Macron und Modi auf einer Linie
Von Jörg Kronauer
»Die französisch-indische Partnerschaft hat keine Grenzen«, schwärmte Premierminister Narendra Modi, als er am Dienstag Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron in Mumbai empfing: »Sie reicht von den Tiefen der Ozeane bis zu den höchsten Bergen.« Macron antwortete zum Beginn seiner dreitägigen Indien-Reise etwas trockener, ließ sich aber auch nicht lumpen: »Die französisch-indischen Beziehungen befinden sich in der Phase einer bemerkenswerten Beschleunigung.« Die Latte lag hoch. Im Dezember hatte Modi Russlands Präsidenten Wladimir Putin pompös empfangen, im Januar Bundeskanzler Friedrich Merz. Anfang Februar hatte er sich dann mit US-Präsident Donald Trump auf eine Beilegung des Zollkonflikts zwischen Indien und den USA geeinigt. Nun weiteten Modi und Macron die »strategische Partnerschaft«, die ihre Staaten bereits 1998 geschlossen hatten, zu einer »speziellen globalen strategischen Partnerschaft« aus.
Dabei handelt es sich nicht um einen leeren Begriff. Anlässlich Macrons Reise ist vor allem in Deutschland zuweilen darauf hingewiesen worden, dass der französisch-indische Handel gerade einmal ein Volumen von 15 Milliarden Euro erreicht. Das ist nicht einmal die Hälfte des deutsch-indischen Güterhandels, der zuletzt bei 31 Milliarden Euro lag. Die Stärke der Beziehungen zwischen Paris und Neu-Delhi liegt freilich anderswo. Ihr Ausbau erfolge »in Reaktion auf die Veränderungen der internationalen Ordnung«, erklärte Macron in Mumbai. Indien setzt alles daran, sich als global eigenständige Macht zu behaupten – daher auch sein Festhalten an der Kooperation mit Russland. Neu-Delhi nimmt aufmerksam wahr, dass in Europa vor allem Frankreich das gleiche Ziel verfolgt und auf »strategische Autonomie« orientiert.
Dazu passend haben Rüstungsgeschäfte in den indisch-französischen Beziehungen einen hohen Stellenwert. In seinem Bestreben, seine starke Abhängigkeit von russischen Waffen etwas zu lindern, hat Indien zuletzt vor allem auf Frankreich gesetzt. In den Jahren von 2020 bis 2024 kamen 36 Prozent der indischen Rüstungsimporte aus Russland, 33 Prozent aus Frankreich, darunter Kampfjets, Helikopter und U-Boote. Mit Blick auf letztere und auf die H125-Helikopter, die Indien von Frankreich erhält, hat Modis eingangs zitierte Schwärmerei durchaus einen materiellen Hintergrund: Der H125, der ursprünglich bei Airbus Helicopters im südfranzösischen Marignane gebaut wurde, ist als einziger seiner Art in der Lage, die höchsten Gipfel des Himalaja zu überqueren. Macron und Modi nahmen am Dienstag per Videoschaltung an der Eröffnung einer Fabrik im südindischen Bengaluru teil, in der Airbus und Tata Advanced Systems gemeinsam den H125 produzieren – in einer zivilen sowie in einer militärischen Version.
Modi und Macron thematisierten zudem Indiens Plan, 114 zusätzliche »Rafale«-Kampfjets zu erwerben. 2015 hatte Neu-Delhi bereits 36 »Rafale« für seine Luftwaffe, 2025 dann weitere 26 für seine Marine bestellt. Französische Waffensysteme haben aus indischer Sicht den Vorteil, dass sie kaum auf US-Komponenten angewiesen und deshalb einfacher handhabbar sind als viele Rüstungsgüter anderer europäischer Staaten. Neu-Delhi fordert, dass ein möglichst großer Teil der 114 Jets in Indien gefertigt wird – Technologietransfer inklusive. Daran hat Paris natürlich kein Interesse. Der genaue Deal muss noch ausgehandelt werden. Trotzdem hat die indische Regierung sich wenige Tage vor Macrons Besuch auf den Kauf festgelegt – für mehr als 30 Milliarden Euro. Unklar bleibt, wie es mit den Plänen weitergeht, auch russische Kampfjets des Typs Su-57 zu beschaffen. Moskau hat angeboten, sie ebenfalls in Indien zu produzieren. Mit ihnen träte Neu-Delhi in den exklusiven Kreis der Nutzer von Tarnkappenjets der fünften Generation (F-35, J-20, Su-57) ein. Die Entscheidung wurde jetzt aufgrund von US-Sanktionen aufgeschoben.
Zum Abschluss seiner Reise wurde Macron in Neu-Delhi erwartet, wo er an einem KI-Gipfel teilnehmen will – dem AI Impact Summit, einer Folgeveranstaltung zum Pariser AI Action Summit aus dem vergangenen Jahr. Erwartet wurden rund 20 Staats- und Regierungschefs, zudem die Bosse diverser führender IT-Konzerne – von Meta über Anthropic und Open AI bis zum französischen Unternehmen Mistral AI. Paris setzt alles daran, sich auch auf diesem Feld gegen die Übermacht US-amerikanischer und chinesischer Unternehmen zu behaupten.
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