde eine Art Exil.

Überwinden im Erzählen

Anna Seghers hat, noch in Mexiko, eine ihrer schönsten Erzählungen geschrieben, »Der Ausflug der toten Mädchen« (1943/44), die einzige wirklich autobiographische Geschichte. Darin erzählt sie vom eigenen Leben, von ihrem Heimweh, ihren Verletzungen, vor allem aber vom Verlust der Mutter. Hedwig Reiling, so erfuhr die Tochter in Mexiko, wurde 1942 von Mainz in ein deutsches KZ nach Polen deportiert und dort umgebracht. Dieser furchtbaren Nachricht vorausgegangen war ein ebenso schlimmes Ereignis, der fast tödliche Verkehrsunfall der Seghers. Beides, in der Wucht der gemeinsamen Wirkkraft, löst einen Schock in ihr aus. Es bildet eine so tiefe Zäsur, dass die Schriftstellerin sich dem nur schreibend entgegenstemmen kann. Um sich der verlorenen Heimat und der verlorenen Mutter trotz alledem zu versichern, muss sie darüber sprechen. »Denn abgeschlossen ist, was erzählt wird«, heißt es in ihrem Exilroman »Transit«. »Erst dann hat er diese Wüste für immer durchquert, wenn er seine Fahrt erzählt hat.« Das gilt für den Fremdenlegionär in »Transit« wie für die Autorin selbst. Solange es nicht aufgeschrieben ist, wirkt es als Unruhe latent im Inneren fort. Überwinden im Erzählen, das ist die einzige Art, wie sich die Schriftstellerin befreien kann vom unerträglichen Druck des Leids.

Für Anna Seghers wie für ihre Figur des Jason ist es ein Augenblick der Todesbegegnung. Sie selbst hatte gerade »Wochen schwerer Krankheit« hinter sich, und die Verletzungen durch den Autounfall hatten ihr das Gedächtnis geraubt, hatten alles gelöscht, was ihre Individualität ausmachte. Bei Jason ist es der Moment der nahen Todesgefahr: Er liegt unter dem Schiffswrack der Argo, die in den Seilen am Baum ächzt und stöhnt, immer heftiger zieht der Sturm auf. Es hängt nur noch lose mit Stricken an dem Baum, der es so viele Jahre lang gehalten hat. Jason weiß, alles kann jederzeit über ihm zusammenstürzen. Eine existentielle Situation, wie sie die Remigranten, aus Nazideutschland gewaltsam vertrieben, alle empfunden haben müssen: Ist der Faschismus wirklich geschlagen? Kann man einfach so zurückkehren und dort weitermachen, wo man 1933 gezwungen wurde, abzubrechen und zu fliehen? Wird nicht alles über ihnen zusammenbrechen?

Der »Ausflug der toten Mädchen«, jener Schulausflug mit dem Dampfer auf dem Rhein, gibt der Schriftstellerin die Möglichkeit, die Mutter in der Erinnerung festzuhalten, ihr zu danken für diese Kindheit der Fürsorge, der Liebe – einen Dank zu entrichten, den sie so von Herzen in der Wirklichkeit, als noch Zeit gewesen wäre, vielleicht nie ausgesprochen hat. Aber die Mutter ist nicht mehr erreichbar – nicht in der Wirklichkeit und nicht in der erzählten Situation: Das Mädchen, das vom Dampferausflug heimkommt, den Weg zum Elternhaus geht und die Mutter oben auf der Veranda schon auf sie warten sieht, steigt das Treppenhaus hinan, freut sich auf das Abendessen, das die Mutter bereitet – und schafft es nicht mehr, die letzte Treppe zu nehmen, den letzten Abstand zur Mutter zu überwinden. »Man klapperte schon mit den Tellern zum Abendessen. Ich hörte hinter sämtlichen Türen das Klatschen von Händen auf Teig in vertrautem Rhythmus, dass man auf dies Art Pfannkuchen buk, befremdete mich«, denkt die Ich-Erzählerin noch. Doch da versagen ihre Kräfte. »Ich wollte mich umsehen, doch blendete mich zuerst das überaus starke Licht aus den Hoffenstern. Die Stufen waren verschwommen von Dunst, das Treppenhaus weitete sich überall in einer unbezwingbaren Tiefe wie ein Abgrund.« Es ist, als sei sie gelähmt – das letzte Stück des Weges ist nicht mehr zu bewältigen. »Ich dachte noch schwach: Wie schade, ich hätte mich gar zu gern von der Mutter umarmen lassen.« Hier ist der Bezug der Erzählung zur unbarmherzigen Realität nur allzu deutlich: Das Visum für Mexiko, mit dem Anna Seghers versucht hatte, die Mutter noch rechtzeitig aus Deutschland herauszuholen, ist nicht mehr angekommen. Dieser Umstand bleibt ein Trauma für die Tochter, versagt zu haben bei ihrer Rettung. Über diesen Abgrund von unbezwingbarer Tiefe wird sie nie mehr gelangen können. Sie weiß es jetzt: Die Mutter wurde von den Nazis in ein KZ verschleppt und ermordet. »Wenn ich zu müd bin, hinaufzusteigen, wo nehme ich da die Kräfte her …« – weiterzuleben, könnte es heißen. In einem Gedicht von Pablo Neruda über die Exilanten heißt es: »Es gibt Schmerzen von toter Heimat / die aus der Tiefe steigen, / von den Füßen und den Wurzeln, / und plötzlich erstickt der Mensch«. Neruda, der wie Anna Seghers das Exilschicksal am eigenen Leibe erfuhr, das Umhergetriebenwerden und die Gefahr der Entwurzelung, kann in seinen Versen ihrer aller Erfahrung bannen.

