Fremd werden, fremd bleiben
Von Kai Köhler
Erkennen sie ihn wirklich nicht? Tun sie nur so? Als Hein nach 14 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, eine abgelegene Insel, wird er wie ein Fremder behandelt. Das kann vernichtend wirken. Wir sind irgendwann in vorindustrieller Zeit, und ein Leben außerhalb der Dorfgemeinschaft, die aus wenigen Dutzend Leuten besteht, ist kaum vorstellbar. Also packt Hein bei der Arbeit mit an. Einige der Männer zeigen Anzeichen von Freundlichkeit. Die eigentliche Prüfung aber ist ein dreitägiges Gericht, das von der Dorfvorsteherin geleitet wird. Heins Erinnerungen werden mit denen der Dorfbewohner abgeglichen. Zunächst fällt das Ergebnis für Hein desaströs aus.
Drehbuchautor und Regisseur Kai Stänicke geht es in »Der Heimatlose« nicht um Milieuschilderung. Die Dörfler sprechen ein stark stilisiertes Deutsch, den Häusern fehlen Dach, teils Außenwände. Sie sind so offenkundig Kulisse wie die in »Dogville« (2003). Doch weist »Der Heimatlose« nicht die Konsequenz von Lars von Triers misanthropischem Meisterwerk auf. Der Film konzentriert sich zunehmend auf die Frage, wie Erinnerung konstruiert wird, und auf den Unterschied von Innen- und Außenwahrnehmung. Mag das Ende auch vorhersehbar sein – Stänicke hat für sein Spielfilmdebüt ein Modell gefunden, mit dem er den bescheidenen Sozialrealismus vieler gegenwärtiger deutscher Produktionen weit übertrifft.
Um Debüts geht es in der Berlinale-Sektion »Perspectives«, die seit dem vergangenen Jahr Teil des Festivals ist. Die Kurzbeschreibungen der vierzehn Beiträge klingen interessanter als die der meisten Wettbewerbsfilme (wozu in diesem Jahr nicht sehr viel gehört). Die Mehrzahl der Debütanten hat Stoffe gewählt, die über ein enges Familienumfeld und private Verletzungen hinausweisen. Es ist da nicht notwendigerweise Jugend am Werk. Stänicke zum Beispiel ist 1986 geboren – Filme zu finanzieren ist oft nicht weniger schwierig, als sie zu drehen. Immerhin zeichnet sich ein Interesse an Gruppenprozessen ab.
Die sind dann am besten dramaturgisch zu fassen, wenn es eine Gruppe in einem abgeschlossenen Raum gibt. So kommen etwa ein Jugendgefängnis (»Animol«) oder eine Berghütte (»Forêt ivre«) vor, die isolierte Insel wurde schon genannt. In diese Reihe gehört auch eine Kaserne, zumal wenn sie in ein Gefängnis umgewandelt wird. Juan Pablo Sallato hat seinen Film »Hangar rojo« betitelt, der rote Hangar. Die Zeit der Handlung, die auf reale Begebenheiten zurückgeht, umfasst wenige Stunden vor und nach dem Putsch chilenischer Militärs gegen Salvador Allende am 11. September 1973. Zentrale Figur ist der Luftwaffenhauptmann Jorge Silva, der Allende bereits einmal das Leben gerettet hat und nun von reaktionären Offizieren misstrauisch beobachtet wird.
Aus Sicht der Putschisten musste man solche Leute beseitigen, mindestens kompromittieren. Tatsächlich gab es eine ganze Reihe chilenischer Offiziere, die loyal zur demokratisch gewählten Regierung standen und dies mit Gefangenschaft und Folter, einige mit dem Tod bezahlten. Jorge Silva aber soll ein Komplize werden. Auf dem Luftwaffenstützpunkt, den er kommandierte, wird noch am Tag des Putschs ein Verhör- und Folterzentrum eingerichtet, nach den Opfern zynisch eben als »roter Hangar« benannt. Silva wird für ein Verhör eingeteilt, schafft es, ohne Gewalt ein Ergebnis zu liefern. Er bekommt den Befehl, eine Gruppe von Linken zu überstellen und auf dem Weg bestimmte Gefangene – »auf der Flucht erschossen« – zu ermorden. Silva indes liefert alle Häftlinge ab.
Der Film hat einen Helden, bei dem er die ganzen 81 konzentrierten Minuten Laufzeit bleibt. Oft ist die Kamera dicht hinter dem Kopf Silvas, fast sehen wir die Welt mit seinen Augen. Dennoch bleibt er uns fremd. Gefühle zeigt Silva nur bei den beiden Besuchen bei seiner Frau, und auch da äußerst diskret. Unter Militärs gibt sich niemand verschlossener als er, folgt keiner einer strikteren Pflichtauffassung. Auch unter den neuen Bedingungen, die ihm zuwider sind, gehorcht er – solange er nicht foltern und morden muss. Er rettet Gefangenen das Leben, aber vielleicht nur vorläufig – schließlich liefert er sie ab. Danach flieht er nicht, sondern stellt sich seinem Vorgesetzten; der Abspann informiert, dass für den realen Jorge Silva Folter und Haft die Folge waren. »Hangar rojo« ist eine erkenntnisreiche Studie über unbedingte Pflichttreue, mit ihren Vor- und Nachteilen.
»Der Heimatlose«, Regie: Kai Stänicke, BRD 2026, 122 Min., Perspectives, 19.2.
»Hangar rojo«, Regie: Juan Pablo Sallato, Chile/Argentinien/Italien 2026, 81 Min., Perspectives, 18.2.
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