Nord-Stream-Sage wird weitergesponnen
Von Philip Tassev
Die Legendenbildung im Fall Nord Stream scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Am Donnerstag berichtete der Spiegel: »CIA soll früh in Pläne der Nord-Stream-Angreifer eingeweiht gewesen sein«. Demnach hätten »Eingeweihte«, die der Redaktion des Magazins »seit Jahren« bekannt seien, bestätigt, dass ukrainische »Spezialisten für Sabotageaktionen« im Frühjahr 2022 dem US-Geheimdienst die Sprengung der Pipelines in der Ostsee vorgeschlagen haben sollen. Den Leuten von der CIA soll der Plan »gefallen« haben. Bei einem zweiten Treffen in Kiew habe es dann von den US-Agenten das Okay für die Aktion gegeben. In der Folge soll es zu weiteren Treffen zwischen den Ukrainern und den US-Amerikanern gekommen sein, bei denen den ukrainischen Sabotagespezialisten immer wieder gesagt worden sein soll: »Das ist gut so, das passt.« Dabei seien die Ukrainer auch davon ausgegangen, dass die CIA die Finanzierung der Operation übernehmen werde.
Dann jedoch sei Langley plötzlich im Frühsommer 2022 zurückgerudert. Warum die US-Seite von der Aktion Abstand nahm und die Ukrainer angeblich von der Durchführung abhalten wollten, kann der Spiegel jedoch nicht beantworten. Die Interessenlage sei in Washington auf einmal eine andere gewesen. Die US-Regierung war bemüht, Unterstützung für Kiew zu organisieren. »Warum sollten die USA da einen Anschlag auf die Infrastruktur eines Verbündeten gutheißen?«, fragt das Magazin naiv. Vielleicht, weil die guten Handelsbeziehungen zwischen der BRD und Russland den US-Strategen schon lange ein Dorn im Auge waren? Vielleicht, weil es stets zur US-Geostrategie gehörte, eine Annäherung Berlins an Moskau mit allen Kräften zu verhindern? Vielleicht, weil das US-Monopolkapital in der BRD eine Konkurrenz sieht und sich an den günstigen Öl- und Gaslieferungen aus Russland störte, die bekanntlich die Grundlage der deutschen »Exportwalze« bildeten?
Fragen wie diesen geht das Magazin leider nicht nach, behauptet gar, die US-Regierung habe versucht, die Attacke zu verhindern – ohne Erfolg: »Das Sabotageteam machte auch ohne den Segen der USA weiter«. Ein ukrainischer »Privatmann« habe dann die Kosten für Ausrüstung, Bootsmiete und Sprengstoff übernommen.
Zwar erwähnt der Spiegel die Drohung des damaligen US-Präsidenten Joe Biden vom 7. Februar 2022, gut zwei Wochen vor dem russischen Großangriff: »Wenn Russland einmarschiert, das heißt, wenn Panzer oder Truppen erneut die Grenze zur Ukraine überschreiten, dann wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen«. Dass diesen Worten Taten folgten, kann sich das Magazin offenbar nicht vorstellen. Schließlich ist es der Spiegel selbst gewesen, der maßgeblich an der Verbreitung der Story beteiligt war, wonach ein ukrainisches Kommando von Rostock aus mit einer Yacht zum 300 Kilometer entfernten Tatort gesegelt sei, um dort in 80 Meter Tiefe Sprengsätze an den Gasröhren anzubringen. Eine Tat, für die nach Ansicht von Tauchexperten sehr viel mehr Ausrüstung nötig gewesen sein muss, als auf eine 15 Meter lange »abgewetzte Charteryacht« passt.
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Leserbrief von Margitta Mattner (23. Februar 2026 um 13:26 Uhr)Danke, Philip Tassev für diesen Artikel, der einige der neuesten Darstellungen dieses Sprengungsvorgangs hinterfragt. Was mich betrifft, so bin ich sauer, regelrecht wütend, dass mich die Herrschenden für so kreuzdämlich halten und es wagen, mir immer weitere hanebüchene Geschichten aufzutischen, um »Gottes eigenes Land« vor jedem Verdacht der Schuld an der Sprengung zu bewahren! Ich weiß auch, es kümmert niemanden, ob die Mattnern sauer ist oder nicht; das hat sie umsonst, und sie spricht hier auch nur für sich selbst. Wenn viele das glauben, was man ihnen da einreden will, ihre Köpfe nicht zum Selberdenken nutzen, dann ist es eben so. Aber vielleicht gibt es noch Hoffnung, vielleicht finden sich doch einige Menschen im Lande, die genauso wütend darüber sind, derart für dumm verkauft zu werden.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (20. Februar 2026 um 15:43 Uhr)An der Nord-Stream-Legende wird weitergebastelt. Legenden der Geheimdienste sind für gewöhnlich sagenhaft. In diesem Zusammenhang ist erstaunlich, dass das Ausbrüten der Legende so lange gedauert hat und immer noch andauert. Frau könnte fast auf die Idee kommen, dass da Leute beteiligt waren, deren Arbeit so geheim war, dass sie selber nicht wussten, was sie taten, bzw. in/von welchem Geheimdienst sie beschäftigt waren.
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