Blanker Machtkampf
Von Jörg Kronauer
Natürlich war es nur eine Ausrede. Der angebliche Grund, den Bundeskanzler Friedrich Merz am Dienstag vorschob, als er das zahlende Publikum auf den wohl bevorstehenden deutschen Ausstieg aus dem Kampfjetprojekt FCAS vorbereitete, lautete: Es gebe ein ernstes Problem mit dem Anforderungsprofil. Wirklich? Dass Frankreich Atomwaffen und Flugzeugträger besitzt und dass seine Kampfjets also erstere einsetzen und von letzteren starten können müssen, ist ebensowenig neu wie die Tatsache, wonach beides für Deutschland zur Zeit nicht gilt. Das wusste man auch schon 2017, als Berlin und Paris das FCAS auf den Weg brachten. Wie sich divergierende Anforderungen an einen Kampfjet erfüllen lassen, das hat Lockheed Martin vorgemacht: Seine F-35 gibt es in Varianten für jeden Bedarf. Nein, es geht beim FCAS nicht um technische Probleme. Zwischen Deutschland und Frankreich herrscht, was Merz wenigstens in der Öffentlichkeit abzustreiten sucht: ein blanker Machtkampf.
Worum es letzten Endes geht, zeigt am klarsten ein Blick aufs große Ganze. Frankreich, ökonomisch in der EU seit je nur Nummer zwei, gleicht seinen Rückstand gegenüber Deutschland traditionell durch seine starke Stellung in Rüstung und Militär aus. Berlin setzt aber zum Überholen an. In Paris klammert man sich an alles, was geht: Man trumpft mit Plänen zur Stationierung von Truppen in der Ukraine auf, forciert nach Kräften den Rüstungsexport – aktuell in Indien – und kämpft darum, die Nase dort vorn zu behalten, wo man stark ist, in der Luft- und Raumfahrt etwa, so auch beim FCAS.
Darauf gibt es für Deutschland zwei mögliche Antworten. Die eine: Wenn man ohnehin im großen und ganzen auf dem Durchmarsch ist, sind kleine Zugeständnisse drin; die erhalten die Freundschaft. An einer französischen Führung beim FCAS scheiterte die deutsche Vormacht in der EU nicht. Ganz im Gegenteil: Zur Hegemonie gehört es, andere mit schmackhaften Ködern gefügig zu machen.
Das war seit der Reichsgründung im Jahr 1871 allerdings nie der deutsche Weg. Der – zweite Antwort – bestand stets darin, auf dem Weg zur Dominanz über Europa jede Konkurrenz abzuräumen – und das notfalls zum eigenen Schaden. Die Alternativen zum FCAS wären eine Beteiligung am britisch-italienisch-japanischen GCAP und eine Kooperation mit der schwedischen Saab. Bei ersterem sind die technologisch-industriellen Filetstücke längst verteilt; bei letzterer wäre der zeitliche Rückstand noch größer als beim FCAS. Der einzige »Vorteil« für Berlin bei einem Ausstieg aus dem FCAS läge darin, dass Paris das Projekt kaum allein finanzieren könnte, womit die Weiterentwicklung seiner Luftfahrt also in Frage stünde: Frankreich trüge den größeren Schaden davon. Die deutsche Dominanz wirkte noch stärker. So schien es aber schon mehrfach in der Geschichte Deutschlands, bis diese Dominanz immer wieder auch an der Unfähigkeit zerbrach, Verbündete oder Kollaborateure durch ein wenig Teilhabe einzubinden.
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