junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Sa. / So., 04. / 5. April 2026, Nr. 79
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 4 / Inland
Anschlag auf Nord-Stream-Pipeline

Nord-Stream-Sage wird weitergesponnen

Spiegel behauptet: CIA wusste von Anschlagsplänen und versuchte Kiew, davon abzuhalten
Von Philip Tassev
2023-03-14T152927Z_827795543_RC2OTZ9TYGNH_RTRMADP_3_UKRAINE-CRIS
Das angebliche Tatfahrzeug: Die Segeljacht »Andromeda« im Trockendock auf Rügen (Dranske, 14.3.2023)

Die Legendenbildung im Fall Nord Stream scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Am Donnerstag berichtete der Spiegel: »CIA soll früh in Pläne der Nord-Stream-Angreifer eingeweiht gewesen sein«. Demnach hätten »Eingeweihte«, die der Redaktion des Magazins »seit Jahren« bekannt seien, bestätigt, dass ukrainische »Spezialisten für Sabotageaktionen« im Frühjahr 2022 dem US-Geheimdienst die Sprengung der Pipelines in der Ostsee vorgeschlagen haben sollen. Den Leuten von der CIA soll der Plan »gefallen« haben. Bei einem zweiten Treffen in Kiew habe es dann von den US-Agenten das Okay für die Aktion gegeben. In der Folge soll es zu weiteren Treffen zwischen den Ukrainern und den US-Amerikanern gekommen sein, bei denen den ukrainischen Sabotagespezialisten immer wieder gesagt worden sein soll: »Das ist gut so, das passt.« Dabei seien die Ukrainer auch davon ausgegangen, dass die CIA die Finanzierung der Operation übernehmen werde.

Dann jedoch sei Langley plötzlich im Frühsommer 2022 zurückgerudert. Warum die US-Seite von der Aktion Abstand nahm und die Ukrainer angeblich von der Durchführung abhalten wollten, kann der Spiegel jedoch nicht beantworten. Die Interessenlage sei in Washington auf einmal eine andere gewesen. Die US-Regierung war bemüht, Unterstützung für Kiew zu organisieren. »Warum sollten die USA da einen Anschlag auf die Infrastruktur eines Verbündeten gutheißen?«, fragt das Magazin naiv. Vielleicht, weil die guten Handelsbeziehungen zwischen der BRD und Russland den US-Strategen schon lange ein Dorn im Auge waren? Vielleicht, weil es stets zur US-Geostrategie gehörte, eine Annäherung Berlins an Moskau mit allen Kräften zu verhindern? Vielleicht, weil das US-Monopolkapital in der BRD eine Konkurrenz sieht und sich an den günstigen Öl- und Gaslieferungen aus Russland störte, die bekanntlich die Grundlage der deutschen »Exportwalze« bildeten?

Fragen wie diesen geht das Magazin leider nicht nach, behauptet gar, die US-Regierung habe versucht, die Attacke zu verhindern – ohne Erfolg: »Das Sabotageteam machte auch ohne den Segen der USA weiter«. Ein ukrainischer »Privatmann« habe dann die Kosten für Ausrüstung, Bootsmiete und Sprengstoff übernommen.

Zwar erwähnt der Spiegel die Drohung des damaligen US-Präsidenten Joe Biden vom 7. Februar 2022, gut zwei Wochen vor dem russischen Großangriff: »Wenn Russland einmarschiert, das heißt, wenn Panzer oder Truppen erneut die Grenze zur Ukraine überschreiten, dann wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen«. Dass diesen Worten Taten folgten, kann sich das Magazin offenbar nicht vorstellen. Schließlich ist es der Spiegel selbst gewesen, der maßgeblich an der Verbreitung der Story beteiligt war, wonach ein ukrainisches Kommando von Rostock aus mit einer Yacht zum 300 Kilometer entfernten Tatort gesegelt sei, um dort in 80 Meter Tiefe Sprengsätze an den Gasröhren anzubringen. Eine Tat, für die nach Ansicht von Tauchexperten sehr viel mehr Ausrüstung nötig gewesen sein muss, als auf eine 15 Meter lange »abgewetzte Charteryacht« passt.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Margitta Mattner (23. Februar 2026 um 13:26 Uhr)
    Danke, Philip Tassev für diesen Artikel, der einige der neuesten Darstellungen dieses Sprengungsvorgangs hinterfragt. Was mich betrifft, so bin ich sauer, regelrecht wütend, dass mich die Herrschenden für so kreuzdämlich halten und es wagen, mir immer weitere hanebüchene Geschichten aufzutischen, um »Gottes eigenes Land« vor jedem Verdacht der Schuld an der Sprengung zu bewahren! Ich weiß auch, es kümmert niemanden, ob die Mattnern sauer ist oder nicht; das hat sie umsonst, und sie spricht hier auch nur für sich selbst. Wenn viele das glauben, was man ihnen da einreden will, ihre Köpfe nicht zum Selberdenken nutzen, dann ist es eben so. Aber vielleicht gibt es noch Hoffnung, vielleicht finden sich doch einige Menschen im Lande, die genauso wütend darüber sind, derart für dumm verkauft zu werden.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (20. Februar 2026 um 15:43 Uhr)
    An der Nord-Stream-Legende wird weitergebastelt. Legenden der Geheimdienste sind für gewöhnlich sagenhaft. In diesem Zusammenhang ist erstaunlich, dass das Ausbrüten der Legende so lange gedauert hat und immer noch andauert. Frau könnte fast auf die Idee kommen, dass da Leute beteiligt waren, deren Arbeit so geheim war, dass sie selber nicht wussten, was sie taten, bzw. in/von welchem Geheimdienst sie beschäftigt waren.

Ähnliche:

  • Spioniert von der Ukraine aus in Russland: Hauptquartier der CIA...
    06.03.2024

    Geheime Spionagezentren

    Bericht: USA und Ukraine betreiben grenznahe Basen zu Russland. »Deutsches Luftabwehrsystem« sichert mindestens eine davon
  • Stiller Mitwisser: Bundeskanzler Scholz zu Besuch bei US-Präside...
    29.09.2023

    Ein Jahr Lügen über Nord Stream

    USA: Bei der Sprengung der Ostseepipelines ging es nicht um die Ukraine, sondern um die Furcht vor einem Verlust an Einfluss
  • Auch gegen Russland einsetzbar: Treibstoff aus Russland (4.2.202...
    18.04.2023

    Vorn Kampf, hinten Handel

    Seymour Hersh: Ukraine soll US-Gelder veruntreut und heimlich mit Russland gehandelt haben