Ganz naheliegend

Doch nun ist die Ich-Erzählerin in die Gegenwart in einem mexikanischen Dorf zurückgekehrt, in dem sie sich zur Erholung von den Strapazen des Unfalls aufhält. Sie selbst hat zwar überlebt – den Unfall ebenso wie den Holocaust –, doch die Mutter wird sie nicht mehr wiederfinden. Noch ganz am Ende ihres Lebens ist dieser brennende Wunsch in ihr virulent, nach Hause zurückzukehren, zur Mutter, zu den Eltern. Pierre Radványi schreibt in seinem Buch »Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers«: »Als ich sie verließ, um nach Paris zurückzukehren, sagte sie zu mir: ›Nimm mich mit!‹ Damit meinte sie wohl, daß ich sie heim zu ihren Eltern bringen sollte.« Der Sohn spürt, dass ihr da nur noch wenige Kräfte blieben …

Dass Anna Seghers in der unmittelbaren Nachkriegszeit als erstes einen scheinbar entlegenen Stoff wie die Sage von den Argonauten künstlerisch gestaltet, stieß auch auf Unverständnis. Die junge Journalistin und Lyrikerin Susanne Kerckhoff fragte in einem Interview für die Berliner Zeitung im Januar 1949, was sie dazu meine, dass man ihr kürzlich vorgeworfen habe, sie würde »im ›Niemandsland‹ arbeiten, weil Sie nicht alle Tagesfragen sofort in Dichtung« umsetze, oder: »Sind Sie der Ansicht, dass man Schriftstellern das Wort zum Tage abverlangen kann?« Darauf erwidert Anna Seghers souverän, wirklich gute Geschichten, mögen ihre Themen noch so entfernt erscheinen, sind in Wirklichkeit ganz naheliegend. So insistiert sie auf ihrem schriftstellerischen Credo, das zu schreiben, was ihr selbst wichtig ist und damit auch »mit allen Menschen zusammenhängt«.

Monika Melchert ist Literaturwissenschaftlerin. Sie leitete lange Zeit das Anna-Seghers Museum in Berlin-Adlershof.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Max K. aus Steinheim an der Murr (19. November 2025 um 19:47 Uhr)
    Eine wunderbar geschriebene Einladung, in diesem kälter werdenden Land (wieder) Anna Seghers zu lesen!

Ähnliche:

  • Anna Seghers (19.11.1900–1.6.1983)
    22.10.2025

    Auf der Suche nach Heimat

    Eine Veranstaltung im Club Voltaire in Frankfurt am Main widmete sich Leben und Werk der Schriftstellerin Anna Seghers anlässlich ihres 125. Geburtstags
  • Die Kinderbuchautorin Ruth Rewald (1906–1942), Aufnahme von 1934
    14.12.2024

    Eine Frau verschwindet

    Vor 90 Jahren erschien das Kinderbuch »Janko, der Junge aus Mexiko« der in Auschwitz ermordeten Autorin Ruth Rewald
  • Eine Meisterin der Kurzgeschichte: Lucia Berlins Heldinnen halte...
    12.11.2024

    Humor als Heldentat

    Nach Lucia Berlins Ableben erfuhren ihre Kurzgeschichten viel Lob, noch immer aber fehlt eine Biographie. Zum 20. Todestag der US-amerikanischen Schriftstellerin